Aus dem Tritt gekommen

Gegen Mainz letzten Samstag war kein schöner Tag für FCA Fans. Die Ausgangslage war klar vor dem Spiel gegen den Tabellen-17.: 3 Punkte sollten es sein. Am Ende lieferte die Mannschaft von Jess Thorup ein Spiel ab, das man gerne schnell wieder vergisst. Die 3 Punkte wird man hoffentlich am Ende der Saison nicht vermissen. Mit auf dem Platz war mal wieder Elvis Rexhbecaj, der nicht nur auf dem Rasen ein Dauerbrenner ist, seit er in Augsburg ankam. Auch neben dem Platz steht er in kritischen Phasen Rede und Antwort, wie jetzt mir in dieser Woche.

Andy: Jess hat auf der PK vor dem Mainz-Spiel gesagt, dass intern ambitionierte Ziele kommuniziert sind und jeder weiß, worauf es ankommt. Welche Ziele habt ihr als Team?

Elvis: Es ist viel möglich und alles eng beisammen. Wir sehen ja, wie schnell Teams nach oben oder nach unten rutschen können. Wenn Du zweimal gewinnst, dann bist Du gleich wieder oben dran. Wir haben uns vorgenommen, unsere Leistung konstant abzurufen und Punkte zu sammeln. In der Rückrunde haben wir sehr gute Spiele abgeliefert, aber wir haben teilweise nicht genug Punkte gesammelt. Und dann schauen wir wofür das reicht.

Andy: Nun hat das gegen Mainz nicht geklappt.

Elvis: Mainz war nach dem Auswärtsspiel in Bremen mal wieder so ein Tag, an dem zu viele Spieler nicht auf ihr Leistungsniveau gekommen sind und in dem wir das, was wir uns vorgenommen hatten, nicht umgesetzt bekommen haben. Mainz hat es einfach gehalten und uns in die Bredouille gebracht. 

Andy: Diese inkonstanten gibt es jetzt beim FCA schon länger. Wann hast Du das für dich gegen Mainz gemerkt, dass das an dem Tag nichts wird?

Elvis: Es ist ja nicht so, dass wir in das Spiel gegangen sind und schon gedacht hätten, es läuft nicht. Wir haben dann in der ersten Halbzeit immer wieder spielerisch versucht Lösungen zu finden, anstatt auch mal einen Ball hinter die Kette zu spielen. Und dann haben wir in der Anfangsphase immer wieder die gleichen Fehler gemacht und diese nicht abgestellt bekommen. In der zweiten Halbzeit ging es dann so weiter und am Ende haben wir verdient nichts mitgenommen. An solchen Tagen klappen die einfachen Dinge nicht und irgendwann verkrampfst Du dann. Du willst es dann zu sehr und es wird einfach nichts.

Andy: Im Nachgang wurde öffentlich, dass es in der Halbzeit laut zuging und Jess auch laut wurde. Wie hast Du das wahrgenommen?

Elvis: Das war jetzt für mich nicht das erste Mal, auch wenn es unter Jess das erste Mal war. Auch wir Spieler sind übrigens laut geworden, weil wir ja selbst nicht mit der Leistung in der ersten Halbzeit zufrieden waren. Von daher hat mich das nicht irritiert.

Andy: Warum ist es euch dann nicht gelungen, nach der Halbzeit den Schalter umzulegen, wie das z.B. gegen Gladbach der Fall war?

Elvis: Du kannst das Spiel gegen Mainz nicht mit dem Gladbach-Spiel vergleichen. Wir haben gegen Gladbach in der Anfangsphase gut gespielt und sind dann – auch durch die Unterbrechungen – etwas aus dem Tritt gekommen. Gegen Mainz haben wir schon am Anfang nicht in die Partie gefunden und auch nach der Halbzeit nicht. Da wurde dann in der zweiten Halbzeit unterbrochen, aber auch das hat uns nicht geholfen. Gegen Gladbach konnten wir uns schlicht nach der Halbzeit durch unsere Tore selbst für unsere gute Partie belohnen. Gegen Mainz haben wir die erste schlechte Partie seit dem Auswärtsspiel gegen Bremen abgeliefert.

Andy: Mainz war aber – bei allem Respekt – auch ein anderer Gegner als Gladbach? 

Elvis:  Der Tabellenplatz von Mainz bedeutet ja nicht, dass die nichts können. Die haben gegen Bremen ein Spiel auf ein Tor abgeliefert und fragen sich heute noch, wie sie das verloren haben. In der Bundesliga darfst Du keinen Gegner unterschätzen. Gegen Mainz kannst Du schon verlieren, aber die Art und Weise hat schlicht am Wochenende nicht gepasst.

Gegen Elvis in den Zweikampf zu gehen? Unangenehm. Nach dem Spiel zu plaudern? Sehr gerne. (Photo by CHRISTOF STACHE/AFP via Getty Images)

Andy: Wie war nun die Aufarbeitung nach dem Spiel?

Elvis: Wir haben uns am Sonntag unsere Fehler gemeinsam angeschaut und Jess hat auch am Mittwoch nochmal etwas dazu gesagt. Uns ist klar, dass die Art und Weise nicht akzeptabel war. Wir wissen aber prinzipiell was wir können, arbeiten im Training sehr intensiv und lassen uns durch diese Partie nicht verunsichern. Jetzt liegt der Fokus auf dem Heimspiel gegen Freiburg.

Andy: Wie schätzt Du Freiburg ein?

Elvis: Freiburg ist ein gestandenes Bundesligateam. Sie sind in einigen Bereichen sehr gut, müssen sich aber ihre Punkte dieses Jahr auch erarbeiten, weil sie sich schwerer mit dem Ball tun als vielleicht noch in der Vorsaison. Ich erwarte ein enges Spiel auf Augenhöhe, in dem sich die Mannschaften vielleicht auch über weite Strecken neutralisieren. Und dann müssen wir natürlich aufmerksam sein, weil Freiburg mit Grifo einen exzellenten Standardschützen hat und gerade solche Aktionen in diesem Spiel dann entscheidend sein können.

Andy: Taktisch hat sich seit dem Winter geändert, dass ihr nun mit einer Mittelfeldraute spielt, um das Zentrum zu stärken. Wo siehst Du hier die wesentlichen Unterschiede zu vorher?

Elvis: Wir haben damit nun eine offensivere Ausrichtung, da sich direkt 5 Spieler offensiv einbringen können. Einer von Jess Grundsätzen ist ja das „Offensive Mindset“ und das spiegelt sich hier wieder. Für mich persönlich ändert sich dort nicht allzu viel, nachdem ich vorher auch schon die eher offensiv ausgerichtete Rolle im 6er-Raum übernommen habe. Ich versuche mich weiter immer reinzuhängen und alles zu geben.

Andy: Wie siehst Du deine eigene Rolle im Team, nachdem Du in der Truppe ja mit die meisten Bundesligapartien auf dem Buckel hast und einer der Erfahrenen bist?

Elvis: Für mich war es bisher immer wichtig zu spielen und meine Zeit in der Bundesliga zu nutzen und ich habe in Wolfsburg, Köln und Bochum immer viel Spielzeit erhalten. Davon profitiere ich jetzt. Auf dem Platz bin ich ja eine andere Person als abseits des Platzes. Auf dem Platz seht ihr mich emotional und aufgedreht. Abseits des Platzes bin ich ein ruhiger und freundlicher Typ. Ich kann kritische sportliche Situationen durch meine Erfahrung einordnen und bin dankbar für meinen Job. Ich weiß es sehr zu schätzen, Bundesliga zu spielen und gebe jüngeren Spielern auch gerne eine Hilfestellung, wie sie mit Situationen umgehen können.

Andy: Und nach 1,5 Jahren bist Du mittlerweile in Augsburg heimisch geworden?

Elvis: Es ist in Augsburg sogar besser als erwartet. Klar, sportlich habe ich Vertrauen und Spielzeit erhalten und bin dafür dankbar. Abseits des Platzes hat man im Norden vielleicht schon das ein oder andere Vorurteil über die Bayern. Spaß beiseite. Die Stadt ist toll, ich wohne zentral und weiß die Lebensqualität sehr zu schätzen.

Andy: Ich mag mich für deine offene, zugängliche Art heute bedanken und wünsche viel Glück für Sonntag.

Elvis: Danke Dir.

Auf dem Weg zur Stabilität

Dieser Text erschien zuerst in der Kolumne „Einwurf aus der Rosenau Gazette“ bei presse-augsburg.de.

Wenn man auf den FC Augsburg schaut, dann war es in den letzten Jahren immer so, dass irgendetwas war, was den nachhaltigen sportlichen Erfolg verhinderte. Über viele Jahre lief es nicht gut. Es kumulierte, bis letztes Jahr das Team auf Schützenhilfe angewiesen war, um die Klasse zu halten. Trainer kamen, Trainer gingen. Leistungsträger sahen ihre Zukunft bei anderen Clubs. Eine allgemeine Unzufriedenheit war an allen Ecken zu erkennen, nur zu beheben wusste sie lange keiner.

Momentan ist das anders. Ja, man kann an manchen Stellen weiter konstruktiv Kritik üben (wie ich es ja regelmäßig mit Blick auf die Durchlässigkeit vom NLZ zu den Profis tue). Was will man an den im Tagesgeschäft beheimateten Themen groß kritisieren? Dass man gegen heimstarke Bochumer nur 1:1 gespielt hat? Um was es jetzt geht: Stabilisierung. Der FCA muss jetzt zeigen, dass er regelmäßig sportlich überzeugen kann, damit endlich Ruhe einkehrt. Die Voraussetzungen hierfür sind besser denn je.

Beste Voraussetzungen

Ich hatte gefordert, dass der Kader im Winter einen Umbau braucht. Von mir war klar formuliert, dass der FCA mindestens 6 Spieler abgeben soll. Dazu rechnete ich mit 1-2 qualitativ hochwertigen Neuzugängen. Marinko Jurendic legten hier Punktlandungen hin. Sieben Spieler, die in der Hinrunde kaum bis keine Rolle gespielt hatten, verließen den Verein für immer oder zumindest für die Rückrunde. Mit Jakic und Pep Biel kamen zwei Neuzugänge, die beide schon zeigen durften was sie können.

Hervorzuheben ist an dieser Stelle auch, dass der FCA keinen Leistungsträger abgegeben hat. Ruben Vargas, der mit der Fiorentina in Verbindung gebracht wurde, blieb schlussendlich, nachdem man immer wieder von unterschiedlichen Angeboten lesen konnte. Und bei den Top-Leistungsträgern wie Ermedin Demirovic kamen noch nicht einmal Gerüchte auf. Mit Jeff Gouweleeuw konnte man einen Dauerbrenner der Hinrunde und eine Stütze des Teams sogar für mindestens eine zusätzliche Saison binden. Arbeit für alle zusammen bleibt trotzdem.

Jakic brachte zusätzliche Qualität, jetzt müssen alle das Maximum aus sich herausholen. (Photo by Christof Koepsel/Getty Images)

Weitere Verbesserungen notwendig

Standard-Trainer Lars Knudsen, der nun im Winter zusätzlich zum Trainerteam hinzugestoßen war, beurteilen wir nun mal nicht an seinem kurzfristigen Erfolg. Man kann offensiv die ein oder andere neue Variante, gerade auch bei den Ecken, erkennen, zählbares brachten diese Veränderungen aber noch nicht ein. Und auf der Gegenseite spielt der FCA weiterhin nicht zu null, weil die anderen Teams zumindest über Standards im Moment regelmäßig zum Erfolg kommen. Als Bochumer Stürmer konnte man sich nur wundern, wie der Ball nach einer Ecke so wundervoll den Weg fand und dann auch noch der Platz für den Seitfallzieher da war. Was ein Loch mitten im Sechzehner. An der Standardverteidigung arbeiten wir dann unter der Woche noch einmal.

Auf der anderen Seite hat der Kader nicht nur in der Spitze eine gute Qualität, sondern auch eine Breite. Von Konkurrenzkampf ist da zu lesen. Jess Thorup hat auf der anderen Seite seine Stammelf gefunden, von der nun nicht mehr abzuweichen scheint. Jakic für Dorsch ist der Verletzung von Niklas zuzuschreiben. Ansonsten ist die erste Elf des FCA absolut berechenbar. Auf der anderen Seite muss der ein oder andere Spieler aus der zweiten Reihe seine Chance bekommen, wenn er auf sich aufmerksam machen kann. Wie viel mehr soll z.B. ein Arne Maier tun, als einen Schuss an den Pfosten zu setzen und mit seinem Abschluss für den Elfmeter zu sorgen, um mehr Einsatzzeit oder auch eine Chance von Anfang an zu bekommen? Trotz Kaderausdünnung wird es Unruhe geben, wenn das Leistungsprinzip durch festgefahrene Rollen nicht mehr gilt. Hier wird es in den nächsten Wochen darauf ankommen, das Gleichgewicht zwischen festen Routinen und notwendigen Wechseln zu finden.

Kleinigkeiten

Die Bundesliga bleibt eine Liga in der Nuancen über den Ausgang von Partien entscheiden. Gerade die Interpretationen im Nachgang einzelner Partien bleiben spannend. Ich habe gestern an mancher Stelle gelesen, wie enttäuschend der Auftritt des FC Augsburg in Bochum gewesen sei. Das sehe ich nicht so. Bochum ist ein Team, dass versucht einen – ähnlich wie wir selbst – über intensives Spiel aus dem Konzept zu bringen. Das ist ihnen nicht gelungen. Man mag sich als FCA-Fan fragen, warum es bis zur zweiten Halbzeit brauchte, bis der FCA das Heft des Handelns übernahm. Ab dann war es bis zum Bochumer 16er flüssig. Am Ende stand ein höherer xG-Wert auf unserer Seite, genau wie mehr Abschlüsse und Ecken. Die Abschlüsse waren nicht zwingend und der Ausgleich am Ende war glücklich, aber mitnichten unverdient. Bei einem anderen Spielverlauf wäre hier mehr drin gewesen. So heißt es darauf aufbauen und weitermachen. Und eben nicht wieder in Rückstand geraten. Oder unruhig werden. Der FCA ist – wenn er sich nicht irritieren lässt – auf dem Weg zur Stabilität.

Wichtig: Offensive Freiheiten

Kurz vor Ende der Transferphase im Sommer kam mit Kevin Mbabu ein Spieler für die rechte Seite zum FCA. Die rechte Abwehrseite wurde im Umfeld des Vereins schon vorher als Problemzone identifiziert, ohne dass der FCA früher im Sommer Vollzug hätte vermelden können. Mbabu ist nun für 1 Jahr aus Fulham ausgeliehen und hat ein wenig gebraucht, um in Form zu kommen. Mittlerweile hat er starke Leistungen abgeliefert und es war nun vor dem Spiel gegen Leipzig ein guter Zeitpunkt für ein Zwischenfazit mit Kevin selbst.

Andy: Hallo Kevin, war das Auswärtsspiel in Bochum mit dem Wetter und den Bedingungen vor Ort das härteste Match bisher in dieser Saison?

Kevin: Es war schwer, aber das wussten wir vorher. Bochum ist eines der schwersten Auswärtsspiele. Die Bedingungen waren schwierig und es war sehr zweikampfintensiv mit vielen hohen Bällen. Wir haben alles gegeben und können unter den Umständen mit dem Punkt zufrieden sein.

Andy: Wie sehr nerven diese Rückstände? Ich kann mich spontan nicht erinnern, wann ihr mal nicht in Rückstand geraten seid?

Kevin: Ja, das ist schwierig. Einerseits können wir immer wieder zeigen, dass wir als Mannschaft mit diesen Situationen umgehen können. Andererseits wären wir auch tabellarisch noch erfolgreicher, wenn wir nicht immer in Rückstand geraten würden.

Andy: Und dazu immer wieder Standards. Wie oft trainiert ihr mittlerweile jede Woche Standardverteidigung?

Kevin: Seit Lars Knudsen (der neue Standardtrainer, Anm. d. Red.) hier ist, trainieren wir diese Situationen 2-3mal pro Woche. Er kann jetzt auch nicht schlagartig alles ändern, aber wir sind dran und ich gehe davon aus, dass wir uns hier verbessern werden. Wir lassen ansonsten wenig Chancen zu, daher ist es umso bitterer.

Kevin Mbabu ist ein mittlerweile ein Aktivposten für den FC Augsburg (Photo by Sebastian Widmann/Getty Images)

Andy: Offensiv war das nicht ganz so zielstrebig, wie in den Partien zuvor, in denen Du jeweils eine Vorlage beisteuern konntest. Woran lag es, dass die Flanken diesmal nicht angekommen sind?

Kevin: Bochum hat sehr kopfballstarke Innenverteidiger und hat die letzten 25 Minuten auch mit drei Innenverteidigern gespielt. Da war es schwer durchzukommen.

Andy: Nichtsdestotrotz finde ich persönlich, dass Du momentan deine besten Spiele für den FCA bisher spielst. Wie kommt es?

Kevin: Ich habe am Anfang etwas Zeit gebraucht um anzukommen und meine Form zu finden und dann war ich im Verlauf der Hinrunde ja auch kurz verletzt. Seitdem spiele ich aber regelmäßig und wir als Mannschaft finden immer mehr zusammen. Ich glaube auch, dass ich noch nicht am Maximum bin. Den besten Kevin habt ihr noch nicht gesehen.

Andy: Du warst verletzt bei Jess Thorups Einstand. Was hat er seitdem gemacht, das euch als Team vorangebracht hat?

Kevin: Er hat eine sehr offene Art zu kommunizieren und seine Tür ist immer offen. Wir bekommen auch nach jedem Spiel direktes Feedback von ihm. Er hat es so geschafft, dass wir unsere Mentalität wiederfinden und als Team füreinander da sind.

Andy: Für dich hat sich ja auch taktisch etwas geändert, nachdem ihr wieder dauerhaft zur Viererkette zurückgekehrt seid. Eine Umstellung für dich?

Kevin: Das ist mir prinzipiell egal. Ich bin da flexibel genug. Was für mich wichtig ist, dass ich offensiv Freiheiten habe. Ich darf mit Freddy und Ruben die Positionen tauschen, wenn wir in Ballbesitz sind.

Andy: Auch defensiv hat sich etwas geändert. Wie sehen die Veränderungen aus deiner Sicht aus?

Kevin: Wir haben zu viele Gegentore durchs Zentrum kassiert und entsprechend hat der Trainer die Formation angepasst, so dass wir im Zentrum nun stabiler stehen. Wir haben insgesamt zu einer stabileren Struktur gefunden und trainieren im Training auch oft Verteidigung in Unterzahl, um auf diese Situationen im Spiel gut vorbereitet zu sein. Jetzt müssen wir dann aber auch endlich mal zu null spielen.

Andy: Defensiv verteidigt ihr nun auch nicht mehr so Mann-orientiert sondern mehr im Raum. Liegt Dir das mehr?

Kevin: Ja, total. Das ist das, was ich und meine Kollegen den Hauptteil der Profikarriere über gemacht haben und wir kommen damit besser klar. Wir können so auch besser als Kollektiv verteidigen.

Andy: Du scheinst insgesamt gut in Augsburg angekommen zu sein und gerade auch recht zufrieden. Im Winter kamen Gerüchte über einen Wechsel zu Feyenoord Rotterdam auf. Hast Du dich damit überhaupt beschäftigt?

Kevin: Für mich war es kein Thema im Winter zu wechseln. Eine Leihe gegen eine andere zu tauschen hat mich überhaupt nicht interessiert. Mit Jure war klar abgesprochen, dass wir ein 1 Jahres-Projekt zusammen haben, damit ich wieder Spielpraxis sammeln und in Form kommen kann.

Andy: Was sind nun deine Ziele mit dem FCA und persönlich bis zum Rest der Saison?

Kevin:  Wir setzen uns ambitionierte Ziele, um das Maximum aus uns herauszuholen. Ich selbst will weiter gute Leistungen abliefern und noch 4-5 Assists sammeln. Und im Sommer dann mit der Nationalmannschaft zur EM.

Andy: Danke Kevin für die vielen aufschlussreichen Einblicke und viel Erfolg bei der Zielerreichung.

5 Faktoren für Spaß beim FCA

Die Kurve zeigt beim FC Augsburg nach oben. Ja, gegen Leverkusen und auch vor der Winterpause in Stuttgart hat man verloren. Gegen Gladbach konnte man aber schon wieder in die Erfolgsspur zurückkehren und die Gladbacher waren vor der Partie nun nicht zu unterschätzen. Auch gegen die Bayern reichte es am letzten Spieltag nicht für Punkte. Am Bayern-Spiel könnte ich mich auch zwei Tage danach noch abarbeiten. Bringen wird es allerdings wenig. Meine Unzufriedenheit mit dem VAR habe ich schon deutlich kundgetan und sogar damals schon auch zu Abseitssituationen und dem VAR Stellung bezogen. Wie der kicker Christian Dingert die Note 3,5 geben kann, nachdem der Schiedsrichter in 3 entscheidenden Situationen auf dem Feld falsch entschieden hatte und das Spiel durch die VAR-Unterbrechungen mehr zerstückelt wurde als durch demonstrierende Ultras geht mir nicht in den Kopf. Wir sollten uns nun von dem einen Ergebnis und dem fehlenden Spielglück nicht ablenken lassen: Insgesamt ist die Bilanz von Jess Thorup eine Positive.

Mittlerweile scheint der FCA wieder vermehrt in den Fokus zu rücken, auch bei denen die ihn nicht sowieso schon auf dem Schirm hatten. Von Überraschung kann da keine Rede mehr sein. Die Gegner wissen nun schon, auf was sie sich einstellen müssen. Selbst Manuel Baum, ehemals FCA-Cheftrainer und nun dem Geld der Dosen erlegen, hat in seinem Youtube-Kanal über den FCA gesprochen. Mei, selbst die Augsburger Grantler hatten vor der Partie gegen die Bayern – nicht nur auf Grund der vielen Münchner Ausfälle, sondern auch im Glauben an die eigene Stärke – ein gutes Gefühl. Aber wie wird denn nun aus diesem guten Gefühl ein spaßige Rückrunde. 5 entscheidende Faktoren werden hierfür sein:

I. Auswärts überzeugen

Außer den Spielen in Heidenheim und Gladbach hat die große Freude auswärts bisher gefehlt. Jetzt stehen die Spiele gegen Bochum, Mainz und Darmstadt an. Es wird Zeit, auswärts eine Serie zu starten und gegen Gegner, die sich momentan nicht auf Augenhöhe bewegen, auswärts dann auch zu gewinnen. Ja, scheiß auf Zurückhaltung.

Superstar Demirovic wird hoffentlich weiter netzen. Die Mannschaft ist auf ihn angewiesen. (Photo by Sebastian Widmann/Getty Images)

II. Verletzungsfrei bleiben

Glück wird auch mit dazu gehören. Der FCA blieb in dieser Saison von schwereren Verletzungen bisher verschont. Gerade den ein oder anderen Leistungsträger könnte der FCA nur schwer ersetzen, z.B. auf Ermedin Demirovic könnte der Club kaum verzichten. Gerade auch die Situation, dass sich mehrere Verletzungen ballen, mag ich mir nicht vorstellen. Toi, toi, toi.

III. Gleichgewicht beibehalten

Zu null hat der FCA noch nicht gespielt. Defensiv stabil steht er aber trotzdem. Ein Standardgegentor gegen Gladbach, ein Gegentreffer gegen Leverkusen. In beiden Partien grundsätzlich sehr überzeugend gegen den Ball gearbeitet. Wichtig war dann gegen Gladbach und die Bayern, dass auch offensiv sehr gute Ansätze da waren, die auch zu Toren führten. Offensive Qualität abzurufen und die Defensive nicht zu vernachlässigen, wird das Rezept für den Erfolg sein.

IV. Nicht aus der Bahn werfen lassen

Und dann wird es trotzdem schlechte Spiele und Niederlagen geben. Vielleicht auch am Stück. Hier hat es die Mannschaft bisher gut geschafft, sich sowohl von Niederlagen und als auch Rückständen nicht aus der Bahn werfen zu lassen. Wenn sie das beibehält, dann wird sie auch weiterhin immer wieder in die Erfolgsspur zurückfinden und für Spaß sorgen. Und auch ein Spieler wie Sven Michel wird seinen Beitrag leisten. Kopf hoch, Sven, das nächste Mal kommt bestimmt.

Siegtore sind grandios. Siegtore sind unbezahlbar. (Photo by Alexander Hassenstein/Getty Images)

V. Go for Glory

Das “Offensive Mindset” hat Jess Thorup direkt nach seiner Ankunft ausgerufen. Gegen Union Berlin wollte er sich dem Schlusspfiff entgegen mauern. In der Saison, die zur Euro League führte, hatten wir zu diesem Zeitpunkt in der Saison noch nicht einmal Unentschieden gespielt. Scheiß auf Unentschieden. Lasst uns auf Siege setzen!

Für mehr als einen guten Mittelfeldplatz wird es in dieser Saison trotzdem wohl nicht reichen. Zu viele Punkte haben wir in der ersten Phase der Saison liegen gelassen. Zu sehr waren wir auch zwischendurch darauf bedacht, lieber nicht zu verlieren, als auf Sieg zu gehen. Aber trotzdem wird das in dieser Saison wohl keine gefährliche Saison mehr werden. Zu gut steht der FCA schlichtweg da.

Was wichtig bleiben wird: den Fokus nicht zu verlieren, gerade wenn man sich im Niemandsland der Tabelle befindet. Jedes Spiel mit Leidenschaft, Dankbarkeit und Spaß anzugehen. Sich und der Liga immer und immer wieder zu beweisen, wie gut man ist. Nicht locker zu lassen. Denn auch klar: gerade ohne die Augsburger Grundtugend der Intensität wird es niemals gehen. Aber wenn, dann habe ich so viel Bock wie auf eine Rückrunde, wie schon lange nicht mehr. Der Hype ist real. Heja FCA!

Erneut voller Hoffnung

Dieser Text erschien zuerst in der Kolumne „Einwurf aus der Rosenau Gazette“ bei presse-augsburg.de.

Es ist Anfang 2024, das erste Testspiel ist gewonnen und ich freue mich schon wieder auf die nächsten Pflichtspiele. Vielleicht liegt es daran, dass ich gerade die erste Auswärtsfahrt des Jahres mit einem Freund geplant habe. Vielleicht liegt es aber auch am FCA, der in 2024 richtig durchstarten könnte. Ja, hier spricht der naive Fußballfan, der schon wieder verdrängt hat, wie wir auswärts teilweise versohlt wurden. Ich glaube aber auch, dass meine Hoffnungen für den FCA in 2024 begründbar sind.

Die Ausgangslage

Nach 16 Spielen hat der FCA 18 Punkte auf dem Konto und steht auf dem 11. Platz der Tabelle. In der letzten Saison unter Enno Maaßen, in die wir mit vielen positiven Aussichten gingen, hatten wir zu diesem Zeitpunkt 3 Punkte weniger. Weinzierl hatte davor auch weniger Punkte auf dem Konto. Derweil wir unter Heiko Herrlich mit einem Punkt mehr da standen.

Die Ausgangslage ist zu diesem Zeitpunkt so gut wie selten, derweil Jess Thorup nicht bei allen Spielen an der Seitenlinie stand. Man könnte jetzt mit Jess’ Punkteschnitt prognostizieren, wo der FCA landen könnte als auch wie gut wir stehen könnten, wenn mir direkt mit Jess gestartet wären. Es ist müßig. Festhalten können wir derweil, dass der FCA zu diesem Zeitpunkt so gut dasteht, wie schon lange nicht.

