Zeit für Optimismus

Dieser Beitrag ist einer von zwei Teilen einer getrennten Betrachtung der sportlichen Aussichten des FC Augsburg zu diesem Zeitpunkt der Saison. Nach zwölf Punkten in den ersten neun Spielen konnte der FCA in der Vergangenheit sowohl einmal europäisch spielen, war aber auch schon bis auf Platz 15 abgerutscht. Was wird es diesmal? Heute geht der Blick Richtung obere Tabellenhälfte.

Zugegeben, die letzten Auftritte des FC Augsburg bescherten vielen Fans Sorgenfalten. Nach dem furiosen Sieben-Punkte-Start kam nicht mehr sonderlich viel von den Schwaben. Es ist daher nachvollziehbar, dass sich der Klub mit Kritik konfrontiert sieht. Es gibt allerdings nach wie vor gute Argumente dafür, dass der FCA in dieser Saison eine ordentliche Rolle spielen kann.

1. Die Laufleistung

Der FC Augsburg gehört zum Bundesligatrio, das die meisten Kilometer abspult. Ein Saisonwert von 1205 gelaufenen Kilometern bedeutet mit Bayer Leverkusen Rang zwei, Bielefeld bringt gut einen Kilometer mehr auf die Kette. Man kann hier argumentieren, dass sich diese hohen Werte auch dadurch ergeben, dass der FCA dem Gegner häufig hinterherläuft. In puncto Ballbesitz rangieren die Fuggerstädter auf einem Abstiegsplatz. Doch das würde der Herrlich-Elf nicht gerecht werden. Denn auch bei den Sprints (ligaweit 6.) sowie den intensiven Läufen (4.) steht der FCA auf einem Europapokalplatz.

Trotz seiner 32 Jahre ist Daniel Caligiuri der Spieler im Kader des FCA, der die beste Laufleistung vorzuweisen hat. Ligaweit rangiert der Neuzugang in dieser Kategorie auf Rang zehn. (Foto via imago)

2. Die Mentalität

Sechs der zwölf Saisontore erzielte Augsburg ab der 80. Minute – und sicherte sich so stets wichtige Punkte. Die je zwei Tore gegen Union Berlin und Mainz bedeuteten einen Sieg, die späten Ausgleichstreffer in Gladbach und gegen Freiburg zumindest ein Remis. Nach Rückstand steckt 1907 in dieser Saison nicht auf und bemüht sich, etwas Zählbares mitzunehmen. Auch wenn dies in Leverkusen oder Hoffenheim nicht geklappt hat, scheint der Glaube im Team vorhanden zu sein. Dass die Mannschaft nach Rückschlägen nicht einbricht, ist zudem ein positiver Schritt in die richtige Richtung. Bisher blieb Rot-Grün-Weiß von krachenden Pleiten verschont. Vergangene Saison setzte es gleich viermal fünf Gegentore (2x Dortmund, Gladbach, Frankfurt).

Eines von vielen späten Toren des FC Augsburg in dieser Saison. André Hahn trifft zum wichtigen 2:1 gegen Mainz 05. (Foto via imago)

3. Die Defensive

Mit 15 Gegentoren aus zwölf Spielen hat der FCA weniger Treffer kassiert als der FC Bayern. Überhaupt gibt es nur fünf Klubs, die defensiv besser stehen als Augsburg. Zum selben Zeitpunkt in der vergangenen Saison mussten die Schwaben schon 24 Gegentreffer hinnehmen – bei gleich vielen erzielten Toren. Dass Heiko Herrlich großen Wert auf die Defensive legt, zahlt sich bisher aus. Ligaweit fangen nur Mainz und Bielefeld mehr Bälle pro Spiel ab als der FC Augsburg. Das Stellungsspiel der Sechserreihe mit den beiden Mittelfeldspielern scheint also zu funktionieren. Außerdem hat kein Spieler mehr erfolgreiche Klärungsaktionen vorzuweisen als Felix Uduokhai. Es empfiehlt sich hier, das Abwehrverhalten des FCA vom Hoffenheim-Spiel loszueisen. Die besorgniserregende Defensivarbeit gegen die TSG war insbesondere auf die Umstellungen in der Viererkette zurückzuführen. Im Nachhinein betrachtet war es ein Fehler, Marek Suchy neben Jeffrey Gouweleeuw zu stellen, da so das bewährte Duo gesprengt wurde.

