Ein Wort: Richtungsweisend

Der FC Augsburg hat bislang sieben Punkte auf dem Konto. Das ist mehr als so mancher Fan beim erstmaligen Blick auf das Auftaktprogramm erwartet hätte. Mich eingeschlossen. An der Alten Försterei ist es immer schwierig zu bestehen und vier Europapokal-Teilnehmer besiegt man als kleiner FCA auch nicht mal eben im Vorbeigehen. Nach zwei Niederlagen gegen Leipzig und Leverkusen wartet auf die Mannschaft von Trainer Heiko Herrlich mit dem FSV Mainz 05 nun ein Gegner auf Augenhöhe. Auf dem Papier sind die Schwaben Favorit. Was kein Vorteil sein muss.

Augsburg fühlt sich in der Rolle des Außenseiters deutlich wohler als in der des Spielgestalters. In der Vergangenheit hatte der FCA einige Probleme, wenn er mal das Spiel machen musste. Vor allem unter Martin Schmidt mangelte es in der Offensive an kreativen Ideen. Unter Herrlich sind in den Ballbesitzphasen schon einige Verbesserungen zu erkennen. Davon, den Gegner das eigene Spiel aufzudrücken, ist Rot-Grün-Weiß aber noch weit entfernt. Das gilt insbesondere gegen schwächere Teams. Der Auftakt in Berlin wurde dank enormer Effizienz und Rafal Gikiewicz gewonnen und nicht wegen der eigenen Dominanz. Was nicht bedeutet, dass der FCA gegen Union schlecht gespielt hat. Im Gegenteil. Es waren eben andere Attribute, die das Spiel entschieden haben.

Sei´s drum wird sich so manche(r) im Augsburger Lager (zurecht) denken. Am Ende geht es um Ergebnisse. Und das ist auch am Samstag (15.30) gegen Mainz das wichtigste. Gewinnt der FC Augsburg, kann man sich in der oberen Tabellenhälfte festsetzen. Setzt es die dritte Niederlage in Folge, geht der Blick erst einmal wieder nach unten. Auch wenn die Saison noch jung ist, das Duell gegen den FSV kann getrost als richtungsweisend angesehen werden.

Das letzte Spiel gegen Mainz war umkämpft. Wird es am Samstag ähnlich intensiv? (Foto: Kai Pfaffenbach/Pool via Getty Images)

Über den Gegner

Es kriselt gewaltig in Mainz. Nachdem die Nullfünfer bereits in der vergangenen Saison gegen den Abstieg spielten, deutet derzeit vieles daraufhin hin, dass dies auch in dieser Spielzeit der Fall sein wird. Ja, es sind erst fünf Partien gespielt und der FSV hatte mit Leipzig, Leverkusen und Gladbach gewiss auch kein leichtes Auftaktprogramm. Doch die sportliche Misere von 0 Punkten und einem Torverhältnis von 4:15 ist ohnehin nur die Spitze des Eisbergs.

In der Vergangenheit bewies Mainz eindrucksvoll, was es heißt, aus wenig Etat viel Ertrag zu machen. Seit dem erneuten Aufstieg im Jahr 2009 haben sich die Rheinhessen kontinuierlich in der Bundesliga gehalten und zwischenzeitlich sogar für die Europa League qualifiziert. Davon scheint der FSV derzeit so weit entfernt, wie Tomas Koubek von der Startelf. In einer Kicker-Umfrage zur Lage in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt waren 79 Prozent der rund 23.000 Teilnehmer der Meinung, Mainz steige diese Saison ab.

Auch wenn die Formkurve leicht nach oben zeigt, der FSV Mainz 05 steckt gewaltig im Schlammassel. Nach dem Duell in Augsburg kommt es zum Krisengipfel gegen Schalke.(Photo by Alex Grimm/Getty Images)

Nach einer überraschend defensiven Transferperiode krachte es beim Karnevalsverein im September so richtig. Aus Solidariät mit dem degradierten Stürmer Adam Szalai boykottierten die Profis das Training. Der angezählte Coach Achim Beierlorzer schien damit endgültig den Draht zur Mannschaft verloren zu haben. Nach einer 1:4-Niederlage am 2. Spieltag gegen Stuttgart musste der Trainer gehen. Interimsweise sprang Co-Trainer Jan-Moritz Lichte ein. Wie lange der 40-Jährige die Verantwortung noch inne hat, wird die sportliche Entwicklung zeigen. Gegen Leverkusen und Gladbach war phasenweise ein Spielkonzept zu erkennen und die Niederlagen waren beide zumindest vermeidbar. Doch am Ende geht es, wie so oft im Profigeschäft, um Ergebnisse.

Die Fakten zu #FCAM05

Harmlos: Kein Bundesligaklub gab in den ersten Spielen weniger Schüsse ab als der FC Augsburg (wie Schalke 37). Gegner Mainz macht in dieser Statistik ebenfalls keine gute Figur und rangiert einen Platz davor (44).

Starker Rückhalt: Mainz-Keeper Robin Zentner hat die meisten Torschüsse der Liga gehalten (23). Knapp dahinter folgt Rafal Gikiewicz (22).

Tor-Dürre beendet?: Florian Niederlechner hat in dieser Saison noch nicht getroffen. Vorweg, das ist absolut kein Drama. In der vergangenen Rückrunde war der Stürmer ebenso lange ohne Torerfolg geblieben, knipste dann aber ausgerechnet gegen Mainz.