Sportliches Konzept in Umsetzung

Warum sollte es unter Jess Thorup noch besser werden? Der FCA befindet sich mit seinem sportlichen Konzept mitten in der Umsetzung. Thorup hat jetzt die erste Vorbereitung mit der Mannschaft (auch wenn es eine kurze ist). Er hat zum ersten Mal länger am Stück Zeit mit der Mannschaft an sportlichen Inhalten zu arbeiten, ohne dass ein Teil des Teams bei den Nationalmannschaften verweilt. Dies wird man auf dem Platz erkennen können, hoffentlich mit positivem Ausgang.

Zusammen mit Marinko Jurendic kann Jess Thorup zum ersten Mal den Kader beeinflussen. Einerseits werden die beiden entscheiden müssen, welche Spieler abgegeben werden. Der Kader ist schlicht zu groß und gerade Jurendic muss hier Hausaufgaben erledigen, damit im Frühjahr keine Unruhe aufkommt. Andererseits wird es darauf ankommen 1-2 Spieler als Katalysatoren zu verpflichten, die es der ganzen Mannschaft erlauben, auf ein anderes Level zu kommen. Hier wird es spannend zu sehen, wen die beiden eventuell aus dem Hut zaubern können, denn auch für Jurendic ist es die erste komplette Transferphase in Augsburg. Ich sehe die Chancen, die in dieser Situation liegen, mehr als die Risiken. Stefan Reuters Ansätze im sportlichen Bereich schienen sich etwas abgenutzt zu haben und ich freue mich auf die neuen Impulse.

Top Typen, die gemeinsam Spaß haben und Erfolge feiern. Hier mit zu fiebern macht wieder mehr Spaß. (Photo by Alexander Hassenstein/Getty Images)

Gerüst und Charaktere

Was den beiden zu Gute kommt: am Kader muss zwar nachgearbeitet werden, aber sie übernehmen eine positive Grundsituation aus zweierlei Perspektiven. Einerseits steht das Gerüst des Teams für die Rückrunde. Mit Dahmen im Tor hat der FCA einen Spitzenkeeper im Sommer verpflichtet (sportlich und auch als Typ), Gouweleeuw und Uduokhai sind davor solide Bundesliga-Innenverteidiger, auf die man sich grundsätzlich verlassen kann, mit Dorsch und Rexhbecaj im Mittelfeld davor ist man gegen den Ball sehr gut aufgestellt und mit Demirovic hat man einen Top-Star im Sturmzentrum, der immer für eine Torbeteiligung gut ist. Mit einer solchen Achse im Team wird man weiter Punkte holen.

Neben dem Gerüst hat der FCA mittlerweile wieder auch eine Reihe von Spielern im Kader, die ich als Typen sehr mag. Ich habe Elvis Rexhbecaj sehr dafür ins Herz geschlossen, wir er am letzten Spieltag in Gladbach in die Kurve kam. Ich sympathisiere total mit der dankbaren und positiven Art von Philipp Tietz, der sich auf dem Fußballplatz für nichts zu schade ist und seine Erfolgsmomente in der Hinrunde sehr gut einzuordnen weiß. Und auch Mads Pedersen und Freddy Jensen passen schlicht gut nach Augsburg und ich freue mich über ihre tolle Hinrunde. Letztendlich ist es eine Weile her, dass einem so schnell so viele Spieler einfallen, die einem positiv im Gedächtnis bleiben. Und seit langem überlege ich mir wieder, ein Trikot beflocken zu lassen. Auch darauf kann der FCA sportlich aufbauen. Dieses Team von seiner Grundsubstanz wird sich auch durch 1-2 schlechtere Spieler – zumindest meiner Meinung nach – nicht grundsätzlich erschüttern lassen.

Ausblick

Denn genau darum wird es gehen. Auch die schlechteren Phasen akzeptieren und schnell abhaken zu können. Ted Lasso würde sagen: “ein Goldfisch zu sein”. Dann schlummert im FC Augsburg in 2024 das Potential, sportlich durchzustarten.

Ach, vielleicht ist es auch einfach wieder die naive Hoffnung, das es besser wird. Wir werden es gemeinsam herausfinden. Zumindest umweht den FC Augsburg momentan das Gefühl, dass es sportlich erfolgreich und aufregend werden könnte. Und für heute ist Vorfreude zumindest die schönste Freude. Ich glaube momentan fest daran, dass uns genau dieses Gefühlt erstmal noch eine Weile tragen wird. Heja FCA!

Nicht so wichtig

Samstag 17:30 Uhr. Das erste Bundesligaspiel des FC Augsburg ist gespielt und bis 17:15 Uhr sah es auch im Ergebnis so aus, als ob der der FCA Bayer 04 Leverkusen ein Bein stellen könnte auf deren Weg zur Herbstmeisterschaft. Am Ende reichte es nicht für einen Punkt, obwohl der FCA die beste Mannschaft des letzten halben Jahres lange erfolgreich daran gehindert hatte, ein Tor zu schießen. Man könnte sich nun lange vom späten Zeitpunkt und dem Ausgang des Spiels frustrieren lassen. Sollte aber keiner machen. Warum?

Eine Reaktion

Auf sportlicher Ebene ist es nicht so wichtig, wie das Spiel im Ergebnis ausging, weil Unentschieden-Spiele überbewertet werden. Für den Ligaverbleib ist es wichtiger, Spiele zu gewinnen. Der FCA hat eben durch den späten Treffer nicht einen Sieg sondern nur ein Remis aus der Hand gegeben. Okay, passiert. Der späte Ausgleich gegen Gladbach in der Hinrunde war hier viel schmerzvoller.

Auf der anderen Seite war es immens wichtig, dass nach dem enttäuschenden Spiel in Stuttgart eine Reaktion erfolgt und sich der FCA nicht direkt vom nächsten Top-Team in der Liga hat her spielen lassen. Dies kann man am Ende des Tages auf jeden Fall bestätigen: der FCA war mitten drin in der Partie und mit ein bisschen mehr Match-Glück (z.B. bei der Tietz-Abseitssituation) geht das anders aus. Mit solchen Performances werden wir diese Saison aber nicht unten rein rutschen. Zumindest wenn das Team auch auswärts ähnliches zeigen kann.

Abseits des Rasens

Klar, Mannschaft und Trainer waren in dieser Woche auf die Partie gegen Leverkusen fokussiert und es wäre schön gewesen, hier positiv im Ergebnis zu überraschen. Abseits davon ist das Sportliche beim FCA in den Hintergrund getreten. Den Verein, Mitarbeiter und ehemalige Kolleg:innen hat in dieser Woche der Verlust von Alexander Edin tief getroffen. Der FC Augsburg hat einen berührenden Nachruf an dieser Stelle veröffentlicht. Zum Gedenken an Edde verstummte die Ulrich-Biesinger-Tribüne zu Beginn der zweiten Halbzeit und zeigte ein großes Banner über die Breite der ganzen Tribüne. Es war berührend.

Wer sich in den letzten 10 Jahren intensiver mit dem FC Augsburg beschäftigt hat, wird irgendwann in Kontakt mit Alexander Edin gekommen sein, entweder in seiner Rolle als Fanbeauftragter oder durch sein sonstiges, vielfältiges Engagement rund um den Verein. Ich habe mit ihm bei Recherchen zu Fan-nahen Themen telefoniert und ihn dabei als positiven und hilfsbereiten Menschen kennengelernt. Eddes Verlust ist sowohl menschlich für seine Familie und Freunde schmerzlich, aber auch der FCA verliert mit ihm eine Person, die mit dem Verein durch dick und dünn gegangen ist und sich auf unterschiedlichste Wege engagiert hat. Ruhe in Frieden, Alexander Edin!

Besinnung aufs Wesentliche

Das Leben hat seinen eigenen Plan und so ist es nun am FCA mit diesem Verlust umzugehen. Einerseits sollte es uns allen wichtig sein, dass Alexander Edins Familie keine wirtschaftlichen Sorgen zu erleiden hat. Ich habe die Hoffnung, dass die FCA-Familie hier den FCA-Wert des Zusammenhalts lebt. Während des Spiels am Samstag wurde Edde hinter der UBT gedacht und Spenden zu Gunsten seiner Familie gesammelt. Ich gehe davon aus, dass die FCA-Familie hier weiter zusammenhält.

Andererseits ist es für uns alle insgesamt vielleicht ein guter Moment, um sich daran zu erinnern, was wirklich wichtig ist. Wir kommen beim Fußball zusammen, treffen unsere Freunde und unser Lieblingsteam spielt gegen die besten Teams aus Deutschland und fordert diese heraus. Philipp Tietz hat es vor kurzem im Interview schön formuliert, auf die Frage, wie 2024 zu einem guten Jahr wird: “Am wichtigsten ist, dass meine Familie gesund bleibt und wir von Verletzungen möglichst verschont bleiben. Und wenn wir dann zufrieden auf das Jahr zurückschauen können, dann haben wir viel erreicht.”. Für Alexander Edins Familie ist schon diese einfache Ziel nicht mehr zu erreichen. Für uns andere ist vielleicht der Moment gekommen, sich selbst an die eigene Nase zu packen.

Laut werden

Die momentane Stimmung in Deutschland wirkt so negativ wie lange nicht. Es wird viel gemotzt. Demonstriert. Es werden Pläne geschmiedet, Menschen aus unserem vielfältigen und bunten Land zu entfernen. Es ist an uns allen selbst, in einzelnen Situationen nicht still hinzunehmen, sondern selbst Position zu beziehen. Auf dem Banner für Edde stand am Samstag: “Omnia Vincit Amor”, was übersetzt heißt “Liebe besiegt alles”. Mehrfach wird in diesen Tagen darauf hingewiesen, dass die schweigende Mitte lauter werden soll. Die Liebe kann nur siegen, wenn man für sie in den Kampf zieht.