4. Die Neuzugänge

Respekt, Herr Reuter! Auch wenn weniger als ein Drittel der Saison gespielt ist, lässt sich konstatieren, dass der Manager im Sommer ein glückliches Händchen hatte. Rafal Gikiewicz scheint das Torwart-Dilemma gelöst zu haben. Seit dem Abgang von Marwin Hitz wurde die Konstanz auf dieser so wichtigen Position schmerzlich vermisst. Der 32-Jährige ist ein sicherer Rückhalt, wehrt ligaweit die meisten Schüsse ab. Auch seine Paradenquote kann sich mit 71,7 Prozent mehr als sehen lassen. Nur Frederik Rönnow (72,4) und Koen Casteels (72,3) übertrumpfen den Polen in dieser Statistik.

Sicherer Rückhalt im Augsburger Kasten: Rafal Gikiewicz spielt bisher eine tolle Saison. (Foto via imago)

Königstransfer ist mit Daniel Caligiuri dennoch ein anderer. Der frühere Schalker hat schon jetzt vier Tore erzielt, lässt mit seinen gefährlichen Standards Philipp Max oder Jonathan Schmid vergessen und gewinnt ligaweit die drittmeisten Zweikämpfe. Der Deutsch-Italiener ist ein echtes Mentalitätsmonster, das dem FCA sportlich wie menschlich enorm weiterhilft.

Auch Strobl und Gumny werden performen

Während Gikiewicz und Caligiuri schon jetzt unangefochtene Stammspieler sind, muss sich Tobias Strobl erst noch beweisen. Seit dem 5. Spieltag stand der defensive Mittelfeldspieler zwar in der Startelf, doch sein Platz im Kader scheint nicht in Stein gemeißelt. Nichtsdestotrotz überzeugt der Neuzugang aus Gladbach bisher. Strobl mag in der Außenwahrnehmung etwas unter dem Radar fliegen, sein Spiel ist ruhig, bedacht und wenig spektakulär. Der gebürtige Münchner überzeugt jedoch mit einem Fußballverständnis, an das in Augsburg bisher nicht viele Spieler auf seiner Position heran kamen. Bleibt Strobl länger verletzungsfrei, wird sich auch dieser Transfer auszahlen.

Überzeugt in dieser Saison weniger mit Offensivdrang oder Geschwindigkeit, dafür aber mit viel Übersicht und einer enormen Fußballintelligenz. Neuzugang Tobias Strobl muss sich zwar noch finden, kann sich aber ebenso als Königstransfer herausstellen. (Foto via imago)

Neben diesem Trio, das ablösefrei an den Lech gewechselt war, zog der FCA im Sommer die Kaufoption für Felix Uduokhai. Die kolportierten sieben Millionen Euro wirkten in Corona-Zeiten stattlich, doch auch diese Entscheidung war die richtige. Uduokhai überzeugt in der aktuellen Spielzeit und könnte zusammen mit Jeffrey Gouweleeuw eine Ära in der Innenverteidigung der Schwaben prägen.

Robert Gumny hat bisher leider gezeigt, dass er noch Zeit braucht. Den 22-Jährigen schon jetzt abzuschreiben, wäre jedoch verfrüht. Wenn der polnische Nationalspieler an Selbstvertrauen gewinnt und sein Zweikampfverhalten intelligenter gestaltet, kann allerdings auch er eine gute Rolle im Kader spielen. Auch vor Framberger. Die Anlagen dazu hat er. Obendrein kann nach seiner langen Verletzung auch Carlos Gruezo als Neuzugang tituliert werden. Der dynamische Ecuadorianer zeigt in dieser Saison, warum ihn Reuter geholt hat.

Spielen bisher eine ordentliche Saison: Felix Uduokhai in der Innenverteidigung und Carlos Gruezo auf der Sechs. (Foto via imago)

5. Heiko Herrlich

Herrlich übernahm den Cheftrainerposten am Lech zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Nur wenige Tage nach seiner Vorstellung als Nachfolger von Martin Schmidt wurde der Spielbetrieb coronabedingt eingestellt. Im Kleingruppentraining war es dann schwierig, an Spiel und Taktik zu feilen, also konzentrierte sich der 49-Jährige auf die Basics – und sicherte auf diese Weise den Klassenerhalt. Wenn auch mit einem schlechteren Punkteschnitt als sein Vorgänger.