Unfair: Jagt da jemand den Gelb-Rekord von Jürgen Gjasula? Nach fünf Spielen hat FSV-Kapitän Danny Latza bereits vier gelbe Karten gesammelt. Kein Spieler in der Liga hat mehr.

Zweikampfstark: Daniel Caligiuri hat mit 82 Zweikämpfen diese Saison die zweit-meisten Duelle für sich entschieden. Nur Herthas Matheus Cunha (85) hat mehr gewonnen.

Caligiuri ist schon jetzt Führungsspieler in Augsburg. Der Ex-Schalker stand in allen bisherigen Pflichtspielen in der Startelf. (Foto via imago)

Die letzten Begegnungen

14.06.2020: FSV Mainz 05 – FC Augsburg 0:1

07.12.2019: FC Augsburg – FSV Mainz 05 2:1

03.02.2019: FC Augsburg – FSV Mainz 05 3:0

30.10.2018: FC Augsburg – FSV Mainz 05 3:2 n. V. (Pokal)

15.09.2018: FSV Mainz 05 – FC Augsburg 2:1

Am 31. Spieltag der vergangenen Saison durfte der FC Augsburg jubeln. Nach dem 1:0-Sieg in Mainz war der Klassenerhalt zum Greifen nah. (Foto: Pool/Kai Pfaffenbach/Pool via Getty Images)

Presseschau

Michael Gregoritsch war in der vergangenen Hinrunde an den FC Schalke 04 ausgeliehen. Beim letzten Sieg der Knappen feierte der Östereicher sein Debüt und traf direkt. Das war im Januar. Mittlerweile ist Gregoritsch wieder zurück in Augsburg – und darüber offenbar sehr froh, wie am Mittwoch in der SportBild zu lesen war.

“Nach dem letzten Jahr war es gut, in ein Umfeld zu kommen, das ruhig ist, mir Sicherheit bietet,” meinte der 26-Jährige und erklärte, von der Entlassung Martin Schmidts gewissermaßen profitiert zu haben: “Man muss so ehrlich sein: Der Trainerwechsel zu Heiko Herrlich, von dem ich viel Vertrauen bekomme, war für meine Ausgangssituation sicher gut, weil ein neuer Coach unbefangen ist.” Herrlich baut voll und ganz auf den Offensivmann. Gregoritsch stand bisher in allen Pflichtspielen in der Anfangsformation.

Zahlte das Vertrauen mit dem wichtigen 2:1 in Berlin zurück: Michael Gregoritsch ist zurück beim FCA. (Foto: Maja Hitij/Getty Images)

Was macht eigentlich Nikola Djurdjic?

Von 2014 bis 2016 stand Nikola Djurdjic beim FC Augsburg unter Vertrag. Nach einem starken Jahr in Fürth (33 Spiele, zehn Tore, zwei Vorlagen) wechselte der Serbe in die Fuggerstadt. Beim FCA war der Stürmer nie wirklich Stammspieler, weswegen ihn die Verantwortlichen zwei Mal verliehen. Zu Fortuna Düsseldorf und nach Malmö. Wieder in Augsburg angekommen hatte es Djurdjic schwer, sich gegen Alfred Finnbogason & Co. zu behaupten. Also wechselte er in seine Heimatstadt zu Partizan Belgrad.

Ein Fehler? “Als das Angebot von Partizan Belgrad kam, konnte ich nicht widerstehen, denn es war immer mein Wunsch, einmal im schwarz-weißen Trikot aufzulaufen. Stefan Reuter wollte mich damals nicht ziehen lassen und im Nachhinein habe ich leider die falsche Entscheidung getroffen”, erklärte Djurdjic vor einem Jahr im FCA-Stadionkurier. Nach einem unglücklichen Jahr war für den Stürmer auch schon wieder Schluss. Über Dänemark landete Djurdjic dann in Stockholm beim Traditionsklub Hammarby IF, wo er endlich aufblühte. 47 Torbeteiligungen (27 Treffer, 20 Assists) in 54 Spielen belegen dies eindrucksvoll. Die starke Saison wäre beinahe sogar mit der Meisterschaft gekrönt worden, doch am letzten Spieltag sicherte sich Stadtrivale Djurgadens den Titel.

Nach zwei erfolgreichen Jahren in Schweden wechselte Djurdic Anfang des Jahres nach Asien. Mit 34 Jahren lässt der einfache serbische Nationalspieler seine Karriere bei Chengdu Better City ausklingen – in der zweiten Liga Chinas.

In 17 Spielen für Rot-Grün-Weiß gelangen Nikola Djurdjic ein Tor und zwei Vorlagen. Langfristig in Augsburg Fuß fassen konnte der Serbe nicht. (Foto via Imago)

Die voraussichtliche Aufstellung

Ruben Vargas war vergangene Saison unumstrittener Stammspieler, stand in 29 seiner 33 Bundesligaeinsätze in der Startelf. Zuletzt hatte der flinke Schweizer auf dem Flügel aber das Nachsehen. Der gesetzte Daniel Caligiuri und ein wiedererstarkter André Hahn bekamen von Herrlich das Vertrauen ausgesprochen. Zweiterer agierte dabei gewohnt fleißig, ließ mitunter aber die nötige Durchschlagskraft vermissen. