Klasse gehalten: Alles richtig gemacht?

Dieser Text erschien zuerst in der Kolumne „Einwurf aus der Rosenau Gazette“ bei presse-augsburg.de.

Samstag 04. Mai 2019 um 17:20 Uhr: Der FC Augsburg löst das Ticket für seine neunte Bundesligasaison in Folge und bleibt erneut erstklassig. Dafür musste man noch nicht einmal selbst ins Geschehen eingreifen. Durch einen Sieg der Berliner Hertha gegen den VfB Stuttgart ist der Punktevorsprung der Augsburger an den letzten Spieltagen – unbeachtlich des Ausgangs der Partie auf Schalke – für die Stuttgarter nicht mehr einzuholen. Hurra!

Dem voraus ging wohl eine der faszinierendsten Saisonwenden, die dem FC Augsburg in der jüngeren Vergangenheit gelang. Nach einer langen Durststrecke, die unter anderem deutliche Klatschen auswärts in Bremen und Freiburg als auch eine deprimierende Niederlage gegen den zukünftigen Absteiger Nürnberg umfasste, schien die Mannschaft psychologisch nicht mehr an sich selbst zu glauben. Mit Jeffrey Gouweleeuw äußerte erneut ein Spieler den Eindruck, dass es keinen taktischen Plan gäbe. Mannschaft und Trainer Manuel Baum schienen sich auseinandergearbeitet zu haben.

Der Trainereffekt

So entschied sich die Vereinsführung vor fast einem Monat für einen neuen Impuls und tauschte innerhalb weniger Tage Trainer Manuel Baum gegen Martin Schmidt aus. Dieser kam aus der Schweiz angeflitzt, sorgte für einen Stimmungsumschwung und belebte den Offensivdrang. Die Mannschaft fuhr flugs nach Frankfurt und schlug die Eintracht nach glücklichem Spielverlauf deutlich 3:1. Im Heimspiel gegen Stuttgart folgte in der Woche darauf ein krachendes 6:0. Auch die folgende Heimniederlage gegen Bayer 04 Leverkusen konnte nicht mehr verhindern, dass die Wende geschafft und der Abstieg verhindert war. Eine kurzfristige Entwicklung, die ich persönlich unter Manuel Baum für nicht mehr möglich gehalten habe.

Steht mit dem Klassenerhalt fest, dass die Vereinsführung alles richtig gemacht hat? Es scheint auf den ersten Blick so. Allerdings hat auch die Vereinsführung nicht dazu beigetragen, dass diese Saison erfolgreicher verlaufen wäre. Es war direkt nach der Winterpause deutlich zu erkennen, dass Manuel Baum kämpfen musste. Ruhe und Konzentration hätten uns vielleicht durch die Saison gebracht und eine vorzeitige Eskalation vermieden.

Die Desaster des Jahres: Lehmann und die Personalentscheidungen

Indem man Manuel Baum Jens Lehmann an die Seite gestellt hatte, wurde die Ruhe im Augsburger Umfeld auf offenem Feld verbrannt. Im Nachhinein war dies wohl eine der wahnwitzigsten Ideen überhaupt. Wahrscheinlich hatte niemand angenommen, dass der Medienrummel dieses Ausmaß annehmen würde. Gerade in Augsburg ist die Ruhe, mit der ein Trainerteam arbeiten kann, einer der größten Vorteile im Vergleich zur Konkurrenz. Die Verpflichtung eines Fußball-Hyperprominenten mit fragwürdiger Persönlichkeit (ich denke z.B. an die öffentlich gewordenen Dispute Jens Lehmanns mit den Finanzbehörden) hat zum genauen Gegenteil geführt. Augsburg wurde zum Zeitpunkt der Verpflichtung von Journalisten belagert und Lehmann Spiel um Spiel beäugt und beobachtet. Was ein Rummel um einen Co-Trainer.

Dazu hat es das Management um Stefan Reuter im Winter auch nicht geschafft, die Personalien Caiuby und Martin Hinteregger geräuschlos zu lösen. Bei beiden Spielern hatte man sich selbst in Situationen gebracht, wo ein Abgang des Spielers notwendig geworden war, um zumindest kurzfristig wieder für Ruhe rund um die Mannschaft zu sorgen. Durch beide Abgänge sind Lücken im Kader entstanden, die nicht adäquat geschlossen wurden. Wie auch, wenn man im Winter sportliche Leistungsträger verschenkt und niemanden auf den jeweiligen Positionen verpflichtet?