Und so will ich diesen Moment nach dem ersten Bundesligaspiel in 2024 nutzen, um klar zu machen, was für mich für den FCA in 2024 wichtig erscheint. Der FCA war zwar in der Vergangenheit ein Verein, der sich um Erinnerungskultur bemüht und Haltung gezeigt, dies aber auch mit einer gewissen Zurückhaltung getan hat. Ich wünsche mir, dass bei den großen gesellschaftlichen Themen der Verein und alle Beteiligten seine Werte laut und kraftvoll vertritt. Es darf in der wwk-Arena keinen Platz für Nazis geben.

Zeit für Impulse

Wenn mich jemand fragt, wie dieses Jahr 2024 für den FCA ein erfolgreiches werden wird, dann geht es mir – wie in diesem ganzen Beitrag – weniger um das Sportliche. Ein weiteres Mal Klassenerhalt bei dem Potential dieses Kaders, sorgt zwar für Freude, aber überschäumen tut da nichts. Der FCA soll helfen, mit einer gewissen Signalwirkung die Lethargie zu durchbrechen, die viele von uns – mich eingeschlossen – befallen hat. Als Max Krapf Präsident des FCAs wurde, ging es wieder vermehrt darum, die Verbindung zu Stadt und Region zu stärken. Es ist für mich die Zeit gekommen, dass der FCA auch – deutlich wahrnehmbar – in Stadt und Region für seine Werte eintritt und gesellschaftliche Impulse gibt. Am Ende geht es um die Menschen, mit denen man zusammen im Stadion sitzt oder steht. Die bleiben und für die gilt es einzutreten.

Um mich an Philipp Tietz Zielsetzung zu orientieren: Der FCA wird als Organisation nicht zufrieden auf das Jahr 2024 zurückschauen können, wenn er in Zeiten, in denen die gesellschaftliche Spaltung vorangetrieben wird, nicht mit den Mitteln, die er zur Verfügung hat, gegen die Spaltung und für die Liebe eingetreten ist. In diesem Sinne: Heja, FCA.

Geile Typen

Philipp Tietz war in der Hinrunde des FC Augsburg eine absolut positive Überraschung. Nachdem er zwei Jahre in Darmstadt absoluter Leistungsträger war, konnte man sich schon die Frage stellen, wie viel Eingewöhnungszeit Tietz in der Bundesliga und beim FCA brauchen würde. Und obwohl Tietz – wie die gesamte Mannschaft – ein paar Spiele (und einen neuen Trainer) brauchte, um in der Saison 2023/24 vollständig anzukommen, war sein Effekt danach umso größer. So groß, dass sogar Julian Nagelsmann ein Auge auf Tietz geworfen hatte. Er ist halt auch ein geiler Typ, den man selbst live erlebt haben muss. Zumindest bei mir hat sich dieser Eindruck nach dem folgenden Interview gefestigt.  

Andy: War 2023 das Jahr des Philipp Tietz?

Philipp Tietz: Für mich persönlich lief vieles gut, aber das sind ja keine weltbewegenden Dinge, die ich da geleistet habe. Meine Familie ist gesund und uns geht es gut. Ich habe in der zweiten Liga mit Darmstadt regelmäßig getroffen und bin dort aufgestiegen. Der Wechsel nach Augsburg hat gut geklappt und ich konnte hier meinen Beitrag leisten, mir den Traum meines Bundesligadebüts erfüllen. Auch 2024 soll ein tolles Jahr werden.

Andy: Du bist im Sommer als Aufstiegsheld aus Darmstadt gekommen. Wie ist damals die Entscheidung auf Augsburg gefallen?

Philipp Tietz: Ich hatte in Darmstadt schon im Vorhinein meinen Wechselwunsch klar kommuniziert und die Verantwortlichen des FCA waren in den Gesprächen super. Da hat einfach vieles gepasst. Augsburg ist ein sympathischer, etablierter Erstligist und der Schritt hat sich für mich richtig angefühlt. Und bis jetzt haben sich meine Hoffnungen hier ja auch vollends erfüllt. Es ist sehr familiär und das weiß ich sehr zu schätzen.

Andy: Hast Du selbst erwartet, dass es für Dich so gut läuft oder warst Du eher überrascht?

Philipp Tietz: Ich weiß ja schon auch, was ich kann und kenne meine Qualitäten. Ich will in jedem Training und Spiel alles raushauen und habe hier das Vertrauen bekommen. Dafür bin ich sehr dankbar. Aber ich bin schon auch sehr gierig, und arbeite hart daran mich weiter zu verbessern. Ich glaube, der Verein hatte klare Vorstellungen, warum er mich geholt hat und wie ich helfen soll.

Andy: Du hast in einem anderen Interview gesagt, dass Du ein großer Fan von Olivier Giroud und der Spielweise von Athletico Madrid bist. Der FCA hat sich über die letzten Jahre schon auch immer wieder den Ruf erarbeitet, dass er schwer zu bespielen ist. Passt Du mit deiner Spielweise einfach gut zum FCA?

Philipp Tietz: Ich bin grundsätzlich ein Typ, der sich in jeden Zweikampf reinwirft und bestimmt niemand der rum heult. Schon ein bisschen Alte Schule vielleicht. Aber das ist halt das, was immer geht. Selbst wenn es in Spielen mal schlecht läuft, dann kann ich das immer abrufen und versuchen es dem Gegner möglichst schwer zu machen. Das sieht man bei sehr vielen Spielern in unseren Reihen und wir pushen uns da auch gegenseitig.

Philipp Tietz hat viel Freude bereitet und ich freue mich auf mehr davon.(Photo by Sebastian Widmann/Getty Images)

Andy: Dies scheint jetzt auch wieder mannschaftlich geschlossener zu passieren mit Jess Thorup als Trainer. Ist es diese mannschaftliche Geschlossenheit das Hauptresultat des Trainerwechsels, nachdem es taktisch nicht zum großen Umbruch kam?

Philipp Tietz: Jess Thorup hat seit seiner Ankunft einfach einen tollen Job gemacht, in der Kommunikation mit der Mannschaft, auch um uns das Selbstvertrauen wieder zurück zu geben. Ich könnte hierzu noch viel sagen, aber er ist einfach ein geiler Typ. 

Andy: Gegen Heidenheim hattet ihr dann auch ein bisschen Glück, dass ihr den Rückstand noch drehen konntet. Ein Wendepunkt in der Saison bisher?

Philipp Tietz: Klar. Danach haben wir gegen Wolfsburg und in Köln nachgelegt und damit hat sich die Dynamik auch verändert und das Selbstvertrauen in unsere Möglichkeiten war wieder da. Mittlerweile greifen auf dem Platz Automatismen und die Dynamik im Training ist eine andere.

Andy: Jetzt geht der Fokus auf die Rückrunde. Wie ist dein Gefühl nach der Vorbereitung?

Philipp Tietz: Wir hatten wie alle Mannschaften eine sehr kurze Pause. Für mich war es erstmal gut, Urlaub in der Heimat bei unseren Familien zu machen und mich für eine kurze Zeit gar nicht mit Fußball zu beschäftigen. Als wir dann alle zurückgekommen sind, hatten wir direkt wieder Bock und haben im Training Vollgas gegeben. Psychologisch war es gut, im Test gegen Hoffenheim zu null zu spielen und ein Erfolgserlebnis zu sammeln und jetzt sind wir bereit wieder anzugreifen und Leverkusen zu zeigen, was wir können.

Andy: Hilft euch dabei die Ausgangssituation, dass Leverkusen die Favoritenrolle innehat?

Philipp Tietz: Wir wollen es ihnen auf jeden Fall möglichst schwermachen. Aber nicht nur das. Uns geht es schon auch darum zu zeigen, dass wir mehr als nur zerstören, sondern auch selber Fußball spielen können. Ich freue mich einfach, dass es wieder losgeht.

Andy: Wie wird 2024 noch besser als 2023?

Philipp Tietz: Am wichtigsten ist, dass meine Familie gesund bleibt und wir von Verletzungen möglichst verschont bleiben. Und wenn wir dann zufrieden auf das Jahr zurückschauen können, dann haben wir viel erreicht.

Andy: Und wenn Du mit einem Augenzwinkern vielleicht einen Blick in die etwas weitere Zukunft werfen willst: Du hast ja schon einige Stationen in deiner Vita angesammelt. Bist Du bereit endlich bei einem Verein anzukommen und dort zu einer Institution zu werden oder bleibst Du ein Wandervogel?

Philipp Tietz: Mann, wenn Chelsea anklopft und mich haben will, dann muss ich das machen. Aber mal Spaß beiseite. Ich bin jetzt erst seit einem halben Jahr hier und fühle mich in Augsburg mit meiner Familie sehr wohl. Man weiß nicht was das Leben noch bringt, aber ich kann mir gut vorstellen länger in Augsburg zu bleiben.

10 Thesen zum FC Augsburg in 2023

Es ist mittlerweile “zwischen den Jahren”. In dieser Zeit ergeben sich die Momente, in denen die Zeit stillzustehen scheint. Das alte Jahr ist noch nicht zu Ende. Das neue Jahr hat noch nicht begonnen. Und wie in Zeitlupe schaue ich auf das Jahr zurück, dass wir hinter uns haben. Es wird rund um den FCA nicht mehr viel passieren, bis Jess Thorup sein Team wieder auf dem Trainingsgelände begrüßt. Ein guter Moment, um die 10 größten Kuriositäten rund um den FCA im Jahre 2023 einmal aufs Papier zu bringen. Vorweg möchte ich mitgeben: Kann Spuren von Humor enthalten. Los geht’s!

  1. Der FC Augsburg unterhält sein Nachwuchsleistungszentrum nur, um zu beweisen, dass er besser Geld verbrennen kann, als die Ultras durch Pyros in der Kurve. Der Wettstreit zwischen organisierter Fanszene und der Führung eines Investorenclubs in der Bundesliga hat in 2023 damit seinen Höhepunkt erreicht. Mit Enno Maaßen wurde der Trainer gefeuert, der die eigene Jugend fördern sollte. Jess Thorup scheint eine Ansage bekommen zu haben, Jugendspieler noch nicht einmal für den Bundesligakader zu nominieren. Millionen für 0 Minuten eigener Jugendspieler in der Hinrunde der Saison 2023/24. Da weiß man als Mitglied, wofür man seine Beiträge bezahlt.
  2. Ich kann übrigens weiterhin gut verstehen, warum gerade auswärts Pyros im Übermaß gezündet werden. Und große Fahnen geschwenkt werden. Wer in 2023 auswärts dabei war, weiß ganz genau, dass alles was vom Spiel ablenkt oftmals gern gesehen war. 2023 bleibt in Erinnerung als das Jahr der durchschnittlich schlechtesten Auswärtsspiele. Ich könnte noch nicht mal auf Anhieb sagen, welches das schlechteste war.
  3. Am Ende von 2023 reibt man sich die Augen. Ist Stefan Reuter wirklich nicht mehr Geschäftsführer des FCA? Und warum? Wer bekommt vom Traumjob “Manager in der Bundesliga” genug? Freiwillig? Vielleicht wollte er beim Wettstreit zwischen Verein und Ultras nicht mehr mitmachen. Oder er hat die Auswärtsspiele nicht mehr ausgehalten. Der Entschluss muss ja nach dem Saisonabschluss in Gladbach gereift sein. Wenn ich mich an genau dieses Spiel zurück erinnere, dann kann ich seine Entscheidung nur zu gut verstehen. Es war der Tiefpunkt des Jahres.
  4. Was noch nach dem Saisonabschluss in Gladbach passiert ist? Viel ist im Sommer von einer ganz vorzüglichen Saisonabschlussanalyse von Enno Maaßen die Rede gewesen. Derweil ging der Mist danach einfach weiter wie während der verkorksten Endphase der Saison 2022/23. Die Zeit für diese Analysen hätte man sich sparen können. Im Nachhinein alles reichlich absurd, vor allem da der neue sportlich Verantwortliche Marinko Jurendic zu diesem Zeitpunkt noch in Zürich verweilte. Gut für ihn.
  5. Ihr denkt, der gewiefte Verhandler Michael Ströll, der Mann der den FCA immer wirtschaftlich auf Kurs hält, würde bei so etwas wie dem Wettstreit unter 1. nie mitmachen? Ströll schien zuletzt auch nicht mehr ganz auf der Höhe. Bei der Verabschiedung von Alfred Finnbogason trug er bei -15 Grad Halbschuhe auf dem Stadionrasen. Mir sind beim Zuschauen schon die Zehen abgefallen. Will nur sagen: auch Michael Ströll ist alles zuzutrauen.
  6. Ihr glaubt es immer noch nicht? Fragt mal in Hoffenheim nach. Die haben für Mergim Berisha im Sommer 14 Millionen EUR bezahlt. Für 10 Pflichtspielminuten. Ja, ich weiß, 10 Pflichtspielminuten mehr als unsere Jugendspieler gesehen haben. Solange Michael Ströll solche Ablösen verhandelt, können wir uns ganz locker Pyrostrafen leisten. Und das Nachwuchsleistungszentrum.
  7. Auf der anderen Seite hat auch der FCA im Sommer absurde Personalentscheidungen getroffen. Er hat sich ein Model für die “Box Logo”-Kollektion ausgeliehen. Oder hat man Japhet Tanganga geholt um Fußball zu spielen?
  8. Wer ganz famos Fußball spielt ist Ermedin Demirovic. Demi ist der konstanteste und beste Spieler beim FCA. Wurde er schon für die abgelaufene Saison von den RoGaz-Lesern zum wichtigsten Spieler des FCA gewählt, hat er nun in der Hinrunde der Saison 2023/24 nochmal nachgelegt. Torbeteiligungen ohne Ende und immens wichtig für die Mannschaft. Zurecht Kapitän. Das kommende Frühjahr wird nun Demis Bundesliga-Abschiedstour. Hält er seine Form und spielt weiter mit dieser Konstanz, wird ihn der FCA im Sommer nicht halten können. Er wird in die Premier League wechseln und zum nächsten Augsburger Rekordtransfer. Auch wegen den Verhandlungskünsten von Michael Ströll. Man unkt, die Halbschuhe für die Verhandlungen stehen schon bereit.
  9. In nächster Zeit erfreuen oder verwundern uns dann wohl erstmal wieder andere Meldungen zu Transfers und die entsprechenden Gerüchte dazu. Der FCA hat hier sicherlich die ein oder andere Hausaufgabe zu erledigen. Die Transferperiode könnte sogar dazu führen, dass ein anderer Begriff etwas in den Hintergrund tritt. Die Rede ist natürlich von Jess Thorups “Clean Sheet”. Thorup will endlich mal zu null spielen. Mir könnte das nicht egaler sein. Ich will sogar noch weiter gehen. Ich will am Ende der Saison die Schlagzeile lesen: “FC Augsburg: Niemals zu null, aber trotzdem nach Europa”. Scheiß auf “zu Null”-Spiele.
  10. Ich bin sehr froh, dass ich mich am Ende des Jahres 2023 über einen solchen Quatsch echauffieren kann. Das FCA-Bundesligawunder des Jahres 2023 ist nämlich weiterhin, dass bei all unserer eigenen Unfähigkeit der VfB Stuttgart es am letzten Spieltag gegen Hoffenheim nicht selbst geschafft, den direkten Klassenerhalt zu sichern. Wir hätten sonst in die Relegation gemusst und es hätte aus meiner Sicht unter Enno Maaßen nicht gereicht. Geradezu verdient haben wir den Stuttgartern kurz vor Weihnachten die Punkte dagelassen. Ausgleichende Gerechtigkeit. Ich stoße zum Jahresende ein letztes Mal auf die Stuttgarter an, bevor ich dann wieder auf den unvermeidlichen Einbruch des VfB spätestens in der kommenden Saison warte.

Auch in 2024 wird uns der FC Augsburg weiter beschäftigen und ich freue mich, wenn unsere Leser:innen uns gewogen bleiben und weiter unser launigen Ausführungen lesen. Danke für eure Treue, Prosit und guten Rutsch. Wir lesen uns in 2024!

Erfahrungsschwund

Wenn man sich den Augsburger Kader anschaut, dann wird man erschlagen von der Vielzahl der Spieler. Noch nicht mal alle Spieler schaffen es in den Spieltagskader und auch prominente Namen wie Arne Maier gegen Wolfsburg kommen nicht zum Zug. Und dennoch fehlt es dem Kader an einem speziell: Erfahrung. Dies liegt daran, dass man in Augsburg über das letzte Jahr so viele Spieler mit massig Bundesligaerfahrung hat gehen lassen und – rein in Bezug auf diese Erfahrung – keinen Ersatz verpflichtet hat.

Die Erfahrungsabgänge

Wir müssen hier jetzt nicht bei Daniel Baier anfangen. Ich verfolge diese Welle einmal bis zu Florian Niederlechner zurück, der im letzten Winter zu Hertha BSC gewechselt ist, nachdem ihm Hertha einen Zweijahresvertrag angeboten hatte und der FCA aber nicht zu Potte kam trotz auslaufendem Vertrag. Niederlechner hatte zum Zeitpunkt seines Wechsels 181 Bundesligaspiele auf dem Buckel. 3,5 Jahre war er für den FCA aktiv und kam in dieser Zeit auf 27 Bundesligatore.

In der Rückrunde kündigten sich dann weitere Abgänge an. Daniel Caligiuri kam unter Enno Maaßen nicht mehr zum Zug und sein Vertrag wurde in Augsburg nicht verlängert. 372 Bundesligaspiele hat Caligiuri absolviert und war zu Beginn seiner Zeit beim FCA ein Leistungsträger, bevor seine Bedeutung immer mehr schwand. Von seiner Erfahrung her konnte ihm beim FCA niemand das Wasser reichen.

Im Laufe der Rückrunde zeichnete sich auch ab, dass Rafal Gikiewicz nicht auf die notwendige Anzahl an Pflichtspielen kommen würde, die er benötigte, damit sich sein Vertrag verlängerte. Entsprechend ging auch die Zusammenarbeit zwischen dem charismatischen Keeper und dem FCA zu Ende. 169 Erstligaspiele hatte Gikiewicz gesammelt, der in Deutschland in der Bundesliga etwas ein Spätstarter war. Am Ende war es wohl auch Gikis Extravaganz, die dazu führte, dass der FCA die Zusammenarbeit nicht fortführen wollte.

