„Herrlicher“ Fußball beim FCA?

Ja, ich weiß. Wortspiele mit Heiko Herrlichs Nachnamen gibt es schon zur Genüge. Trotzdem kommt heute noch ein weiteres dazu. Denn ich will hiermit einmal den Versuch starten, mir die Spielidee des Trainers ein bisschen genauer anzusehen. Und dabei auch fragen, ob sich inzwischen so etwas wie ein von Herrlich geprägter Spielstil beim FCA abgezeichnet hat. Eben ein „herrlicher Fußball“. Da ist die Überschrift doch durchaus gerechtfertigt, oder?

Spurensuche

Wenn man sich jetzt – wie ich – auf die Suche nach einer „Idee“ begibt, die der Trainer mit der Mannschaft verfolgt. Tja, wo fängt man da an und wo wird man fündig? Ich denke, da gibt es ganz grundsätzlich zwei Fundgruben, in die man sich begeben kann.

Zum einen kann man sich ansehen, was Herrlich darüber gesagt hat, was und wie er spielen lassen will. In seinen Aussagen, die die Medien in Interviews und Pressekonferenzen eingefangen haben, lassen sich sicherlich Spuren von seiner Ideenwelt finden.

Zum anderen müssen wir natürlich auch darauf schauen, was wir auf dem Platz gesehen haben: Wie sieht unser Kader aus? Mit welcher Formation sind wir aufgelaufen? Welche Spielsysteme hat Herrlich spielen lassen? Welche Mittel und Wege haben wir gegen den jeweiligen Gegner gefunden – oder auch nicht?

Schmidts Vermächtnis

Bevor ich zu unserem aktuellen Trainer komme, will ich ein Stück weit zurückgehen und bei seinem Vorgänger Martin Schmidt ansetzen. Charakteristisch für unsere damalige Spielweise unter Schmidt war sicherlich die relative hohe Verteidigung. Das heißt: Wir haben versucht, dem Gegner weit in seiner eigenen Hälfte den Ball abzunehmen und nach gelungener Balleroberung aufs Tor zuzugehen.

Leider hat das nicht allzu oft geklappt. Im Gegenteil: gerade gegen stärkere Gegner nicht, wie z. B. zu Hause gegen den BVB beim 3:5 in der letzten Saison. Da ist diese hohe Verteidigung in ein permanentes Attackieren und Anrennen“ umgekippt, sodass der FCA letztlich „kopflos ins Verderben gerannt ist“. Das schrieb der Kicker damals. Und zwar deshalb, weil wir es eben meistens nicht geschafft haben, den Gegner vom Ball zu trennen. Der konnte dann einfach hinter unsere hochstehenden Verteidiger passen und antrittsschnelle Stürmer wie Haaland oder Sancho auf (leider erfolgreiche) Torejagd gegen uns schicken.

Diese Spielweise, die man im Training auch als Angriffspressing bezeichnet, hat nicht nur für dauerhohe Torgefahr durch den Gegner gesorgt. Weil die Laufwege in unsere eigene Spielhälfte durch das hohe Verteidigen sehr lang waren, ist uns regelmäßig in der letzten halben Stunde auch die Puste ausgegangen. Der Kicker errechnete: Nach der besagten Partie gegen Dortmund hatten wir „schon 18 Punkte nach Führung verspielt, die meisten der Liga“. Zudem hatten wir zu diesem Zeitpunkt schon „17 Gegentore ab der 61. Minute“ bekommen, „der zweitschlechteste Wert hinter Mainz (18)“.

Schmidts Antwort darauf war: „eine Balance“ finden, an der gearbeitet werden müsse. Obwohl er grundsätzlich weiterhin an seinem „Ansatz aus Pressing und Umschaltspiel gegen Teams auf Augenhöhe“ festhielt. Die Chance, an einer neuen Balance zu arbeiten, hat er nicht mehr bekommen. Bekanntlich musste Schmidt keine zwei Monate nach dem BVB-Spiel gehen.

Was Herrlich über seine Idee gesagt hat

Als Herrlich im März 2020 beim FCA übernahm, sei er von Stefan Reuter erst einmal mit desolaten Spieldaten konfrontiert worden: mit der schlechtesten Quote der Liga bei Ballbesitz, (angekommenen) Pässen und gewonnenen Zweikämpfen und dazu dem zweitletzten bzw. drittletzten Rang bei zugelassenen bzw. erspielten Torchancen.

Die Torchancen, zu viele gegnerische und zu wenige eigene, erklärte der neue Trainer dann auch gleich zur Chefsache: „Egal, wo ich war, wir haben uns immer sehr viele Torchancen herausgespielt. Das sind Elemente, die ich hier reinbringen möchte“, wird Herrlich von der AZ zu seinem Amtsantritt beim FCA zitiert. Um dem Problem Ballbesitz beizukommen, wurde offenbar auch schon früh als Ziel ausgegeben: in ungefährlichen Zonen des Spielfelds längere Ballbesitzphasen schaffen.

Heiko Herrlich in Aktion(Photo by Alexander Hassenstein/Getty Images)

Mehr eigene Torchancen und mehr eigener Ballbesitz waren also schon früh zwei Elemente von Herrlichs Idee für den Augsburger Fußball. Für André Niebler, Co-Trainer mit B-Lizenz für verschiedene Jugendmannschaften des FCA zwischen 2011 und 2017 und Autor einer erst kürzlich veröffentlichten, ziemlich interessanten Analyse zum Umschaltverhalten des FCA, spiegeln sich die Pläne von Heiko Herrlich für diese Saison aber vor allem in einem Zitat wieder:

Ich habe die Überzeugung, dass man sich in allen vier Spielphasen, gegen den Ball, mit dem Ball und in den Umschaltphasen, verbessern muss. Nur auf Standards oder auf Umschaltphasen zu hoffen, macht es auf Dauer schwer.

Heiko Herrlich über seine Spielidee

Demnach sind es für Heiko Herrlich alle vier Phasen im Spiel, auf die fortan der Fokus gelegt werden soll. Also nicht nur wie bisher die Ballbesitzphase des Gegners und die daran anschließenden Umschaltmomente nach Balleroberung. Sondern jetzt eben auch die eigenen Ballbesitz- und Umschaltphasen. Im Gegensatz zu Schmidts Fußball halte ich das für eine ganz neue Facette unter Herrlich.

Was wir auf dem Platz davon gesehen haben

Trotzdem liegt die große Stärke des FCA nach wie vor im Umschaltspiel bei gegnerischem Ballbesitz. Zu diesem Ergebnis kommt auch die neuerliche DFB-Analyse. Sie nimmt dazu jeweils zwei Szenen aus dem Spiel gegen die Hertha und Schalke mit aufschlussreichen Bildfolgen genauer unter die Lupe. (Ich fasse die Szenen nur kurz zusammen. Schaut sie euch für Genaueres gerne selbst an.)

Einmal, wie die Spieler das Umschalten vorbereiten: durch wenig Raum zwischen den Ketten und druckvolles Anlaufen des gegnerischen Spielers, der zu einem Rück- oder Querpass gezwungen wird. Und einmal, wie sie nach erfolgreicher Balleroberung umschalten: durch variables Spiel nach vorne (je nachdem, wo der Ball erobert wurde, durch die Mitte oder über außen) und schnelles Aufrücken.

In der Analyse heißt es außerdem, der FCA agiere in der Ballbesitzphase des Gegners inzwischen „in einem klassischen 4-4-2-Mittelfeldpressing“, verteidigt also nicht mehr ganz so hoch. Ein Nebeneffekt dieses verschobenen Mittelfeldpressings ist sicherlich, dass die Puste hintenraus wieder öfter gereicht hat. Nicht umsonst waren wir in der Schlussphase bisher überraschend stark und hatten, wie der FCA selbst schreibt, Bis(s) zum Schluss. Die acht eigenen Treffer in der Schlussviertelstunde nach dem 13. Spieltag sprechen laut der DFB-Analyse auch für „eine mental und athletisch topfitte Mannschaft“.

Topfit zum Siegtreffer. Gegen Bielefeld hat es schon geklappt. (Photo by Thomas F. Starke/Getty Images)

Doch die DFB-Analyse versteift sich aus meiner Sicht zu sehr auf die Stärken des FCA. Die Schwächen deutet sie nur an. Da heißt es: Neben dem (neuen) Mittelfeldpressing komme auch das (alte) Angriffspressing hin und wieder zum Einsatz, z. B. bei Rückstand, wenig verbleibender Spielzeit oder gleichwertigen Gegnern. Bielefeld zum Beispiel. Das sei aber bisher nicht ganz so vielversprechend gewesen. Angesichts unseres schwachen Auftritts in Bielefeld, bei dem Herrlich personalbedingt mit Dreierkette und Caligiuri auf der linken (!) Außenbahn hat spielen lassen, kann man das so unterschreiben.

Auch das Ziel, mehr eigenen Ballbesitz (und daraus eigens initiierte Tore) zu generieren, ist in der Praxis noch nicht ganz aufgegangen. Zwar seien genau dafür „neue Veteranen“ wie Caligiuri und Strobl geholt worden, die zusammen mit den „Altgedienten“ wie Gouweleeuw oder Khedira Erfahrung und Übersicht mitbringen sollten. (Warum dazu nicht auch unser „alter Veteran“ Dani Baier getaugt hätte, ist eine andere Frage…) Und auch der miserable Wert von einst hat sich verbessert. Doch gerade in eigenem Ballbesitz fehlen noch Kreativität und Ideen, wie man dem Gegner in der Vertikalen ein Schnippchen schlagen kann. Die neue, offensivere Richtung in Bewegung und Denke ist noch nicht ganz bei der Mannschaft angekommen.   

Was wir für die weiteren Spiele erwarten (dürfen)

Wenn ich die zusammengetragenen „Hinweise“ auf Heiko Herrlichs Spielidee jetzt Revue passieren lasse, kann ich vielleicht Folgendes festhalten. In den kommenden Spielen wird es (ihm) darum gehen:

  1. Die (alte) Stärke des FCA, das Umschalten und die Balleroberung, weiter ausbauen.
  2. Die (neue) Stärke des FCA, die mentale und athletische Fitness auch in der Schlussphase, aufrechterhalten.
  3. Den angestoßenen Prozess, das Spiel mit dem Ball, weiter vorantreiben. Um auch tiefer stehende Gegner zu überwinden, sich auch abseits von Umschaltphasen Chancen zu erarbeiten und so schließlich öfter zum Torerfolg zu kommen.

Vielleicht hat Heiko Herrlich auf der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen den VfB Stuttgart am Sonntag gerade diesen dritten, noch ausbaufähigen Punkt gemeint, als er von seiner Mannschaft – in ungewohnt direkter Manier – forderte, sie müsse jetzt ihre Leistung steigern und „den nächsten Schritt gehen“.