Mit dem Trainertausch ist es nicht getan

Insofern war zwar der Trainer-Tausch am Ende die richtige Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt. Diesem ging allerdings auch auf Seiten des Managements des FCA eine Saison voller Pleiten, Pech und Pannen voraus, die Manuel Baum das Leben nicht erleichtert hat. Manuel Baums Grundlagenarbeit scheint zudem sehr gut gewesen zu sein, wenn es daraufhin einem neuen Trainer sehr schnell gelingt, die Mannschaft zumindest kurzfristig wieder auf die Erfolgsspur zu führen.

Insofern bleibt für die neue Saison einiges zu tun und zu ändern. Im Bereich der Kaderplanung hat sich der FCA von Stephan Schwarz getrennt und mit Timon Pauls einen neuen Kaderplaner verpflichtet, der vom großen FC Bayern kommt. Insgesamt scheint sich im Vereinsmanagement noch an anderen Stellen etwas zu tun, nachdem man laut Sponsors mit Björn Endter zudem einen Marketing- und Vertriebsprofi von Schalke 04 loseisen konnte. Es bleibt zu hoffen, dass man selbst erkannt hat, an welchen Stellen Fehler gemacht wurden und diese vor der nächsten Saison so gut wie möglich behoben werden.

Sportlich kann man in dieser Saison nur von Glück sprechen, dass sowohl Nürnberg, Hannover als auch Stuttgart wahrlich desolate Saisonleistungen abgeliefert haben. Da sind wir mit unserer schlechten Saison gerade nochmal durchgerutscht. In einem anderen Jahr reicht eine solche Leistung vielleicht schon nicht mehr für den Klassenerhalt. Um das im nächsten Jahr zu vermeiden, bedarf es daher einer klaren Definition eines sportlichen Zielbilds zwischen Trainer und Management und einer abgestimmten Kaderplanung mit klar definierten Spielerrollen.

Transferkracher braucht die Stadt

Im Anschluss ist es notwendig 2-3 Verpflichtungen zu tätigen, die den Kader gezielt in der Spitze verstärken. Wir brauchen Spieler, die der Mannschaft sofort helfen und uns voranbringen. Ein reines “weiter so” mit dem bestehenden Kader wird uns eben nicht weiterbringen. Zudem sollte man auch bei einigen Spielern, bei denen wir seit Jahren auf den Durchbruch warten, einen konsequenten Schlussstrich ziehen. Nach dem Brimborium in der Winterpause wird es umso wichtiger sein, den Kader und zukünftige Neuverpflichtungen mit Fokus auf ein gewisses charakterlichen Profils zu betrachten. Eine Rückkehr von Caiuby wäre in diesem Zusammenhang ein fatales Signal.

In der neuen Saison muss es dann wieder die erste Prämisse werden, die Ruhe zu bewahren. Jede Maßnahme darf diesen Zweck nicht untergraben. Wenn wir es wieder schaffen, als langweilige graue Maus in der Bundesliga unter der Wahrnehmungsgrenze mitzuschwimmen, dann können wir vielleicht sportlich auch wieder überraschen. Sollte allerdings die weitere Entwicklung dazu führen, dass wir unseren Vorteil des sportlich ruhigen Arbeitsumfelds aufgeben, dann werden wir uns sportlich weiter schwer tun. 9 Jahre erste Bundesliga am Stück. Wer hätte das gedacht? Jetzt soll es aber zweistellig werden und dafür geht die Arbeit jetzt erst richtig los. Unser Vorteil im Moment ist, dass wir im Gegensatz zu anderen Vereinen schon anfangen können, für den Klassenerhalt 2020 zu kämpfen. Auf geht’s!

Euer Pessimismus ist unser Antrieb

Dieser Text erschien zuerst in der Kolumne „Einwurf aus der Rosenau Gazette“ bei presse-augsburg.de.

Vor der letzten Saison war im Umfeld des FCA deutlich wahrnehmbar, dass die Erwartungshaltung gestiegen war. In der Saison zuvor hatte man in der Europa League gespielt. Auf dem Transfermarkt hatte man wieder ordentlich Scheine hingeblättert beispielsweise für Martin Hinteregger und Johnny Schmid. Auch in der Lokalpresse wurde der Anspruch formuliert, dass sich der FCA mit diesem Hintergrund im Mittelfeld der Bundesliga etablieren müsse.

Ich habe schon vor einem Jahr leidenschaftlich dagegen angeschrieben. Was danach kam, ist bekannt. Dirk Schuster wurde als erster Trainer seit vielen Jahren im Herbst in Augsburg entlassen und wir kämpften ein Jahr verbissen um die Klasse. Zumindest am Ende kämpften wir.