Erneut verletzt und die Karriere beendet: Julian Baumgartlingers Erfahrung steht dem FCA nicht mehr zur Verfügung. (Photo by Maja Hitij/Getty Images)

Pech hatte Julian Baumgartlinger. Baumgartlinger ist ein starker Typ, den der FCA gerne noch weiter gehalten hätte. Baumgartlinger jedoch verletzte sich spät in der Saison und verkündete darauf hin sein Karriereende, anstatt beim FCA vielleicht noch ein Jahr dranzuhängen. So bleibt es am Ende bei 255 Bundesligaspielen und einer tollen Karriere.

Ähnlich sieht es bei einem weiteren Spieler aus, bei dessen Verabschiedung zum Ende der vergangenen Saison mir die Tränen gekommen sind. Die Rede ist natürlich von André Hahn, einem der besten, der für den FCA im letzten Jahrzehnt gespielt hat. Auch Hahn verletzte sich schwer und der Verein nahm darauf hin Abstand den Vertrag zu verlängern. Hahn kam auf genau 250 Bundesligaspiele und sein Name wird in Augsburg immer mit großem Respekt ausgesprochen werden.

Gerade noch inne gehalten

Zwei weitere Abgänge standen im Sommer im Raum, die zum einem weiteren Schwund von Erfahrung gesorgt hätten. Einerseits wurde Jeffrey Gouweleeuw mitgeteilt, dass sein Vertrag nicht über 2024 hinaus verlängert wird. Gouweleeuw verletzte sich in der Vorbereitung und fand evtl. auch deswegen keinen interessierten Verein, der ihn nun schon vorzeitig verpflichtet hätte. Im Sommer hätte der FCA ihm wohl keine Steine in den Weg gelegt. Gouweleeuw hat mittlerweile über 200 Bundesligapartien für den FCA absolviert und ist gerade wieder in der Innenverteidigung nicht aus der Mannschaft wegzudenken.

Neben Gouwleeuw spielte über 86 Minuten gegen Wolfsburg Felix Uduokhai. Uduokhai hatte seinen Vertrag erst nach einigem hin und her um ein Jahr verlängert und hatte eigentlich vor, den FCA im Sommer zu verlassen. Uduokhai hat mittlerweile über 120mal in der Bundesliga gespielt und ist schon jetzt zu den erfahrenen Kräften in Augsburg zu zählen. Auch in seiner Person hätte der FCA viel Routine auf dem Niveau der Bundesliga verloren.

Erfahrung ist notwendig

Ein großer Fokus beim FC Augsburg liegt darauf, Spieler zu entwickeln. Um dies in Ruhe tun zu können, kommt es allerdings auf die richtige Mischung in der Mannschaft an. Nach Jeffrey Gouweleeuw prangt hier erfahrungsseitig ein größeres Loch, das sich erst mit der Zeit schließen kann. Erfahrung und Abgebrühtheit auf den Rasen zu bringen, die dann auch dafür sorgen, dass man sich – wie in dieser Saison öfters gezeigt – durch Rückstände nicht aus der Ruhe bringen lässt, ist daher ein Thema auf dem ein Augenmerk liegen wird. Nicht zu Unrecht ist Gouweleeuw mittlerweile wieder sportlich unangefochten im Einsatz auch wenn er sich öffentlich fragwürdig geäußert hat.

Elvis bringt die Erfahrung von über 140 Bundesligaspielen auf den Rasen (Photo by CHRISTOF STACHE/AFP via Getty Images)

Gerade wenn man sich die Besetzung des defensiven Mittelfelds anschaut, dann spielt Erfahrung eine Rolle. Elvis Rexhbecaj kommt auch deshalb zum Zuge, weil er deutlich mehr Bundesligaerfahrung hat als seine Kollegen. Niklas Dorsch machte in diesen Tagen gerade einmal sein 50. Spiel in der Bundesliga. Arne Engels kommt auf gerade einmal über 20 Spiele. Rexhbecaj hat im Alter von gerade 26 Jahren schon über 140 Bundesligaspiele angesammelt. Er hat eben viele Situationen schon gesehen und ist nicht so schnell zu verunsichern.

Ich hatte vor der Saison prognostiziert, dass auf Jeff eine wichtige Rolle entfallen wird. Nun da Stefan Reuter und Enno Maaßen den Verein verlassen haben, macht es eventuell auch Sinn die Entscheidung bzgl. einer möglichen Verlängerung seines Vertrags zu überdenken. Auf der anderen Seite wird es wichtig werden, evtl. den ein oder anderen Veteranen noch dazu zu holen und den Kern der erfahrenen Spieler in der Mannschaft zusammenzuhalten. Denn abseits der Erfahrung sieht es momentan schon so aus, als ob der FCA eine gesunde Mischung an Spielern beinander hätte, die nun gemeinsam die nächsten Schritte machen kann. Nach vorne und nicht zurück.

Unter dem Radar

In diesen Tagen hat eine Person beim FC Augsburg betont, dass der Cheftrainer die wichtigste Personalie für einen professionellen Fußballclub sei. Die Aussage wurde rund um die Verpflichtung von Jess Thorup von Marinko Jurendic getätigt. Jurendic wollte in diesem Zusammenhang wohl hervorheben, warum es wichtig war, sich für die Entscheidung für einen neuen Trainer Zeit zu nehmen. Jurendic konnte auch schlecht sagen, dass der Cheftrainer die wichtigste Personalie ist nach dem sportlich Verantwortlichen: ihm selbst.

Der Sportdirektor im Fokus

Nach dem Wechsel auf dem Präsidentenposten, vom im Tagesgeschäft eingebundeneren Klaus Hofmann zu Max Krapf, und dem Rückzug von Stefan Reuter in eine beratende Rolle, kann die Debatte nun beginnen, wer beim FC Augsburg für die mittel- und langfristige Entwicklung des Vereins die wichtigste Rolle einnimmt. Einerseits wäre hier der alleinige Geschäftsführer Michael Ströll zu nennen, der gerade im kaufmännischen Bereich die Fäden in der Hand hält und nachhaltig Strukturen aufgebaut hat. Andererseits spricht dies momentan auch gegen Ströll. Der kaufmännische Bereich ist geordnet, die Strukturen sind aufgebaut, der FCA ist wirtschaftlich gesund und läuft.

Umso mehr ist Ströll und der FCA darauf angewiesen, dass Marinko Jurendic seinen Job macht und auch im sportlichen Bereich für Ordnung und eine langfristige Vision sorgt. Als jemand, der neu im Verein ist, muss er zudem lernen, wie der Club tickt und sich Stück um Stück dem Wertegefüge annähern. Jurendic selbst war bis dato auch noch nicht im Auge des öffentlichen Interesses, wie es seine Rolle und Bedeutung vermuten lassen würde. Dies verwundert auch nicht, war doch bei seiner Verpflichtung noch nicht kommuniziert worden, dass Stefan Reuter sich zurückziehen würde. Und es hatte ja auch niemand gedacht, dass er so schnell “die wichtigste Personalie des Vereins” neu zu klären hätte.

Kommunikativ und offen

Als ich in Heidenheim vor Ort war und das Spiel – ganz gegen meine Gewohnheiten – von der Pressetribüne aus verfolgte, traf ich im Nachgang zum Spiel erstmals persönlich auf Jurendic. Die Stimmung war gelöst nach Jess Thorups erstem Sieg und Jurendic nahm sich reichlich Zeit für die Journalisten vor Ort. Ich kann hier nun keine konkrete Aussage hervorheben, die mir im Gedächtnis geblieben wäre. Eine gewisse Grundskepsis bei sofort nach Spielen getätigten Aussagen ist sowieso immer angebracht. Man merkt direkt nach Spielen allen Beteiligten eine gewisse Grundanspannung weiterhin an. Seine offene kommunikative Art stach allerdings schon dort hervor.

Umso mehr habe ich mich gefreut, dass “Jure” sich die Zeit genommen hat, um mir meine Fragen zu beantworten und sich mit mir auszutauschen, so dass ich mir selbst einen Eindruck von einer Person und seiner Herangehensweise verschaffen konnte.

Der Teamplayer

Als erstes hatte mich dabei interessiert, warum Jure sich für die Herausforderung beim FCA entschieden hatte. Nach einer ersten Anfrage im Februar und einem Stadionbesuch in Augsburg im Laufe der Rückrunde, vertagte er eine konkrete Entscheidung bis nach der Saison. Mir erscheint in diesem Zusammenhang wichtig, dass es für ihn die richtige Herausforderung zur richtigen Zeit war. Nach 5 Jahren in Zürich, in denen er auch Meister wurde, stellte er nach der Anfrage fest, dass der Weg nach Augsburg kein weiter ist. “Ich musste erstmal googlen, wo Augsburg überhaupt genau liegt. Ich hatte eine grundsätzliche Vorstellung, aber detailliert hatte ich mich mit Stadt und Verein noch nicht beschäftigt. Das habe ich dann im März erstmals gemacht.” Man denkt immer, man kennt sich im Fußballzirkus. In diesem Fall jedoch nicht. Jurendic kam zum ersten Mal mit Michael Ströll und Stefan Reuter in Kontakt, obwohl er grundsätzlich affin mit der deutschen Bundesliga war. Auf der anderen Seite war er wohl überzeugt von seinem eigenen Kompetenzprofil und traute sich den Sprung in die größere Liga zu.