Ob uns das gelingt, wird aus meiner Sicht auch davon abhängen, ob sich die Mannschaft mittelfristig überhaupt damit identifizieren kann, öfter in Ballbesitz zu sein und daraus eigene Aktionen zu kreieren. Ob sie sich in dieser neuen Rolle wohlfühlt, einmal nicht der Außenseiter in Dauer-Lauerstellung zu sein, sondern selbst den Takt vorzugeben. Und ob bei dieser Mission auch alle mitziehen. (So wie umgekehrt für erfolgreiches Umschalten auch bei allen der Wille vorhanden sein muss, das eigene Tor zu verteidigen.)

Gegen den VfB Stuttgart gingen nicht alle Pläne auf. (Photo by CHRISTOF STACHE/AFP via Getty Images)

Am Wochenende beim 1:4 gegen den VfB war dieser Wille zum Angriff leider nur streckenweise, nur in Ansätzen zu erkennen. Nach dem Gegentreffer in der 10. Minute und in den Minuten nach dem Seitenwechsel. Nach toller Vorlage von Vargas erzielte Richter dann auch prompt den Anschlusstreffer.

Und auch der Wille zum Verteidigen, unsere alte Dauerstärke, hatte sich stellenweise verflüchtigt. Wir attackierten nicht konsequent genug im Mittelfeld, ließen uns dort (mit zugegebenermaßen teils genialen Pässen wie von Kempf vor dem 0:2) überspielen und schienen uns gerade in „unserer“ Schlussphase fast aufgegeben zu haben. Darauf deutet jedenfalls hin, dass sich beim 1:4 niemand für den späteren Torschützen Didavi verantwortlich fühlte. Zum Beispiel versuchte Udoukhai nicht einmal mehr, den reingehenden Ball durch ein letztes Reinrutschen noch aus dem Tor zu fischen. Und nach dem Treffer ließen auffällig viele FCA-Spieler sprichwörtlich die Köpfe hängen. Immer eine vielsagende Geste, finde ich.

Von herrlichem Fußball – im herkömmlichen Sinne – kann beim FCA also noch keine Rede sein. Zu viele offene Baustellen gibt es. Trotzdem hat sich beim FCA unter Heiko Herrlich meiner Meinung nach inzwischen so etwas wie eine „herrliche“ Spielidee abgezeichnet. Wenn auch nur ganz leicht und vor allem langsam. Dass die Mannschaft sich diesen Stil, mehr eigene Spielkontrolle auszuüben und sich dabei zugleich auf alte Tugenden zu stützen, mit der Zeit aneignen kann, da bin ich optimistisch. Denn ich finde, er steht ihr.

Allerdings wird das nur klappen, wenn sie das auch wirklich will. Damit meine ich auch Herrlich selbst, der genauso wie sein Team in der Pflicht steht, diesen Willen, diesen geforderten Hunger ins Spiel hinein zu vermitteln. Oder was meint ihr?

Heja!

Mittendrin statt nur dabei


Dieser Text erschien zuerst in der Kolumne „Einwurf aus der Rosenau Gazette“ bei presse-augsburg.de.

Schon vor dem Spiel gegen den VfB Stuttgart war klar, dass die Tabellensituation für den FCA weiterhin recht komfortabel ist. 19 Punkte hatte die Mannschaft schon vor dem Spiel gesammelt und die Hinrunde ist noch nicht vorbei. Das Soll ist mehr als erfüllt, auch wenn die Niederlage gegen die Stuttgarter schmerzt. Gerade deswegen sind noch längst nicht alle Anhänger in Augsburg zufrieden. In der Offensive, im Spiel mit dem Ball, kann die Mannschaft sich zu wenige Möglichkeiten erspielen. Die Torausbeute ist mau. Und gegen den VfB hat sah man zudem gegen eine gute Offensive auch defensiv nicht immer sattelfest aus. Und mit einer gewissen Ironie mag man feststellen: es ist dann doch noch ein weiter Weg, bis wir in die Champions League einziehen.

Dabei will ich die Kritik an der Spielweise der Mannschaft gar nicht entkräften. Selbst Heiko Herrlich war in der Spieltagspressekonferenz vor dem Spiel gegen den VfB Stuttgart so kritisch wie selten. Es ist auch den Verantwortlichen klar, dass diese Mannschaft noch besser spielen können sollte. Jetzt kommt es darauf an, dieses Potential abzurufen. Was Heiko Herrlich dabei sehen will und welchen Fußball er sich von der Mannschaft auf dem Platz wünscht, ist ein Thema für ein anderes mal. Aber Zufriedenheit rein auf Basis der erzielten Ergebnisse gibt es seinerseits nicht.

Auch Heiko Herrlich ist nicht mit allem zufrieden, was seine Mannschaft so abliefert, auch wenn die Punktausbeute prinzipiell stimmt (Foto via Imago)

Allerdings habe ich mich in den letzten Wochen dann doch etwas gewundert. Denn obwohl noch Verbesserungspotential vorhanden ist, klingt es an manchen Stellen fast schon so, als ob unter Heiko Herrlich keine Verbesserungen zu erkennen wären. Nun könnte ich hier über Gegenpressing-Momente anfangen zu philosophieren, die deutlich zu erkennen sind, aber darum geht es mir nicht. Gegen den VfB war man in der zweiten Halbzeit dran und hatte beim Stande von 1:2 Möglichkeiten wieder ins Spiel zu kommen. Sich aus der Situation des 0:2 wieder ins Geschehen reinzuarbeiten ist eine Leistung für sich, auch wenn sie dieses Mal nicht von Erfolg gekrönt war.

Als Heiko Herrlich den FC Augsburg letztes Jahr übernommen hat, waren aus meiner Sicht die sportlichen Fähigkeiten der Mannschaft nicht das Hauptproblem. Was mich am allermeisten ärgerte, waren die unfassbaren Zusammenbrüche des Teams. Zum Saisonende gegen Wolfsburg, auswärts in Gladbach, man könnte diese Reihe noch etwas fortsetzen. Spiele zum Schämen. Unserer Farben nicht würdig. So schlimm war keine der Niederlagen in diesem Jahr. Auch nicht erfreulich, aber bei weitem nicht so erniedrigend.

Und vielleicht betrachten wir uns dann mal das Mannschaftsgerüst und die mentale Stabilität des Teams in dieser Saison. Klar haben wir auch Spiele verloren. Gegen Hertha sah es gar nicht gut aus. Aber keine dieser Leistungen kommt auch nur annähernd in den Bereich der Negativ-Leistungen noch aus der Vorsaison, die Martin Schmidt nie abgestellt bekam trotz aller Wanderungen durch die Schweizer Berge. Ganz im Gegensatz: In den engen Spielen, wenn es in die Endphase geht, dann würde ich im Moment blind auf unser Team wetten.

Gerade am Ende konnten wir dieses Jahr noch oft jubeln. Viel wahres steckt bis dato in “Unverhofft kommt oft”. (Foto: Bernd Feil/M.i.S/Pool via Imago)

Anstatt, dass uns am Ende der Spiele die Puste ausgeht und wir die Punkte verschenken wie in der Vergangenheit, können wir noch einen Gang zulegen. Wer mag deutliche Siege nicht? Aber mehr und mehr Partien in der Bundesliga sind eng und werden durch wenige individuelle Fehler oder Einzelleistungen entschieden. Das Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu haben, für diese Momente sorgen zu können, wenn es darauf ankommt ist viel wert. Und Heiko Herrlich gebührt mein vollster Respekt dafür, dies mit der Mannschaft zusammen erarbeitet zu haben.

Und so sitze ich als FCA Fan in der Schlussphase nun öfters vor dem Bildschirm und habe Dominic Torreto aus der Filmserie “The Fast & the Furious” vor mir, wie er am Ende des Rennens im ersten Teil überholt und sinngemäß sagt: “nicht zu früh beschleunigen”. Dabei hat er diese süffisante Lächeln auf den Lippen, weil er weiß, wie gut er ist. Diese Siege gegen Köln und Bielefeld sind aus dieser Hinsicht einfach großartig. Big Points.

Dieses Selbstbewusstsein, dass Dominic Torreto, gespielt von Vin Diesel, in den “The Fast and the Furious” Filmen verkörpert, steht unserem Team sehr gut (Photo by Elsa/Getty Images)

Und mit dieser Entwicklung im Hintergrund fällt es mir einfach, Heiko Herrlich nun erstmal zu vertrauen. Ich, der Herrlich auch sehr offen für sein Verhalten am Anfang seiner Zeit beim FCA kritisiert hat. Ich sehe, dass es voran geht. Er redet die momentanen Leistungen nicht schön und hat an Kernpunkten, die Mannschaft in die richtige Richtung gelenkt. Es ist das erste Mal seit längerem, dass ich wieder an die sportliche Entwicklung glaube. Und ich bin immer noch ein Verfechter davon, Trainer langfristig arbeiten zu lassen. Schnelle Wunderentwicklungen sind so gut wie nie zu erwarten. Wer weiß, ob wir dieses Team noch wiedererkennen, wenn wir wieder ins Stadion dürfen. Heiko Herrlich ist zumindest in meinen Augen mittendrin mit dieser Mannschaft weiter an seiner Vorstellung von Fußball zu erarbeiten. Auf die so bekannten Einbrüche, warten wir hoffentlich weiterhin vergeblich.

TGIF: Spitzenreiter FC Augsburg?

Die Bundesliga ist zurück – und der FC Augsburg lädt zum Topspiel. Am Samstag (15.30 Uhr) empfängt der FCA RB Leipzig in der WWK Arena zum Duell Zweiter gegen Erster. Leider kann die Partie kurzfristig doch nicht mit Zuschauern stattfinden, da der Corona-Inzidenz-Wert in Augsburg mit knapp 50 zu hoch ist. Binnen kürzester Zeit war das zweite Heimspiel der Saison ausverkauft, nun müssen die laut Hygienkonzept zugelassenen 6.000 Fans zu Hause bleiben. Schade um die treuen Anhänger, doch angesichts steigender Infektionszahlen hatten die Verantwortlichen keine Wahl.

Dass die Unterstützung im Stadion zum entscheidenden Faktor werden kann, hat man gegen Dortmund eindrucksvoll gesehen. Kann die Mannschaft auch ohne Fans zu Höchstleistungen aufsteigen und den großen Favoriten ärgern? Es wäre die nächste Sensation in dieser jungen Bundesligasaison – und womöglich eine historische. Bei einem Sieg gegen die Sachsen winkt dem FCA die erstmalige Tabellenführung. “Wir würden uns nicht wehren”, erklärte Manager Stefan Reuter gegenüber der Augsburger Allgemeinen. “Das übergeordnete Ziel ist es aber, die Klasse zu halten.” Sollte dies frühzeitig gelingen, “sind wir gerne bereit, uns über andere Dinge zu unterhalten.”

Bevor dies so weit sein sollte und die Augsburger Fans zu träumen beginnen dürfen, liegt jedoch noch ein steiniger Weg vor dem FCA, denn “mit sieben Punkten hat noch kein Verein die Klasse gehalten.” Die Aufgabe am Samstag wird schwer, keine Frage. Doch vielleicht kann der FCA ja auch gegen Leipzig überraschen.

Bisher läuft die Saison aus FCA-Sicht überragend. Kann die gute Form auch gegen Leipzig bestätigt werden, winkt die Tabellenführung. (Foto via imago)

Über den Gegner

Die Corona-Krise trifft alle Vereine hart, heißt es immer so schön. RB Leipzig gehört aber gewiss zu den Klubs, die am lockersten durch die Pandemie gehen. Hält mit Red Bull doch ein Sponsor mit prall gefüllten Kassen seine schützende Hand über den polarisierenden Spitzenklub. Das wurde im Sommer einmal mehr deutlich. Red Bull stundete insgesamt 100 Millionen Euro an Krediten, die der Konzern den Leipzigern zuvor gewährt hat. Somit wurde aus Schulden plötzlich Eigenkapital.

“Es ist eine Transaktion, die völlig üblich ist, insbesondere in der freien Wirtschaft, aber auch im Fußballgeschäft und auch in der Bundesliga”, sagte RB-Finanzdirektor Florian Hopp damals der Deutschen Presse-Agentur. Es mag sein, dass Leipzig damit einmal mehr die teils so schwammig formulierten DFL-Statuten umgeht und somit offiziell alles rechtens ist. Im Zuge der Chancengleichheit und Fairness muss der Vorgang jedoch hinterfragt werden. Auch der FCA steht wegen Corona nicht vor dem finanziellen Ruin. Das liegt aber vielmehr an vernünftigem Wirtschaften anstatt jahrelanger Finanzspritzen durch einen Brausekonzern.

Sportlich gesehen machen die Leipziger ihre Sache in den letzten Jahren fantastisch – das darf bei aller Kritik nicht zu kurz kommen. Im Sommer wurde die Mannschaft von Julian Nagelsmann mit dem Champions-League-Halbfinale für jahrelange gute Arbeit belohnt. Im Kader der “Roten Bullen” befinden sich mit Peter Gulacsi, Willi Orban, Marcel Halstenberg, Lukas Klostermann, Yussuf Poulsen, Emil Forsberg und Marcel Sabitzer eine Menge an Stammspielern, die bereits zu Zweitligazeiten das RB-Trikot trugen. Ergänzt werden diese Spieler jedes Jahr durch teure Neuzugänge wie nun etwa Alexander Sörloth, der für 20 Millionen Euro von Crystal Palace kam. Weil in Österreich ein weiterer RB-Klub spielt, wurde mit Hee-chan Hwang traditionell noch ein Spieler aus Salzburg verpflichtet und alles in allem steht eine qualitativ sehr starke Mannschaft auf dem Platz.

Die Qualität der Sachsen bekam der FCA in der vergangenen Saison zu spüren. 1:3 und 1:2 gingen die beiden Partien verloren. (Foto via Boris Streubel/Bongarts/Getty Images)

Die Fakten zu #FCARBL

Effizient: Kein Team gab in den ersten drei Spielen weniger Torschüsse ab als der FC Augsburg (24). Leipzig hingegen kommt mit 51 Versuchen auf Platz zwei hinter dem FC Bayern. Dennoch haben beide Teams sieben Punkte auf dem Konto.

Lauffreudig: Kein Team spulte bisher mehr Kilometer ab als die Mannschaft von Heiko Herrlich (369,5). Leipzig belegt in dieser Statistik Rang 14 (340,0). Bei den Sprints sowie den intensiven Läufen belegt der FCA jeweils Platz vier.

Stabilität: Nur der FC Augsburg und Leipzig gerieten in dieser Saison noch nicht in Rückstand.

Ungeschlagen: Ex-Augsburger Julian Nagelsmann hat noch nie gegen die Schwaben verloren. In neun Duellen mit Hoffenheim und Leipzig feierte der 33-Jährige bei zwei Remis sieben Siege. Nur gegen Mainz holte er so oft drei Punkte.

Weiße Weste: Der FCA blieb in drei Spielen bereits zwei Mal ohne Gegentor. Ansonsten gelang dies nur Wolfsburg und Dortmund.

Starker Rückhalt: Auch dank Rafal Gikiewicz kassierte der FCA bisher nur einen Gegentreffer (Foto via imago).

Die letzten Begegnungen

27.06.2020: FC Augsburg – RB Leipzig 1:2

21.12.2019: RB Leipzig – FC Augsburg 3:1

02.04.2019: FC Augsburg – RB Leipzig 1:2 n. V. (Pokal)

09.03.2019: RB Leipzig – FC Augsburg 0:0

20.10.2018: FC Augsburg – RB Leipzig 0:0

Presseschau

Heiko Herrlich ist zurück auf dem Platz. Nach überstandenem Lungenkollaps kann der 48-Jährige gegen Leipzig wieder an der Seitenlinie stehen. Vor seinem Comeback sprach er mit dem Kicker über die Zeit im Krankenhaus. Der Coach fühle sich “gut”, muss aber noch ein paar Kleinigkeiten beachten: “Es ist mit den Ärzten besprochen, dass ich wieder voll dabei sein kann. Ich soll aber schauen, dass ich nicht zu häufig schreie.” Seine Mannschaft sollte ihm also eher wenig Gründe liefern, sich aufzuregen.

Herrlich befand sich nie in Lebensgefahr und scheint auch keine Folgeschäden davon getragen zu haben, dennoch klingt die Beschreibung der Krankheit ziemlich drastisch: “Die Untersuchung hat ergeben, dass ein Lungenflügel praktisch nicht mehr da war.” Glücklicherweise ist nun wieder alles in Ordnung und Herrlich kann den FCA wieder zu Siegen coachen.

So emotional und lautstark wie hier in Düsseldorf sollte sich Heiko Herrlich am Samstag wohl besser nicht verhalten. Zumindest wenn es nach seinen Ärzten geht (Foto via Sascha Steinbach/Pool via Getty Images).

Was macht eigentlich Raúl Bobadilla?

Stammspieler, Europapokalheld, Fanliebling: Raúl Bobadilla erlebte vier schöne und ereignisreiche Jahre in Augsburg. In insgesamt 105 Pflichtspielen für Rot-Grün-Weiß gelangen dem kantigen Stürmer 29 Tore und zehn Assists. Den wichtigsten Treffer erzielte er gewiss in der Europa League in Belgrad. Durch seinen Kopfball kurz vor Schluss gewann der FCA mit 3:1 bei Partizan und zog sensationell in die nächste Runde ein – ein Tor, für das ihm ganz Augsburg auf ewig dankbar ist.

In der Saison 2017/18 kehrte der gebürtige Argentinier mit paraguayischen Wurzeln zu seinem Ex-Klub Borussia Mönchengladbach zurück. Anders als in seiner ersten Zeit von 2009 bis 2012 wurde Bobadilla jedoch nicht mehr richtig glücklich bei den Fohlen und wechselte daher zu den Argentinos Juniors. Nach einer enttäuschenden Premierensaison wurde der mittlerweile 33-Jährige nach Paraguay zu Guarani verliehen. Dort blühte der Angreifer auf und erzielte zwölf Tore und vier Vorlagen. Diese Entwicklung blieb auch im Nationalverband nicht unbemerkt und so durfte Bobadilla vor wenigen Tagen nach fast fünf Jahren Abstinenz sein Comeback in der Nationalmannschaft Paraguays feiern. Beim 2:2 gegen Peru wurde er in der 63. Minute für den Ex-Ingolstädter Dario Lezcano eingewechselt. Herzlichen Glückwunsch, Boba!

Höhepunkt einer magischen Nacht: Raúl Bobadilla köpft den FCA gegen Partizan Belgrad in die nächste Runde, wo der FC Liverpool wartet. Es war sein insgesamt sechstes Tor im Turnier. (Photo ANDREJ ISAKOVIC/AFP via Getty Images)

Die voraussichtliche Aufstellung

Die Nationalspieler sind wieder zurück, im Vergleich zum Rest des Teams aber womöglich nicht ganz ausgeruht. Carlos Gruezo etwa war noch in der Nacht zum Mittwoch für Ecuador im Einsatz, Fredrik Jensen und Michael Gregoritsch machten drei Spiele in sieben Tagen. Auch Ruben Vargas, Robert Gumny, Tomas Koubek und Alfred Finnbogason waren auf Reisen. Letzterer verletzte sich gegen Dänemark und wurde früh mit Oberschenkelproblemen ausgewechselt. Gegen Leipzig ist er keine Option.

Dafür könnte jedoch Tobias Strobl in die erste Elf rücken, sodass Gruezo vorerst auf der Bank Platz nimmt. Die Viererkette indes machte ihren Job in den letzten Spielen mehr als ordentlich, sodass hier wohl kaum gewechselt werden dürfte. Spannend bleibt die Position auf den Außen. Caligiuri scheint gesetzt, doch wer bekleidet die andere Flanke? Der wiedererstarkte André Hahn, der seine Verletzung überwundene Marco Richter (mit wiedererstarktem Fokus auf den FCA, obwohl er anderswo den nächsten Schritt machen will) oder Nationalspieler Vargas?

Gikiewicz – Framberger, Gouweleeuw, Uduokhai, Iago – Khedira, Strobl – Caligiuri, Gregoritsch, Hahn – Niederlechner

Tipps

Andy: Ich habe diese Saison schon genug gegen den FCA getippt und daneben gelegen. Ich versuche daraus zu lernen. Am Samstag ärgern wir auch die Dosen und gewinnen etwas glücklich aber nicht ganz unverdient mit 2:1. Klar dabei: Florian Niederlechner trifft wieder.

Irina: Im Spitzenspiel gibt es für den FCA vor Geisterkulisse nix zu holen – 1:3 unterliegen wir den Leipzigern, sodass der Blick in der Tabelle wieder etwas nach unten geht.

Andi: 1:1 – RB verzweifelt an Gikiewicz und der FCA nutzt eine seiner wenigen Chancen. Mit der Tabellenführung wird es damit zwar nichts, Rot-Grün-Weiß bleibt aber immer noch ungeschlagen.

Ungeschlagen – unglaublich!