Diese Saison sind die Vorzeichen etwas anders. Nachdem wir uns letzte Saison nur selten mit spielerisch attraktivem Fußball hervorgetan hatten, sind wir in diesem Jahr wieder designierter Abstiegskandidat. Das liegt vor allem auch daran, dass mit Hannover und Stuttgart erfahrene Erstligisten direkt wiederaufgestiegen sind. Diese sind uns mit ihrem wirtschaftlichem Umfeld weiterhin überlegen. Die Abstiege werden bei diesen Clubs als zwischenzeitliche Betriebsunfälle betrachtet, die nun behoben sind. Das führt dann in Teilen zu niederschmetternden Saisonprognosen so mancher Experten. Tobias Holtkamp, Kolumnist bei der Welt, hat direkt mal einen rausgehauen: Platz 18 für den FCA.

Bundesliga-Vorbereitung startet!! Hier schon mal vertraulich die Abschlusstabelle #exklusiv pic.twitter.com/VAS5ysl7CY

— Tobi Holtkamp (@Rune4) 3. Juli 2017

Auch die Stimmung unter den FC Fans hat sich nach meinem persönlichen Eindruck etwas abgekühlt. Es ist wieder Pessimismus eingekehrt. In tiefgreifender Analyse habe ich  festgestellt, dass der Augsburger – als Grantler Galore – somit quasi zu seinem Normalzustand zurückgekehrt ist. Falls ihr es noch nicht wusstet: Es geht alles den Bach runter in Augsburg, auch der FCA hat seine besten Zeiten schon gesehen. Das Problem daran: Wir sind gerade eben nicht abgestiegen und spielen nächstes Jahr schon wieder in der ersten Bundesliga.

Aber durch diese Wahrnehmung des FCA in Deutschland und Augsburg wird sich einiges erleichtern. Offensichtlich sind wir erstmal wieder der Underdog in allen Spielen in der nächsten Saison. Wir müssen nicht das Spiel machen, können den Gegner kommen lassen und so wird sich von der Spielgestaltung her einiges für uns verbessern. Wenn sich Manuel Baum von seiner Rhetorik in der kommenden Saison etwas verbessert, dann wird er auch keine Spektakel mehr versprechen und wir werden vielleicht trotzdem mehr Spiele wie das in der Rückrunde gegen den HSV sehen. Der Erwartungsdruck verschiebt sich. Die Psychologie ist vorerst wieder auf unserer Seite und wir können befreit aufspielen.

Es wird auch zu Hause leichter werden. Im Stadion werden sich weniger Menschen befinden, die Siege erwarten. Es werden eher Menschen da sein, die das Erlebnis erste Bundesliga an sich zu schätzen wissen. Das beinhaltete in den Bundesligajahren zumeist eine großartige Stimmung und einen leidenschaftlichen Support im Lechfeldstadion. Es hat sich in der Endphase der letzten Saison gezeigt, was wir erreichen können, wenn alle zusammen halten. Ich hoffe, dass sowohl die Mannschaft als auch die Fans dieses Gefühl in die neue Saison transportieren können.

Denn das Problem vor dieser Saison ist realistischerweise: Klare Abstiegskandidaten wie Darmstadt oder Ingolstadt sind nicht zu erkennen. Und selbst wenn wir schon einige Neuzugänge vermelden konnten und uns unter Manuel Baum stabilisiert haben, ist dieses Jahr die Herausforderung höher. Mit einer phasenweise dahingeschummelten Saison wie im letzten Jahr wird es vermutlich nicht reichen. Es wird Zeit, dass wir dauerhaft unsere eigene Mentalität wiederfinden. Und zu allem Pessimismus gehört eben auch eine gehörige Portion Trotz. Jedem der uns abschreibt, lasse ich gerne seine Meinung. Sollen die Leute das zum jetzigen Zeitpunkt ruhig tun. Aber wenn die neue Saison startet und das erste Spiel angepfiffen wird, dann werden wir es denn Zweiflern erneut zeigen. Zum siebten Mal. Und dieses Jahr sollte allen klar sein: Es wird die Nacht zum Tag gemacht, wenn die Klasse gehalten wurde.

 

Wir bleiben drin: Jetzt geht es nur noch um den Trainer

Dieser Text erschien zuerst in der Kolumne „Einwurf aus der Rosenau Gazette“ bei presse-augsburg.de. 

Das Spiel gegen Schalke ist vorbei und der FC Augsburg hat den Klassenerhalt gesichert. In Augsburg wird in der nächsten Saison im sechsten Jahr nacheinander Bundesliga gespielt. Unglaublich. Auch nach dem Ausfall von mehreren Spielern vor und während des Spiels hat die Mannschaft zusammengehalten und einen Punkt erkämpft. Klar, eine Niederlage hätte bei den Ergebnissen der Konkurrenz auch gereicht, aber die Mannschaft ist intakt und macht eine Menge Spaß. Dennoch gibt es weiterhin ein Thema, das sehr vieles beim FC Augsburg überlagert. Natürlich geht es um die Besetzung des Trainerpostens für die nächste Saison.