Ich habe wohl gemerkt, wie er bezüglich der Entscheidungsfindung die Rolle seiner Frau und seines Sohns betont hat. Jurendic ist ein Familienmensch, der die eigene Karriere nur im Einklang mit dieser vorantreibt und das macht ihn sympathisch. Auf der anderen Seite betonte er, wie wichtig für ihn in Augsburg die Personen waren, die den Kontakt aufnahmen. Zudem musste das Umfeld passen. Mit Michael Ströll und Stefan Reuter lag er auf einer Wellenlänge und so ist die Entscheidung eine, die abseits des Potentials beim FCA vor allem davon getrieben war, sich in das bestehende Team einzubringen. “Ich habe mir das Ganze dann auch vor Ort angeschaut. Dort wurde das Gefühl, dass ich durch die Gespräche hatte, bestätigt, dass sehr viel Potential vorhanden ist und sehr gute Leute am Werk sind.” Nach dem Saisonabschluss folgte die feste Zusage.

Das Ende der Transferperiode

Jurendic kam erst zum 01.08., weil er in Zürich noch die Vorbereitung auf die jetzige Saison abschließen wollte. Er wollte im Guten gehen und das spricht für ihn. In Augsburg waren derweil schon viele Dinge im Hinblick auf die Saison geregelt. Einerseits hatte man sich entschieden nach ausführlicher Analyse mit Enno Maaßen weiterzumachen, auch wenn der Saisonabschluss verkackt wurde. Andererseits war so manche Kaderentscheidung getroffen worden. Dass sich Stefan Reuters Rolle ändern würde, war allen Beteiligten bewusst. Wie genau, die Rollen gelebt würden, hat sich seitdem gefunden. “Für mich war klar, dass ich die operative Verantwortung im sportlichen Bereich haben würde. Ich wusste, was ein Sportdirektor in Zürich zu tun hat. In Augsburg ist für mich wichtig, dass ich seit Beginn der Gespräche mit den gleichen Menschen im Austausch stehe und wir gemeinsam an den Strukturen arbeiten.”

Einer der ersten Erfolgsmomente: Die Vertragsverlängerung mit Felix Uduokhai (Bild: FCA)

Jurendic erkannte gewisse Lücken, die man noch angehen wollte. Der FCA und in diesem Fall direkt Jurendic selbst, musste erst einmal seine Hausaufgaben auf der Abgangsseite machen, weil es hierfür eine wirtschaftliche Notwendigkeit gab und der Kader auch schon sehr groß war. Gerade nach dem Abgang von Berisha zur TSG Hoffenheim war man wieder in der Lage, Spieler zu verpflichten. “Wir wollten den Kader ausbalancieren. Wir haben Stanic, Sarenren Bazee und Malone zusätzlich zu Berisha transferiert. Zusätzlich wollten wir die Position rechts hinten doppelt besetzt wissen und eine gewisse Breite in der Innenverteidigung schaffen.” Die Transfers von Mbabu und Tanganga waren vorher sondiert worden und konnten so auch in kurzer Zeit noch realisiert werden. Nicht das schlechteste Ende einer Transferperiode.

Keine Ruhephase

Jurendic hatte mit Sicherheit darauf gehofft, dass Ruhe einkehren würde. Sportlich war dies aber nicht der Fall. Eine blamable Pleite im Pokal, ein maues Unentschieden gegen Bochum und diverse Niederlagen, v.a. gegen nicht überzeugende Freiburger und zu Hause gegen Darmstadt, sorgten für Druck von außen, auch wenn rein tabellarisch die Situation noch nicht kritisch war.

Nun hatte der Verein entschieden, mit Maaßen in die neue Saison zu gehen und diese Entscheidung schon nach wenigen Spielen zu revidieren, hätte auf großen Wankelmut und wenig überzeugende Argumente für Maaßen hingedeutet. “Für mich war es wichtig, selbst ein Gefühl für die Situation zu entwickeln, um eine fundierte Meinung zu bilden und Entscheidungen auf einer soliden Grundlage zu treffen. ” Andererseits befand sich der FCA zu diesem Zeitpunkt in einer saisonübergreifend, sportlich schlechten Phase. Aus Jurendic’ Sicht ergab sich das Problem, dass er Maaßen noch nicht gut genug kannte, um schnell zu einem abschließenden Urteil zu kommen.

Wechsel notwendig

Spätestens nach dem Darmstadt-Spiel war dann offensichtlich, was für viele im Umkreis des Vereins schon länger festgestanden hatte: es konnte mit Maaßen nicht weitergehen. “Man muss in solchen Situationen auch eine gewisse Geduld zeigen. In der Länderspielpause haben wir alles in Ruhe angeschaut und sind zu dem Entschluss gekommen, in Anbetracht des Gesamtbilds und unserer Ziele eine Änderung vornehmen zu müssen.” Jurendic, Ströll und Co. stellten Maaßen frei und begaben sich auf die Suche nach einem neuen Trainer. Hierbei stand im Vordergrund, einen Trainer zu finden, der das Anforderungsprofil des Vereins erfüllte.

Jurendic war in der Formulierung des Anforderungsprofils beteiligt. “Wir sind schnell zu der Überzeugung gekommen, dass wir eine Person benötigen, die Erfahrung im erfolgreichen Führen von Mannschaften wie auch in der Entwicklung von Spielern hat.” Mit Jess Thorup – seines Zeichens Meistertrainer in Dänemark und Entwickler einiger Toptalente – sieht es momentan so aus, als ob er einen passenden Trainer gefunden hätte, der nun hoffentlich auch mittel- und langfristig Erfolg in Augsburg hat. “Jess Thorup passt nicht nur gut zu den kurzfristigen Bedürfnissen und Anforderungen an die Mannschaft, die wir identifiziert hatten, sondern auch zur langfristigen Ausrichtung des Clubs, die schon vor meiner Zeit festgelegt wurde.” Erneut: nicht die schlechteste Entscheidungsfindung von allen Beteiligten.

Weitere Arbeit notwendig

Und als wir dort so sitzen und uns über den FCA und seinen jetzigen Zustand nach den ersten Thorup-Spielen austauschen, ist es dann auch Jurendic selbst, der eine Baustelle beim FCA direkt anspricht: die Perspektiven der eigenen Jugendspieler. Die Jungprofis Kömür, Zehnter und Lubik sollen ihre Chance bekommen und es ist an Jurendic, den Kader so zu gestalten, dass dies auch funktioniert. Sich vermehrt – mit Heinz Moser zusammen – um die Perspektiven der Jugendspieler zu kümmern, ist bei ihm eine Priorität. “Wir müssen den Kader so planen, dass wir unserem Anspruch als Ausbildungsverein gerecht werden und gleichzeitig wettbewerbsfähig bleiben.” Dies sollten positive Signale für den FCA Nachwuchs sein, der in den letzten Jahren etwas zu kurz kam.

Und neben der Arbeit an den Strukturen des FCA im sportlichen Bereich, geht der Blick von Jurendic natürlich auch schon Richtung Wintertransferperiode. “Die Kaderentwicklung ist ein laufender Prozess. Unser Ziel ist es, eine klare sportliche Ausrichtung zu definieren, um die richtigen Spieler hierfür verpflichten zu können.” Kurzfristig geht es nun darum, in Ruhe zu verstehen, welche Art von Spieler Thorup benötigt für sein präferiertes System. Dabei ist Jurendic bewusst, dass der FCA in der jüngsten Vergangenheit viele erfahrene Kräfte abgegeben hat und es wird bei der Analyse auch eine Rolle spielen, ob es hier weiteren Bedarf gibt.

In guten Händen

Nachdem ich nun zweimal die Gelegenheit hatte, Jurendic im persönlichen Austausch zu erleben, habe ich das Gefühl, dass der FCA im sportlichen Bereich in guten Händen ist. Dies liegt nicht nur daran, dass Jurendic nicht im luftleeren Raum agiert und mit Michael Ströll einen gewieften Verhandler und erfahrenen Geschäftsführer an seiner Seite hat. Dies liegt vor allem daran, dass Jurendic einen klaren Blick auf die Situation beim FCA hat, Prioritäten benennen und Entscheidungen begründen kann. Seine offene Art der Kommunikation ist hier ein großes Plus.

Jurendic ist dabei mit Sicherheit – gerade in der Zusammenarbeit mit Thorup – gerade erst dabei, sich einzugroven. Beide brauchen anhaltenden sportlichen Erfolg, damit Ruhe einkehrt. Beiden schadet es wahrscheinlich auch nicht, gewisse Grundprinzipien festzulegen. Was meine ich damit? Ich könnte mir vorstellen, dass man immer mind. einen Bankplatz für einen Spieler aus dem eigenen Nachwuchs reserviert, damit dieser zum Zuge kommen kann, wenn man – wie gegen Heidenheim in der zweiten Halbzeit – sich in einer eindeutigen Spielsituation befindet. Jurendic wird zudem, mit längerer Vereinszugehörigkeit, schneller in der Lage sein, Entscheidungen zu treffen. Er weiß dann mehr, was der Verein braucht und wie der FCA basierend auf seinem Wertegerüst handeln sollte. Man mag ihm an dieser Stelle zurufen: Nur Mut, Jure. Viel schwieriger als zuletzt wird es nicht mehr werden und das lief doch bisher schon recht gut.

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