Wer hätte das gedacht? Der FC Augsburg liegt punktgleich mit RB Leipzig und Eintracht Frankfurt auf dem zweiten Platz der Fußball Bundesliga. Lediglich die um zwei Treffer schlechtere Tordifferenz sorgt dafür, dass die erste Tabellenführung der Augsburger Vereinsgeschichte weiterhin Traum statt Realität bleibt. Auch wenn jede(r) in Schwaben das Tableau nach drei Runden realistisch einzuschätzen weiß, freut es doch viele, dass der große Nachbar aus München hinter dem FCA rangiert und der eigene Klub so fulminant in die neue Spielzeit gestartet ist. Nach dem 0:0 in Wolfsburg geht es nun in die Länderspielpause: Akkus aufladen, damit die Form danach bestätigt werden kann.

Dank einer couragierten Leistung bleibt der FC Augsburg auch im dritten Bundesligaspiel ungeschlagen und grüßt von Tabellenplatz zwei. (Photo by Maja Hitij/Getty Images)

Gute Besserung, Trainer!

Bevor es nun über das Spiel gehen soll, wollen wir über unseren Cheftrainer sprechen. Heiko Herrlich verpasste wie schon in Frühjahr das Duell gegen die Wölfe. Jetzt hatte dies aber vielmehr ernste statt amüsante Zahnpasta-Gründe. Herrlich liegt seit Freitag im Krankenhaus und erholt sich von einem Lungenkollaps. Seit ein paar Tagen haben die FCA-Fans dahingehend ein neues Fremdwort gelernt: Pneumothorax heißt es in der Medizin.

Schon vor der Abreise nach Niedersachsen versicherte Manager Stefan Reuter unterdessen, die gesundheitliche Situation sei “nicht dramatisch, aber schon so, dass Heiko behandelt werden muss.” Mittlerweile gehe es dem Chefcoach bereits wieder besser und es ist davon auszugehen, dass er schon bald wieder zur Mannschaft stoßen kann. In Wolfsburg wurde der 48-Jährige derweil von Iraklis Metaxas vertreten. Der im Sommer verpflichtete Co-Trainer ist ein alter Weggefährte Herrlichs. Beide kennen sich bereits vom DFB sowie aus Bochum und Leverkusen.

Metaxas bekam für das Wolfsburg-Spiel nun formell die Verantwortung übertragen. Das restliche Trainerteam um Assistent Tobias Zellner sei aber ebenso in die Entscheidungen mit eingebunden gewesen, hieß es. Es bleibt festzuhalten, dass der Einstieg als Bundesligatrainer geglückt ist. Gleichzeitig wünscht die gesamte Gazetten-Redaktion unserem Cheftrainer weiterhin eine erholsame Genesung. Gute Besserung, Heiko!

Ordentliches Debüt: Bei seinem ersten Auftritt als Verantwortlicher an der Seitenlinie holt Iraklis Metaxas einen Punkt in Wolfsburg (Photo via Imago)

Der Blick aufs Spiel

Zugegeben, der VfL Wolfsburg hätte den Sieg mehr verdient gehabt als Rot-Grün-Weiß. Die Niedersachsen investierten mehr, verpassten es allerdings, sich zu belohnen. Dass es am Ende beim torlosen Remis blieb, liegt derweil an mehreren Gründen.

Das nötige Spielglück: Nach etwa 25 Minuten traf Josip Brekalo den FC Augsburg mit seinem platzierten Distanzschuss mitten ins Herz. So ziemlich alle Beteiligten im Lager der Schwaben schienen sich mit dem Gegentreffer abzufinden, niemand reklamierte. Dabei stand Wout Weghorst in der Entstehung des Treffers mit der Achillessehne im Abseits. Das Tor wurde nach Rücksprache mit dem VAR aberkannt und es ging mit dem 0:0 in die Kabinen.

Natürlich war das eine korrekte Entscheidung durch den Köllner Videokeller. Ob der Gegentreffer nicht gefallen wäre, wenn Weghorst die paar Millimeter näher zur eigenen Hälfte gestanden wäre, darf gleichzeitig aber auch bezweifelt werden.

Zum Schluss stellte der FCA das Offensivspiel quasi ein

Die richtigte Taktik: Iraklis Metaxas vertraute der Mannschaft, die so bravourös gegen den BVB gewonnen hatte, wählte jedoch eine andere Taktik. Während sich der FCA gegen Dortmund fast ausschließlich auf die Defensive beschränkte, machte er in Wolfsburg zumindest in der ersten Halbzeit Alarm in der Vorwärtsbewegung. Statt 20 Prozent Ballbesitz wie vorherige Woche erreichte Augsburg am Sonntag phasenweise Werte um die 45 Prozent. Der Offensivdrang wurde mit aussichtsreichen Chancen für Michael Gregoritsch (11.) oder Florian Niederlechner (21., 30.) belohnt.

Darüber hinaus ließ sich der FCA immer wieder tief fallen, um auf Konter zu lauern. Bei Balleroberung durch beispielsweise Carlos Gruezo schaltete die Offensive blitzschnell um und suchte den Weg in die Spitze. Insbesondere Daniel Caligiuri bewies sich dabei als sicherer Passgeber. Seine Bälle in die Tiefe sorgten einige Male für Gefahr.

Im zweiten Abschnitt konzentrierten sich die Schwaben dann aufs Verteidigen. Der VfL wurde stärker, war vermehrt in der Augsburger Hälfte aktiv, kam aber nur selten zwingend vor den Kasten Rafal Gikiewiczs. In Zukunft sollte in diesen Spielphasen allerdings auch die Offensive nicht vergessen werden. Gerade mit eigenem Ballbesitz muss dann etwas Entlastung geschaffen werden. Ansonsten wird es schwierig, dreifach zu punkten.

Längst am Lech angekommen: Daniel Caligiuri avanciert immer mehr zum Königstransfer. Der 32-Jährige ist nach wenigen Wochen in Augsburg unumstrittener Stammspieler. (Photo via Imago)

Ist das der beste Kader, den der FCA je hatte?

Starke Bank: Gegen Wolfsburg wechselte der FCA drei National- sowie einen früheren Champions-League-Spieler ein. Ich kann mich nicht erinnern, dass der FCA jemals eine so starke Bank vorzuweisen hatte. Ruben Vargas, Fredrik Jensen und Alfred Finnbogason sorgten noch einmal für Wirbel in der Offensive. Tobias Strobl stabilisierte das Zentrum. Auch wenn bis auf einen Abschluss nicht viel zu Stande kam, ist es ein großer Luxus, diese Spieler als Joker bringen zu können.

Es bleibt zu hoffen, dass es dem Trainerteam gelingt,weiter ein ausgewogenes Maß zwischen Stammelf und Zufriedenheit im Team aufrechtzuerhalten. Dank der Möglichkeit von fünf Wechseln sollte dies leichter funktionieren. Doch wie lange sich Alfred Finnbogason, Tobias Strobl oder auch Robert Gumny mit der Ersatzbank zufrieden geben, bleibt abzuwarten.

Der starke Kader wird derweil auch dadurch unterstrichen, dass es Marco Richter nicht einmal ins Aufgebot schaffte. Aus Leistungsgründen, wie nach dem Spiel auf der PK erklärt wurde. Eduard Löwen verlässt den FCA nach einem halben Jahr derweil schon wieder. Auch für ihn hatte es bisher noch nicht mal zu einer Kadernominierung gereicht.

Ein starker Keeper: Mit Gikiewicz scheint der FCA das zwei Jahre andauernde Torwartproblem endlich gelöst zu haben. Der Pole war einmal mehr ein starker Rückhalt und sicherte mit überragenden Paraden gegen Weghorst (7.) und Mehmedi (53.) das Remis. Weil auch etwaige Fernschüsse den 32-Jährigen nicht vor allzu große Probleme stellten, sicherten sich Gikiewicz und Augsburg das zweite Spiel ohne Gegentor in Serie.

Ein Gegentor nach drei Bundesligaspielen: Rafal Gikiewicz ist maßgeblich für den gelungenen Auftakt des FCA verantwortlich. (Photo via Imago)

Die Noten zum Spiel

Rafal Gikiewicz ist für uns zweifelsohne der Man of the Match. Positiv herauszuheben ist darüber hinaus Felix Uduokhai, der seine Ablösesumme Woche für Woche rechtfertigt und gegen seinen Ex-Klub Flanke um Flanke wegköpfte. Raphael Framberger, Rani Khedira, André Hahn und Florian Niederlechner machten ihre Aufgabe ordentlich und überzeugten mit Einsatzwillen. Das Quartett offenbarte allerdings auch Unkonzentriertheiten und büßte im zweiten Abschnitt an Form ein. Im Kader gibt es für nahezu jede Position Alternativen. Die Spieler sind also gefordert.

Gikiewicz (1,5) – Framberger (4), Gouweleeuw (3), Uduokhai (2,5), Iago (3) – Khedira (4), Gruezo (3,5) – Caligiuri (3), Gregoritsch (3,5), Hahn (4) – Niederlechner (4)

Einwechselspieler: Vargas (4), Jensen (3,5), Finnbogason (3), Strobl (o.B.), Oxford (o.B.)

Ausblick

Nun geht es mit einem breiten Lächeln in die eigentlich unliebsame Länderspielpause. Insgesamt sieben FCA-Profis sind dabei in den nächsten Tagen mit ihren Nationalteams im Einsatz: Robert Gumny (Polen U21), Michael Gregoritsch (Österreich), Ruben Vargas (Schweiz), Fredrik Jensen (Finnland), Alfred Finnbogason (Island), Tomas Koubek, der für die tschechische Auswahl nachnominiert wurde und auch der eigentlich angeschlagene Carlos Gruezo (Ecuador) .

Nach der Länderspielpause wartet am 17. Oktober ein echtes Brett auf den FC Augsburg. In der bereits mit Corona-Kapazität ausverkauften WWK Arena kommt es zum Topspiel gegen RB Leipzig. Dass die Partie diese Bezeichnung zu Recht trägt, zeigt der Blick auf die Tabelle. Es trifft der 2. auf den 1. – immer noch unglaublich.

Was war die Panne der FCA-Saison 2019/20?

Letzter Teil unserer Abstimmungen: Nachdem sich Florian Niederlechner (wertvollster Spieler), Andreas Luthe (meistverbesserter Spieler) und Ruben Vargas (Newcomer der Saison) in den traditionellen Kategorien durchsetzen konnten, wollen wir nun ein neues Voting integrieren: Wir suchen nun die Panne der FCA-Saison. Nachfolgend kommen also fünf weniger glorreiche Momente aus der abgelaufenen Spielzeit. Klasse gehalten und sich mit etwas Humor erinnern.