Zugegeben, wirkliche Verbesserungen nach dem Corona-Neustart waren nicht zu erkennen. Mittlerweile sieht dies jedoch anders aus. Herrlich schaffte es, in der Vorbereitung die wirklich unterirdischen Ballbesitz- und Passwerte zumindest etwas zu verbessern: Statt 36 Prozent Ballbesitz kommt der FCA jetzt auf 41, statt 295 Pässe pro Partie spielt Augsburg nun 382 und nach zuvor gruseligen 2,1 Sequenzen mit mindestens 10 Pässen pro Spiel sind es momentan akzeptable 7,4.

6. Der Niederlechner-Effekt

Florian Niederlechner hat exakt null Bundesligatore in dieser Saison. Vom Niederlechner-Effekt zu sprechen, mag daher seltsam klingen. Doch genau zu diesem wird es kommen. Der Angreifer wird seine Torflaute demnächst beenden. Und wenn der Torknoten erstmal geplatzt ist – Niederlechner selbst sprach vom Ketchup-Effekt -, dann werden noch viele Treffer hinzukommen. Dass der 30-Jährige schon jetzt als “One-Season-Wonder” abgestempelt wird, ist vollkommen überzogen. Niederlechner arbeitet enorm viel fürs Team und übernimmt momentan gewissermaßen die Rolle eines Olivier Giroud, der die WM 2018 ohne Torschuss, aber mit dem Titel beendet hat. Ein physisch starker Angreifer, der sich in den Dienst der Mannschaft stellt und die Defensive unterstützt. Das mag nicht in den klassischen Kompetenzbereich eines Stürmers fallen, ist im Augsburger Spiel mit zuweilen fehlendem Zehner jedoch unabdingbar. Gerade gegen stärkere Gegner. In den kommenden Spielen werden sich Niederlechner wieder mehr Chancen bieten – und dann wird der gebürtige Oberbayer gewiss auch wieder treffen.

Gegen Hoffenheim wie so oft in dieser Saison glücklos. Florian Niederlechner wartet noch auf seinen ersten Ligatreffer. Wann beendet der Stürmer seine Torkrise?

7 . Die nächsten Spiele

Nach dem grandiosen Start bekam der FCA einige Dämpfer verpasst. Nun gilt es, sich aus dem negativen Abwärtstrend – der zweifelsohne erkennbar ist – zu befreien. In der Hinrunde spielt Augsburg quasi nur noch gegen Teams auf Augenhöhe: Schalke, Bielefeld, Frankfurt, Köln, Stuttgart, Bremen und Bayern. Mit Ausnahme der letzten Partie kann der FCA gegen jede Mannschaft gewinnen. Und was mit dieser Mannschaft möglich ist, wenn sie in einen Flow kommt, hat die vergangene Hinrunde gezeigt.

Im Jahresendspurt 2019 holte das damals noch von Martin Schmidt trainierte Team beeindruckende 16 von 18 Punkten. Die Gegner damals hießen Paderborn, Hertha, Köln, Mainz, Hoffenheim und Düsseldorf. Das soll nicht heißen, dass der FCA wieder 16 Punkte holt. Es sollten allerdings genug werden, um die Hinrunde in entspannten Tabellengefilden zu beenden.

Eins steht auch fest. Die Abwärtsspirale beendet man am leichtesten mit Ergebnissen. Es braucht Taten statt Worte. (Foto via imago)

Keine Sau 2.0?

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der FCA in dieser Saison durchaus eine gute Rolle spielen kann. Die Mannschaft ist – gerade mit den Neuzugängen – eigentlich zu stark für den Abstiegskampf. Damit Europa eine ernsthafte Option wird, muss sich die Herrlich-Elf in vielen Bereichen jedoch noch gewaltig steigern. Bis jetzt ist das nämlich nichts anderes als Wunschdenken. Ballbesitz, Zweikampfquote, herausgespielte Chancen. In all diesen Kategorien belegt der FCA einen Abstiegsplatz. Das ist, so klar muss man es formulieren, nicht erstligatauglich. Es gibt aber eben auch positive Dinge, die für eine entspannte Saison der Schwaben sprechen. Insofern sollten manche FCA-Fans etwas positiver durch die aktuelle Situation gehen. Denn es ist bei weitem nicht alles schlecht.

P.S.: Man kann sich auch über den DFB-Pokal für Europa qualifizieren 😉

Autor: Andi

Gebürtiger Rosenheimer, der sich früh vom FC Bayern abwandte und sein Herz an den FC Augsburg verlor - und dies zu keiner Sekunde bereut.

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