In dieser Woche wurde das Thema nicht vom FC Augsburg selbst oder aus Schalke befeuert, sondern durch die Verpflichtung von Markus Kauczinski in Ingolstadt. Der derzeitige Ingolstädter Trainer Ralph Hasenhüttl wird die Schanzer im Sommer ein Jahr vor Ablauf seines Vertrags zum Retortenclub nach Leipzig verlassen und dort Ralf Rangnick ablösen, der sich wieder vollständig auf die sportliche Führung des “Vereins” konzentrieren kann.

Was kann man aus diesem Vorgang für die Augsburger Trainersituation ableiten?

  1. Ganz offensichtlich: Markus Kauczinski wird nicht der Nachfolger von Markus Weinzierl. Der Name war sehr präsent in Augsburg und es gab eine starke Vermutung, dass dies so wäre und das bzgl. der Verkündung nur noch darauf gewartet würde, dass der Klassenerhalt endlich sicher ist. Wer auf Markus Weinzierl nachfolgen wird, wenn es denn wirklich zum Abschied kommt, ist für mich damit vollkommen offen.
  2. Es scheint so, als ob sich an der starken Vermutung, dass Markus Weinzierl den FC Augsburg verlassen wird, nichts geändert hat. Schalke 04 scheint immer noch der heißeste Kandidat auf seine Verpflichtung zu sein, aber auch Borussia Mönchengladbach taucht immer wieder in den Diskussionen auf. Die Rekordablöse für einen Trainer in der Bundesliga, die nun durch den Hasenhüttl-Transfer gesetzt wurde (wohl zwischen 1,5 und 2 Mio. EUR) wird fallen. Ich habe geschrieben, warum Markus Weinzierl ein Vermögen wert ist, aber auch, dass ich ihm zu einem Wechsel nicht raten würde.
  3. Ich gehe davon aus, dass der FC Augsburg Weinzierl erst dann gehen lässt, wenn ein Nachfolger gefunden ist. Alles andere wäre unvernünftig und unvernünftig ist nicht Reuter und Hofmann. Die Chance, dass Weinzierl jetzt bleibt sind damit evtl. minimal gestiegen, wenn man die Möglichkeit in Betracht zieht, dass die beiden einem Wechsel den Riegel vorschieben, wenn kein geeigneter Kandidat aufzufinden ist und Kauczinski jetzt vom Markt ist.
  4. Kauczinski war ein sympathischer Kandidat, der in Karlsruhe Tolles geleistet hat. Ob es mit ihm in Augsburg geklappt hätte weiß man nicht. Wenn er nach Ingolstadt will, dann war er nicht der Richtige.
  5. Der Zeitrahmen ist wichtig. Deswegen gehe ich davon aus, dass jetzt nach dem Klassenerhalt zügig gehandelt wird. Markus Weinzierl hat nach dem Spiel auf Schalke angekündigt, sich wahrscheinlich übermorgen mit seiner Zukunft zu befassen. Nach dem Saisonende werden auch andere Vereine auf Trainersuche gehen und ihre derzeitigen Trainer entlassen. Stuttgart, Bremen oder Wolfsburg würden dann auf so manchen Kandidaten evtl. attraktiver wirken und entsprechend ist es wichtig, frühzeitig Sicherheit zu schaffen.

Ich bin ein großer Fan davon, für Markus Weinzierl auf einem zweistelligen Millionenbetrag als Ablöse zu bestehen. Allerdings kann ich es nachvollziehen, wenn man dem Trainer nach dieser tollen Zeit keine Steine in den Weg legen will und eine niedrigere Ablöse akzeptiert. Der Fokus iliegt zu diesem Zeitpunkt wohl darauf, den richtigen Nachfolger für Markus Weinzierl zu finden. Mir bereitet dieser Punkt Kopfschmerzen. Markus Weinzierl ist der erfolgreichste Trainer der Vereinshistorie. Er ist zudem die bedeutendste Trainerpersönlichkeit seit Rainer Hörgl. Hörgl war damals nicht ersetzbar und die Phase mit Ralf Loose und Holger Fach schmerzhaft. Stefan Reuter und Klaus Hofmann haben in dieser Konstellation zusammen noch nicht einen Trainer verpflichtet. Das mag nichts heißen. Aber wenn ich mich einer Operation am offenen Herzen unterziehen müsste, dann wüsste ich gerne, dass der behandelnde Arzt die Operation schon 1000 mal durchgeführt hat und dabei immer erfolgreich war. Wenn Weinzierl geht, steht uns der größte Umbruch seit langem bevor. Es war klar, dass dieser Zeitpunkt kommen muss. Toi, toi, toi, das der neue Trainer an die Arbeit seines Vorgängers nahtlos anschließen kann.