Michael Gregoritsch (“Hauptsache weg”)

November 2019: Unter Martin Schmidt spielte Michael Gregoritsch überhaupt keine Rolle, stand zeitweise nicht einmal im Kader. Während der Länderspielpause lederte er dann öffentlich gegen den FCA: “Für mich ist klar, dass ich im Winter unbedingt von Augsburg weg will, damit ich die Möglichkeit habe, regelmäßig zu spielen und mich fürs Nationalteam zu empfehlen”, sagte der Österreicher damals. Ob er dann fix wechseln dürfe oder verliehen werde, sei ihm egal. “Hauptsache weg”. Darüber hinaus kritisierte er, dass ihn Manager Stefan Reuter im Sommer nicht hatte wechseln lassen und meinte: “Bei aller Liebe, aber ich habe jetzt ein halbes Jahr praktisch nicht gespielt. Da kann man sich nicht hinstellen und wieder eine zweistellige Millionensumme verlangen.” Der FCA suspendierte Gregoritsch und parkte ihn leihweise beim FC Schalke, nun ist der 26-Jährige wieder zurück. Nach seinem Frust-Interview schien er keine Zukunft mehr am Lech zu haben, doch vielleicht blüht der Offensivmann ja unter Heiko Herrlich wieder auf.

Quo vadis, Gregerl? In der Saison 2017/18 gelangen dem Österreicher 13 Tore und vier Vorlagen. Kann er daran noch einmal anknüpfen? (Photo by Christof STACHE / AFP)

André Hahn (vs. Köln)

Ein Tag zum Vergessen. Beim 1. FC Köln ergibt sich dem FCA im Dezember früh die Chance, in Front zu gehen. Nach Foul an Niederlechner zeigte Schiedsrichter Stieler in der 9. Minute auf den Punkt. Hahn übernahm Verantwortung, doch FC-Keeper Horn parierte den unplatzierten Rechtsschuss. Dann scheint dennoch alles nach Plan zu laufen. Erst sah Kölns Czichos in der 39. Minute die gelb-rote-Karte, dann netzte Niederlechner in der 43. zum 0:1. Eine Minute vor Halbzeitpfiff dezimierte sich dann aber auch der FCA. Hahn ging zu ungestüm in den Zweikampf und bekam ebenfalls Gelb-Rot, nachdem er zuvor bereits verwarnt wurde. Die wohl bitterste Halbzeit in der Karriere des Flügelspielers.

Heiko Herrlich (Zahnpasta)

Heiko Herrlichs Start als Cheftrainer des FC Ausgburg hätte ungewöhnlicher nicht sein können. Nur wenige Tage nach seinem Amtsantritt gab die DFL bekannt, die Bundesliga zu unterbrechen. Als nach mehr als zwei Monaten Corona-Pause endlich wieder gespielt werden durfte, fehlte Herrlich auf der Bank. Er hatte die strengen Hygieneauflagen der DFL missachtet und war zum Einkaufen gegangen, um sich Handcreme und eine Tube Zahnpasta zu besorgen. Blöd nur, dass er zu diesem Zeitpunkt eigentlich mit dem Team im Quarantäne-Hotel sein sollte. Doppelt blöd, dass er das alles auch noch selbst auf der Pressekonferenz vor dem Wolfsburg-Spiel aufdeckte und ganz unverblümt darüber sprach. Umso mehr dürfte sich der Coach gefreut haben, als der FCA in seinem “echten Debüt” auf Schalke mit 3:0 gewann.

Brachte sich selbst in die Bredouille: FCA-Coach Heiko Herrlich sah seinen Fehler zwar ein, fehlte aber dennoch auf der Bank gegen Wolfsburg. Tobias Zellner sprang ein und die Schwaben verloren mit 1:2. (Photo by MICHAEL DALDER/POOL/AFP via Getty Images)

Tomas Koubek (vs. Gladbach)

Sonntagmorgen 5 Uhr. An einem düsteren Oktobertag machte ich mich auf den Weg nach Mönchengladbach. Weil der FCA gegen die Fohlen eigentlich immer ganz gut aussah, reiste ich durchaus optimistisch ins Rheinland. Nach 13 Minuten Spielzeit sah meine Gemütslage und die der mitgereisten Augsburg-Fans jedoch ganz anders aus. Gladbach führte bereits 3:0. Bis kurz vor Ende des ersten Durchgangs dümpelte das Spiel so vor sich hin, Rot-Grün-Weiß hatte sogar ein paar Abschlüsse. In der 39. Minute hatte dann jedoch Keeper Tomas Koubek seinen großen Auftritt. Erst verstolperte der Tscheche nach Uduokhai-Rückpass den Ball, nachfolgend versuchte er Gegenspieler Plea zu blocken, statt das Leder aufzunehmen. Eine mehr als unglückliche Situation an einem rabenschwarzen FCA-Tag, an dem die Schmidt-Elf mit 1:5 unter ging. Immerhin hatte Koubek damit seinen Platz in den einschlägigen Saisonrückblicken sicher.

Marco Richter (vs. Mainz)

Was der FC Augsburg in den ersten 15 Minuten gegen Mainz auf den Rasen zauberte, hatte was von Champions League. Überfallartig scheuchte Martin Schmidt seine Truppe nach vorne, nach sechs Minuten standen bereits zwei Pfostentreffer. Wie aus dem Nichts ging der FSV dann jedoch durch einen Sonntagsschuss Levin Öztunalis in Führung. Dass die Nullfünfer zu dem Zeitpunkt überhaupt noch nicht in Rückstand waren, lag neben dem Spielglück auch am “Fehlschuss der Saison”, wie die Bild nach der Partie titelte. Vargas eroberte das Leder kurz vorm linken Strafraumrand, eilte auf FSV-Schlussmann Zentner zu und legte dann quer auf den völlig blank stehenden Richter. Das leere Tor vor Augen setzte der Younsgter das Ding jedoch neben den Kasten. Am Ende können alle Beteiligten darüber lachen. Der FCA gewann mit 2:1 – auch dank Richters zwischenzeitlichem Ausgleichstreffer. Geht doch!

Hatte dann am Ende doch noch etwas zu lachen: Marco Richter (m.) mit Fredrik Jensen (l.) und Florian Niederlechner nach seinem Ausgleichstreffer gegen Mainz. (Photo by Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images)

Abstimmung: Was war die Panne der FCA-Saison 2019/20?

Das war es nun mit den weniger glanzvollen FCA-Momenten der Saison. Ob es diese Kategorie auch nächstes Jahr geben wird, ist noch offen. Es hätte wohl niemand etwas dagegen, wenn wir sie nach einer erfolgreichen Saison 2020/21 nicht mehr brauchen. Doch nun seid erst einmal ihr wieder gefragt. Stimmt ab.

Was war die Panne der FCA-Saison 2019/20?

  • Tomas Koubek (42%, 39 Votes)
  • Heiko Herrlich (41%, 38 Votes)
  • Michael Gregoritsch (9%, 8 Votes)
  • Marco Richter (4%, 4 Votes)
  • André Hahn (3%, 3 Votes)

Total Voters: 92

Loading ... Loading ...

Sinkt das Schiff?

Am Ende ging es wieder einmal ganz schnell. Schon Anfang der Woche machten die Gerüchte die Runde, dass die Verjüngungs- und Verschlankungskur umfassender ausfallen wird als befürchtet und auch altgediente Spieler betroffen sein könnten. Mit Julian Schieber, Georg Teigl und Fabian Giefer war schon gerechnet worden, Andi Luthe erschien auch auf der ominösen Liste und schließlich fiel in dem Zusammenhang der Name Daniel Baier. Man wurde sichtlich nervös. Das war nicht nur unvorstellbar, das konnte auch nicht gut ausgehen.

Es steht zu vermuten, dass die Entscheidung schon länger klar war aber die neugierige Presse das Timing durcheinander brachte. Andererseits ist kaum vorstellbar, zu welchem Zeitpunkt und bei welcher Gelegenheit, diese Nachricht einigermaßen verdaulich gewesen wäre. Die Vereinsmeldung schlug auch entsprechend ein. Stefan Reuter hat wie gewohnt ein gutes Fingerspitzengefühl für die Befindlichkeiten der Fans gefunden und seinen Emotionen mit großen Worten freien Lauf gelassen. Ebenso hölzern freute sich der Manager noch im Januar über die weitere Vertragsverlängerung des dienstältesten FCA Spielers. Doch das scheint nun im Sommer vergessen.

Am Ende gab es nichts mehr zu diskutieren. Ende aus, Daniel Baier läuft für den FCA nicht mehr auf. (Photo by Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images)

Erwartungsgemäß tobt die sensible Fanseele und über dem Augsburger Manager entlädt sich ein veritabler Shitstorm. Auch die Gazettenredaktion ist sich hier einig und sehr wütend. Wütend wie lange nicht mehr. Wenn wir nicht gerade angesichts der Abschiedsgrüße des Kapitäns aus dem Urlaub still vor uns hin weinen. Natürlich in schwarz-weiß. Soviel Emotion gab es lange nicht.

Doch es gibt leider ein stimmiges Bild mit den Entwicklungen der letzten Woche und Monate. Und inmitten der überbordenden Emotionen muss man sich die Frage stellen, was da gerade beim FCA passiert. Zuletzt traf es schon mit Zdenko “Mile” Miletic einen der wenigen Figuren, die lange Jahre und glaubhaft mit dem Verein verbunden waren. Und hiervon gibt es nicht allzu viele. Im modernen Fußball ist diese Art der Verbundenheit sehr rar und eigentlich ein Kapital, das man erhalten sollte. Auch Daniel Baiers Beziehung zum FCA war persönlich und glaubhaft, über viele Jahre hinweg. Es ist mehr als fraglich, ob dieser harte Schnitt zu Gunsten eines konsequenten sportlichen Wegs nötig war oder sinnvoll ist.

Das habt ihr nicht wirklich getan? Die Aktionen des FCA sorgen im Moment für einige Fragen. (Photo by Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images)

Dass Daniel Baier in den sportlichen Vorstellungen von Heiko Herrlich und Stefan Reuter keine Rolle (mehr) spielt, hat sich abgezeichnet. Schon zuletzt wurde auf den Kapitän keinen Wert mehr gelegt und für die kommende Saison zusätzliche Konkurrenz verpflichtet. Daniel Baier war mit dieser Rolle auf der Ersatzbank nicht glücklich, das war bekannt. Man kann sich vorstellen, dass es in den letzten Gesprächen wohl genau um diese Problematik ging. Und man muss auch von dem langjährigen Stammspieler erwarten können, dass er sich auch über längere Phasen ohne Murren auf die Bank setzt.

Und doch: auch wenn Reuter und Herrlich die sportliche Perspektive – und das Risiko als Ersatzspieler in die letzte Saison zu gehen – klar benannt haben, so ist doch der angebotene Ausweg einer Vertragsauflösung inmitten der Sommerpause nach einer Saison im Ausnahmezustand in keinster Weise verständlich. Der Plan, den Kader zu verjüngen und zu verschlanken hätte man auch auf lange Sicht anlegen können. Sicherlich hat Herrlich eine andere sportliche Vision und die Leistungen des FCA waren in den vergangenen Monaten durchaus schwankend und teilweise auch bedenklich. Aber das hatten wir auch schon alles.

Was Daniel Baier hier sagen will? Etwas in der Art: Am Ende habt ihr besser recht, Stefan Reuter und Heiko Herrlich! (Photo by Sebastian Widmann/Bongarts/Getty Images)

Jetzt mit Zdenko Mileticund Dani Baier zwei altgediente FCAler für die Fehler gewissermaßen mit-verantwortlich zu machen, ist mehr als bedenklich. Auch da der Erfolg des Herrlichen Spielkonzepts bislang noch nicht auszumachen war. Daniel Baier hat dagegen seinen sportlichen Wert mehr als einmal unter Beweis gestellt. Sicherlich wird es Veränderungen geben (müssen), aber den Kapitän auf diese Weise auzusortieren, ist schlicht unwürdig.

Vielleicht wird der Erfolg dem Wirken des umtriebigen Duos Reuter/Herrlich ja am Ende Recht geben und all dies ist in wenigen Monaten vergessen. Aber vielleicht wird auch ein etwaiger Misserfolg Fragen nach den getroffenen Entscheidungen und Methoden aufwerfen. Spätestens dann ist auch Stefan Reuter nicht mehr zu halten. So oder so. Derzeit muss sich doch Sorgen machen, wohin das Schiff steuert. Der Manager hat derweil noch ein Abschiedsspiel für Daniel Baier in Post-Coronazeiten in Aussicht gestellt.

Na, dann ist ja alles gut.

Die Gewinner und Verlierer der Saison

Der FC Augsburg hat es mal wieder geschafft. Auch in der neunten Bundesligasaison konnte der Klassenerhalt gesichert werden. Das ist bei weitem nicht selbstverständlich und immer noch als Erfolg zu werten. Am Ende einer turbulenten Saison samt Torwart- und Trainerwechsel stehen aber auch weniger erfreuliche Aspekte wie die schlechteste Rückrunde in der Bundesligageschichte. Das musste auch Stefan Reuter einsehen: “Es gilt, sich Gedanken zu machen, was wir verbessern können, um im nächsten Jahr mehr gute Spiele abzuliefern. Wir hatten Phasen, die uns zu denken geben”, bilanzierte der Manager jüngst im Kicker. Auch wir lassen die Saison nun einmal Revue passieren und blicken auf die Gewinner und Verlierer im Kader.

FC Augsburg: Die Gewinner der Saison

Florian Niederlechner: Eine Saison zum niederknien! Der Neuzugang vom SC Freiburg hat dermaßen eingeschlagen, dass er gar als EM-Kandidat gehandelt wurde. Nun wissen wir alle, dass Jogi Löw den FCA offenbar nicht verfolgt (Stichwort Max) und es somit wohl ohnehin nie zu einer Nominierung gekommen wäre. Doch verdient hätte sie Niederlechner allemal. 13 Saisontore bedeuten FCA-Bundesligarekord (zusammen mit Michael Gregoritsch), zusätzliche neun Vorlagen den Augsburger Höchstwert in puncto Scorerwerten. Darüber hinaus ist der gebürtige Oberbayer ein sehr sympatischer Kerl und sich nicht zu schade, auch einmal die Grätsche auszupacken. Niederlechner und der FCA, eine absolute Liebesbeziehung. Gerne auch für immer.

Ein echter Transfer-Coup. Florian Niederlechner ist der FCA-Spieler der Saison. (Photo by Robert Hradil/Bongarts/Getty Images)

Philipp Max: Vor wenigen Wochen bestritt Philipp Max sein 150. Pflichtspiel für Rot-Grün-Weiß. Dass der 26-Jährige derart oft für den FCA auflaufen wird, hätten nach seiner bärenstarken Saison 2017/18 wohl nur wenige erwartet. Auch in dieser Spielzeit war er unumstrittener Stammspieler und offensiv nicht nur per Standards gefährlich. Acht Tore und sechs Vorlagen bedeuten Rang zwei in der internen Scorer-Tabelle. Außerdem sammelte Max die meisten Ballaktionen pro Spiel und trat vermehrt auch als Leader auf. Selbst ein Turban scheint ihm neuerdings nicht am Einsatzwillen zu hindern. Daher bleibt zu hoffen, dass Max weiterhin am Lech bleibt, auch wenn ihm wohl niemand einen Wechsel zu einem Top-Verein verdenken würde.

Ruben Vargas: Ruben wer? Das dachten sich wohl einige FCA-Fans, als ihn Reuter im Sommer aus dem Hut zauberte und vom FC Luzern verpflichtete. Kenner der Schweizer Liga prophezeiten schon damals, der Junge hätte Talent. Nach einer Saison in der 1. Bundesliga kann man getrost festhalten, dass sich dieser Transfer gelohnt hat. Der Schweizer Nationalspieler stand in 33 Spielen auf dem Platz. Eine Partie verpasste Vargas aufgrund einer Gelbsperre. In seinen Einsätzen überzeugte der erst 21-Jährige mit viel Tempo und einer gesunden Prise Schlitzohrigkeit. Auch seine sechs Tore können sich sehen lassen. Alles in allem hat der Flügelspieler definitiv Lust auf mehr gemacht.

FC Augsburg: Vom Gewinner zum Verlierer?

Andreas Luthe: Eigentlich hätte man auch Luthe in die Liste der Gewinner packen können. Der etatmäßige Ersatzkeeper wurde im Laufe der Saison zur Nummer Eins befördert. In den letzten Spielen der Saison entwickelte er sich zu einem starken Rückhalt, was auch die Statistik zeigt. Während der FC Augsburg mit Luthe 12 Tore in 10 Spielen kassierte, musste man mit Koubek in 24 Partien 51 Gegentreffer schlucken. Dass Luthe hier dennoch als möglicher Verlierer aufgeführt wird, liegt an der Verpflichtung Rafal Gikiewiczs. Auch wenn der Kampf um die Nummer Eins damit freilich noch nicht entschieden ist, steht eines doch fest: Beim FCA scheint man Luthe den Stammplatz nicht wirklich zuzutrauen. Das zeigte schon die leihweise Verstärkung von Gregor Kobel im Winter 2019.

Ein Garant für den Klassenerhalt. Andreas Luthe hielt dem FCA zuletzt, wie hier in Mainz, den Rücken frei. Wie sieht seine Situation in Zukunft aus? (Photo by Pool/Kai Pfaffenbach/Pool via Getty Images)

FC Augsburg: Die Verlierer der Saison

Tomas Koubek: Bleiben wir gleich beim leidigen Thema Torwart. Koubek ist der viertteuerste Bundesligakeeper der Historie – hinter Manuel Neuer, Bernd Leno und Yann Sommer. Von den Leistungen dieses Trios ist der Neuzugang aus Rennes aber so weit entfernt, wie der FCA von der Deutschen Meisterschaft. Viel zu oft kosteten die kapitalen Aussetzer des etwas behäbig wirkenden 1,98-Meter-Hünen dem FCA wichtige Punkte. Es tut fast schon weh, den Tschechen derart auseinander zu nehmen, denn er wirkt eigentlich sehr sympatisch, aber leider war das schlicht keine bundesligareife Saison. Folglich verlor er auch den Platz zwischen den Pfosten und durfte im letzten Spiel gegen Leipzig nur ran, weil Luthe verletzt war. Der 27-Jährige ist der klare Verlierer der Saison und das Experiment Koubek somit wohl nach nur einem Jahr gescheitert.

Stephan Lichtsteiner: Ach was waren die Erwartungen groß, als der siebenfache italienische Meister und frühere Schweizer Fußballer des Jahres nach Augsburg wechselte. Ein Hauch von Champions League. Nachdem Lichtsteiner nun seit dem 30. Juni nicht mehr in Schwaben unter Vertrag steht, ist von diesem jedoch wenig bis gar nichts mehr zu spüren. Der Rechtsverteidiger offenbarte nicht wegzudiskutierende Geschwindigkeitsprobleme und wusste sich oft nur mit einem taktischen Foul zu helfen. Der gute Mann ist dann eben doch schon 36 Jahre alt. Zudem war der Kapitän der Nati in seinen 20 Einsätzen mehr mit Meckern als Verteidigen beschäftigt. Alles in allem bleibt es ein enttäuschendes Gastspiel in Augsburg, mit dem Lichtsteiner nur wenige Argumente für eine Vertragsverlängerung lieferte. Nichtsdestotrotz sagen wir Danke, Stephan. Für einen Hauch von Champions League. Alles Gute für die Zukunft.

Daniel Baier: Wenn Baier fit ist, dann spielt er auch. Was lange als ungeschriebenes Gesetzt galt, wird mittlerweile immer öfter gebrochen. Der Kapitän musste nach dem Trainerwechsel von Schmidt zu Herrlich bereits dreimal 90 Minuten auf der Bank schmoren. Herrlichs Begründungen, den 36-Jährigen nicht überbelasten zu wollen, wirkten nach dem Neustart samt englischer Woche plausibel. Warum er den Rekordspieler des FC Augsburg aber in den letzten beiden Duellen nicht aufstellte, bleibt sein Geheimnis. Im Abstiegskracher in Düsseldorf wären Baiers Führungsqualitäten zumindest gefragt gewesen. Zur neuen Saison geht die lebende Legende ins letzte Vertragsjahr. Dabei bekommt der Mittelfeldspieler Konkurrenz von Neuzugang Tobias Strobl und dem in der Rückrunde stark aufspielenden Carlos Gruezo. Wie dann die Rolle des Kapitäns aussehen wird, ist zum jetzigen Stand mehr als fraglich.

Mit 355 Einsätzen Rekordspieler des FCA – und nun nicht mehr gefragt? Daniel Baier fand sich gegen Ende der Saison in ungewohnter Rolle wieder. (Photo by TOBIAS HASE/POOL/AFP via Getty Images)

Man hätte noch weitere Spieler in die Liste aufnehmen können. Einen guten Job machten auch der eben angesprochene Gruezo sowie der beste Zweikämpfer der FCA-Saison, Felix Uduokhai, auf den sich die Fans dank gezogener Kaufoption auch in Zukunft freuen dürfen. Weniger glücklich agierten hingegen André Hahn und in Teilen auch Tin Jedvaj, der wohl wieder nach Leverkusen zurückkehren wird. Ohenhin wird momentan bereits eifrig am Kader für die neue Saison gebastelt – auf der Torhüterposition hat der FCA dabei jedoch vielmehr ein neues Problem geschaffen, statt das alte zu lösen.

Die Kaderzusammenstellung birgt also bereits jetzt Brisanz. Es bleibt spannend, wie Reuter & Co. einerseits den Torhüterüberschuss und andererseits das Thema Daniel Baier managen. Es wäre mehr als schade, wenn der FCA-Kapitän auch nach der neuen Saison als Verlierer gelistet werden müsste.

Immer wieder Herrlich

Dieser Text erschien zuerst in der Kolumne „Einwurf aus der Rosenau Gazette“ bei presse-augsburg.de.

1:0 in Mainz gewonnen. 7 Punkte Abstand auf den Relegationsplatz. 3 Spiele noch zu spielen. Der Klassenerhalt ist dem FC Augsburg auch in dieser Saison quasi nicht mehr zu nehmen. Es könnte die Zeit der ungetrübten Freude sein. Es könnte so herrlich sein. Wenn da nicht der Herrlich wäre.

Das Sportliche

Vielleicht einmal vorweg. Sportlich sieht das doch gar nicht so übel aus, was die Mannschaft auf den Rasen bringt. Gerade hinten haben wir zuletzt mehrmals zu null gespielt. Auch gegen Mainz kein Gegentor kassiert. Siege gegen Schalke und Mainz. Dazu ein paar Unentschieden. Die Mannschaft scheint sich Stück für Stück zu stabilisieren. Ich hebe gerne den Wert von kontinuierlicher sportlicher Arbeit hervor. Wenn Heiko Herrlich mit dem Trainerteam die Arbeit in den kommenden Wochen und dann in der Vorbereitung auf die neue Saison so fortsetzen kann, dann scheint die sportliche Zukunft unseres Teams positiv. Aber will man Heiko Herrlich wirklich an der Seitenlinie haben?

Die Geschichte

Bevor wir nun auf die Vorkommnisse in Augsburg zu sprechen kommen, die sich unser derzeitiger Cheftrainer in wenigen Wochen schon geleistet hat, werfen wir vielleicht einen Blick in die Vergangenheit. Ich will Heiko Herrlich nun wirklich nicht auf Basis eines einzelnen Ereignisses beurteilen. Die Vergangenheit kann uns aber vielleicht helfen, ein Muster zu erkennen.

Schauen wir uns als erstes daher die Trainer-Schwalbe von Heiko Herrlich an. Heiko Herrlich war zu diesem Zeitpunkt Trainer von Bayer 04 Leverkusen. Leverkusen spielte gegen Borussia Mönchengladbach. Der Ball geht ins Aus. Denis Zakaria von Gladbach will sich den Ball zum Einwurf holen. Herrlich lässt diesen durch seine Beine und hebt ab, als der Gladbacher Spieler an ihm vorbei will um den Ball zu holen.

Seine Erklärung im Nachhinein ist dann bizarr: Er habe das Gleichgewicht verloren. Es habe vielleicht etwas komisch ausgesehen. Man möchte laut “Bullshit” rufen. Später hat er sich natürlich in aller Form entschuldigen müssen.

Der Augsburger Bullshit

In Augsburg war Heiko Herrlich noch gar nicht an der Seitenlinie angekommen, als er sich schon den ersten Aussetzer leistete. Im Teamhotel in Bobingen hatte er Zahnpasta und Gesichtscreme vergessen und ging schnell zum Supermarkt um die Ecke. Kein großes Ding normalerweise. Derweil steckt die Welt in der größten Pandemie seit fast 100 Jahren und das Hygienekonzept der DFL war täglich in den Schlagzeilen. Herrlich durfte das Teamhotel – genau wie alle seine Spieler – nicht verlassen. Er als Führungsperson hätte es besser wissen müssen. Hat er nicht. Hat freimütig von der Aktion auf der Pressekonferenz erzählt. Sich danach öffentlich entschuldigt. Die Aktion allerdings auch relativiert mit dem Hinweis, alle Hygiene-Maßnahmen eingehalten zu haben. Einsicht sah damals schon anders aus.

Sieht so jemand aus, der schnell das Gleichgewicht verliert? (Photo by KAI PFAFFENBACH/POOL/AFP via Getty Images)

Aber Herrlich ist nicht unter zu kriegen. Gerade nach dem Remis gegen Köln holte er zum Tiefschlag gegen Videoschiedsrichter Winkmann aus und unterstellte diesem Parteilichkeit. Warum er hierfür ungestraft davon kam, ist wohl niemanden so recht klar. Ein Unding. Schon in diesem Zusammenhang wies Gianni Costa von der Rheinischen Post auf Herrlichs Fehltritt-Liste hin und forderte ihm zu einer Entschuldigung bei Winkmann auf. Die Möglichkeit sich für den verbalen Fehltritt selbst zu entschuldigen ließ Heiko Herrlich auf der Pressekonferenz vor dem Mainz-Spiel ungenutzt verstreichen.

Gegen Mainz legte Herrlich direkt nach. Bei Einwurf Mainz spielte er einen zweiten Ball aufs Feld (und kam auch dafür wieder ungeschoren davon). Im Interview bei Sky nach dem Spiel verwies er auf ein Versehen auf Grund seiner technischen Fähigkeiten. Heiko, willst Du uns verarschen? Heiko Herrlichs Highlights als Spieler zeigen recht gut, dass der Ball sein Freund ist. Die Erklärung klingt doch zu sehr nach “Gleichgewicht verloren”. Heribert Bruchhagen stellte die Erklärung bei Sky dann auch direkt in Frage.

Die Analyse

Was erkennen wir nun nach einigen Wochen, die Heiko Herrlich nun in Augsburg ist? Heiko Herrlich hat als Trainer Aktionen gebracht, die jede einzelne meinen Magen zum Grummeln bringen. Klar braucht ein Trainer ein sportliches Konzept, um eine Mannschaft zu führen. Daneben würde ich mir aber sehr ein Bewusstsein für die gesellschaftlichen Zusammenhänge über den Profisport hinaus wünschen. Ein Menschenbild, in dem anderen nicht sofort unprofessionelles Verhalten unterstellt wird. Ein Forttragen des Fairplay Gedankens. Und ein aufrichtiges Umgehen mit den eigenen Fehlern. All dies , sehe ich nicht, wenn ich Heiko Herrlich aus der Distanz beobachte.

Heiko Herrlich, wie er sich den Dingen nicht stellt. (Photo by Michael Dalder/Pool via Getty Images)

Mir ist es wichtig, dass dieser Text nicht als Charakterisierung von Heiko Herrlich als Person aufgefasst wird. Ich kenne Heiko Herrlich nicht persönlich. Mir geht es vor allem um ein Beurteilung von Heiko Herrlich in seiner öffentlichen Funktion als Trainer eines Fußballbundesligisten. Als Vorbild für unsere Kinder. Ich bin vor allem Fan dieses Vereins, der gerade in Zeiten von Corona auf seine Werte und das Zusammenhalten abgestellt hat. Ich finde es schade, dass wir gerade einen Trainer zu haben scheinen, der diese Werte nicht ausreichend repräsentiert. Wir in Augsburg wissen nicht, wie es ist abzusteigen. Zumindest sportlich. Die Entwicklung abseits des Platzes ist doch in den letzten Wochen mehr als bedauerlich. Nicht herrlich.

TGIF: Geisterhaftes Wolfsburg

Endlich! Wieder! Bundesliga! Aller Unkenrufe zum Trotz, alle Bedenken einmal ausgeklammert, am Samstag wird in Augsburg wieder Fußball gespielt. Und die Gazette ist schon ganz aufgeregt. Man hat das Gekicke doch schon sehr vermisst. Wer sich schon mal einstimmen will oder vergessen hat, wie es um das Sportliche steht, dem sei unsere kontaktlose Spieltagsvorschau ans Herz gelegt.

Fakten zum Spiel #fcavfl

Das wichtigste vorweg: Heiko Herrlich ist seit zwei Monaten als FCA Trainer ungeschlagen. Das dürfte Vereinsrekord sein und Stefan Reuter wird sich jeden Abend vermutlich selbst für diesen Glücksgriff auf die Schulter klopfen. Am Samstag wird sich Wolfsburg daran versuchen, die Serie zu beenden. Zumindest Heiko Herrlich kann das Spiel gelassen angehen, denn er wird gar nicht auf der Bank sitzen. Dazu gleich mehr.

Heiko Herrlich hat seinen eigenen Weg gefunden, sein Debüt beim neuen Arbeitgeber in Zeiten von Corona zu boykottieren. Schaut ihr am Samstag zu? (SASCHA SCHUERMANN/AFP via Getty Images)

Vorweg ein kleiner Rückblick in den März, denn die nominell immer noch laufende Bundesligasaison ist verständlicherweise derzeit ganz weit weg. Man erinnert sich vage an einen guten Auftritt in München und den Rauswurf von Martin Schmidt, der durchaus für Kontroversen sorgte. Die Zahlen lassen einen aufhorchen. Stand jetzt sind es nur fünf Punkte zum Relegationsplatz und der FCA hat nur einen Punkt aus den vergangenen fünf Spielen geholt. Vielleicht wäre der ein oder andere Verantwortliche froh über einen Saisonabbruch gewesen. Sportlich wird es nicht leichter.

Mit dem neuen Trainer und angesichts der langen Unterbrechung ist vollkommen unklar, wie der FCA in dieses Spiel gehen wird. Große spielerische Änderungen sind nicht zu erwarten, auch wenn Heiko Herrlich unlängst eröffnete, dass er offensiver spielen lassen möchte und Wert auf spielerische Lösungen legt. Personell wird gemunkelt, dass Alfred Finnbogason auszufallen droht. Der Trainer hat eine Aufstellung im Kopf, diese aus taktischen Gründen aber noch nicht verraten. Hoffentlich wurden die Co-Trainer rechtzeitig eingeweiht.

Der Gegner

Der Werksverein aus der Autostadt spielt unter Oliver Glasner eine solide bis gute Saison. Das Hinspiel war eine Nullnummer und damit im Vergleich zum Debakel in der letzten Saison eine wahre Wohltat. Die letzten Bundesligaspiele des VFL waren auch mehr als in Ordnung. Unentschieden gegen Leipzig, Berlin und Düsseldorf und Siege gegen Mainz, Hoffenheim und Paderborn. Aber das sind Spiele aus einer anderen Zeit. Im Europapokal setzte es zuletzt eine Heimniederlage vor leeren Rängen gegen Donezk. Ist die Geisterspielerfahrung von Vorteil? So manch einer munkelt, dass in Wolfsburg kein großer Unterschied zur üblichen Stimmung erkennbar war.

Wout Weghorst fehlt gelbgesperrt und neben einigen anderen Ausfällen hat sich auch Yannick Gerhardt zuletzt im Training schwerer verletzt. Gute Besserung an dieser Stelle! Zur Vorbereitung studierte Oliver Glasner übrigens nach eigener Aussage Spiele von Leverkusen und Regensburg als dort Heiko Herrlich Trainer war. Es ist in jeder Hinsicht eine Wundertüte. Auch wir sind gespannt.

Die Presseschau

Die DFL hat am Donnerstag eine Reihe von Beschlüssen im Zusammenhang mit der Fortsetzung des Spielbetriebs gefasst und lässt nun unter anderem mehr Auswechslungen zu (bis zu fünf) und ermöglicht Spiele an einem Ausweichort, sollten diese an den ursprünglich vorgesehenen Spielstätten aufgrund von Auflagen der Behörden nicht durchführbar sein. Theoretisch kann die Saison außerdem bis in den Juli verlängert werden.

Ansonsten hat die Presse natürlich in den vergangenen Tagen das Für und Wider der Bundesligafortsetzung ausführlich debattiert. Empfehlenswert ist der Kommentar von Kathrin Gilbert in der ZEIT, die für den experimentellen Charakter des Neustarts wirbt. Holger Gertz zeichnet in einem bemerkenswerten Artikel in der Süddeutschen nach, wie Stillstand und Krise die absurden Missstände im Profifußball offen legen und fürchtet, dass Geisterspiele genau das nehmen, was den Zirkus bislang trotz aller berechtigten Kritik ausgezeichnet haben: Bilder und Geschichten. Aber vielleicht ist es gar nicht so schlecht, wenn der Vorhang noch ein wenig länger geöffnet bleibt.

Die Denkpause im Sportbetrieb (heißt nicht so, weil man mit dem Denken aufhört, sondern weil man damit anfängt) hat zum Beispiel dazu geführt, dass ein Teil der Kundschaft darüber nachgedacht hat, was diese Begriffe eigentlich bedeuten, mit denen man immer befeuert wird. Milliarden-TV-Vertrag zum Beispiel. Live ist ja gerade nichts geboten, was einen davon abhält, mal nachzurechnen. Um es fußballerisch zu sagen, in der zupackenden Sprache des leider auch schon verstorbenen Managers Rudi Assauer: “Wenn der Schnee schmilzt, sieht man, wo die Kacke liegt.”

Holger Gertz, Brot und Geisterspiele, Süddeutsche Zeitung vom 10.5.2020

Übrigens können sich Sky Abonnenten Fan-Gesänge und Emotionen passend zum Spielgeschehen einspielen lassen. Na dann.

Was macht eigentlich Heiko Herrlich?

Aber zurück zu Augsburgs Rekordtrainer, der das mit dem Geschichten produzieren etwas missverstanden hat. Kurz zusammengefasst gingen dem Trainer in der Quarantäne in Bobingen die Hygieneprodukte aus und anstatt an der Rezeption nachzufragen suchte er selbst den örtlichen Supermarkt auf. Als wäre das noch nicht genug, berichtet er von diesem kleinen Abenteuer in aller langweiligen Ausführlichkeit in der virtuellen Spieltagspressekonferenz. Sensationell. Sicherlich kann man jetzt wieder anfügen, dass der Fußball vielleicht doch ganz bodenständig ist. Dass man die Zahnpasta beim Hotelaufenthalt vergisst, ist ein Naturgesetz. Der Heiko ist einfach einer von uns.

Heiko Herrlich ist halt einer von uns. Diese vielen neuen Regularien muss man halt erstmal im Kopf behalten. (ROBERT MICHAEL/AFP via Getty Images)

Aber es ist die Unbedachtheit, die einen fassungslos hinterlässt. Nicht nur, dass offenbar vollkommen bedenkenlos gegen das DFL Konzept verstoßen wird. Es wird auch noch mit viel Liebe zum Detail ausgeführt, als wäre es das Normalste überhaupt. Als hätte nicht die gesamte Liga mit finsteren Mienen und starrem Blick wochenlang gebetsmühlenartig zu Protokoll gegeben, dass sie um den Ernst der Lage wisse und auf welchem Prüfstand das gesamte Unternehmen Wiederanpiff steht. Heiko Herrlich gibt schon wie Salomon Kalou einen vielsagenden Einblick in Sein und Schein im Fußballzirkus.

Heiko Herrlich zieht übrigens die Konsequenzen aus seinem Fehlverhalten und wird die Mannschaft am Samstag nicht von der Bank aus betreuen. Wenn der Trainer in ähnlich eintöniger Emotionalität seine Kabinenansprachen hält, wie er in Pressekonferenzen von Ausflugsgeschichten erzählt, muss dies kein Nachteil sein.

Tipps

Irina: Tippe auf ein schnödes und zerfahrenes 1 zu 1. Ein typisches Geisterspiel ohne Highlights.

Andi:0-0. Eine Nullnummer für alle Beteiligten, diese Bundesligawiederaufnahme. Weg damit.

Sebastian: 4-3, am Ende macht Andi Luthe in der 97. Minute vom Punkt den Siegtreffer nachdem er zuvor zwei (unberechtigte) Elfmeter gehalten hat. Das Spiel ist ein auf und ab, von dem man sich noch jahrelang erzählen wird. Der Auftakt einer Siegesserie, an deren Ende der Einzug in den Europapokal steht.

Jetzt wird’s Herrlich

Turbulente Tage beim FCA. Nach nur einem Sieg und einem Unentschieden in den ersten acht Partien der Rückrunde ist den Verantwortlichen beim FC Augsburg der Geduldsfaden mit Martin Schmidt endgültig gerissen. Gut so, möchte ich ihnen schon lange zurufen. Noch zwei Wochen länger und ich hätte mich endgültig an den schlechten Fußball gewöhnt gehabt, den die Mannschaft in aller Regelmäßigkeit auf dem Rasen fabrizierte. Das kann sie besser. Und Heiko Herrlich wird es hoffentlich zeigen.

Den Verantwortlichen ist mit Sicherheit bewusst, dass Trainerentlassungen beim FC Augsburg nur in Ausnahmefällen genutzt werden. Ich selbst habe erst vor wenigen Wochen großmäulig festgestellt, dass wir durch den Endspurt zum Ende der Hinrunde das Trainerkarussell links liegen haben lassen. Dennoch haben die Verantwortlichen den Mut, um den FCA sportlich wieder in die richtige Richtung zu lenken. Aus verschiedenen Gründen freut mich das.

Mannschaft ohne Identität

Erst nach dem Debakel in Frankfurt habe ich mich hier ausgekotzt und festgestellt, dass unsere Mannschaft unter Martin Schmidt keine Identität hat. Heiko Herrlich soll laut Stefan Reuter jetzt eine Siegermentalität und Gier einflösen und somit der Mannschaft auch wieder eine Identität mitgeben.

Siegeswille und Gier wird zurückkehren, wenn die Mannschaft eng zusammenrückt. Die Ansagen werden klar und deutlich sein. (Photo by Lars Baron/Bongarts/Getty Images)

Sportlich wird es variabler, aber bei der Identität gibt es keine Verhandlungen. Die Mannschaft soll laut Heiko Herrlich “eng zusammenrücken”. Wir Augsburger kennen das. Auf dem Platz hat man es im letzten Jahr des öfteren mal vermisst. Augsburg soll auf dem Platz wieder zusammenhalten. Ohne wenn und aber.

Die Debakel

Heiko Herrlich will die Mannschaft wieder zur Kontinuität zurückführen. Ich war selbst auswärts in Gladbach und Frankfurt mit dabei. Fehlende Kontinuität ist eine absolute Beschönigung, für das was mehrfach passiert ist. Wiederkehrende Debakel ist wohl die treffendere Beschreibung. Unverständliche Spiele, die einen Trainer auf Grund der Leistung seiner Mannschaft vor Scham erblassen lassen. Alleine die Hoffnung, dass wir diese Debakel abstellen könnten, lässt mich jubilieren. Ich habe keinen Bock auf diese absolute Niedergeschlagenheit nach Spielen der eigenen Mannschaft und bin gerne bereit einem neuen Trainer die Chance zu geben, diese Niedergeschlagenheit dauerhaft zu vermeiden.

Sportliche Ausrechenbarkeit

Heiko Herrlich hat im Moment noch das Überraschungsmoment auf seiner Seite. Sportlich ist für die Gegner nicht klar, was sie nun erwartet. Es wird in jedem Fall nicht so ausrechenbar sein, wie die Rezepte, die Martin Schmidt zuletzt noch gefunden hatte. Hinten wurde zuletzt mehr oder weniger gut gemauert und dann nach vorne auf lange Bälle und Konter gehofft. Leider hat dies immer weniger zum Erfolg geführt. Es war vielmals schlicht zu offensichtlich.

Die Gegner werden es nicht kommen sehen. Noch ist das sportliche Überraschungsmoment auf unsrer Seite. (Photo by Robert Hradil/Bongarts/Getty Images)

Dieses Risiko war auch schon vor der Saison bekannt. Martin Schmidt hat noch nicht gezeigt, dass er in der Bundesliga langfristig Mannschaften so einstellen kann, dass die Konkurrenz nicht Lösungen findet, um seinen Mannschaften den Erfolg auf dem Platz zu verwehren. Heiko Herrlich wird hier variableren Fußball spielen lassen, der zumindest langfristig zu mehr Torchancen führt. Auch das kann uns perspektivisch freuen.

Intuition

Heiko Herrlich hat sich in seiner Antrittspressekonferenz darauf berufen, dass ihm seine Intuition sagt, dass innerhalb der Mannschaft der Ernst der Lage nicht bewusst ist. Intuition beruht darauf, dass man abgespeichertes Expertenwissen ohne großes Nachdenken abrufen kann. Intuition führt nicht immer zum richtigen Ergebnis, kann allerdings in vielen Situationen ein wichtiger Ratgeber sein. Meine Intuition sagt mir, dass die Verantwortlichen nicht mehr genau wussten, wie die Mannschaft unter Martin Schmidt reagierte, wenn die Lage noch ernster wird. In einigen Spielen ist sie dann schon zusammengebrochen und hat sich aufgegeben. Im Saisonendspurt wäre dies fatal gewesen. Um dies zu verhindern, war dies wohl der richtige Trainerwechsel zur richtigen Zeit.

Heiko Herrlich steht auf dem Platz mindestens genau so sehr unter Strom wie ich auf der Tribüne. (Photo by Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images)

Am Sonntag, wahrscheinlich vor leeren Rängen, wird den Vfl Wolfsburg mehr überraschen als nur die Kulisse. In mir als FCA Fan bricht schon fast Euphorie los. Was ist gegen Wolfsburg drin? Mehr als 30% Ballbesitz? Eine positive Zweikampfbilanz? Ich werde von Heiko Herrlich keine Wunderdinge erwarten. Aber zumindest Hoffnung auf Besserung hat er uns schon jetzt beschert. Hoffnung darauf, endlich wieder mehr Gegner zu ärgern und vor größere Herausforderungen zu stellen. Sportlich hat der FC Augsburg in diesen Tagen einen Schritt zurück zu seinen Wurzeln gemacht. Die Mannschaft wird es auf dem Platz bald zeigen.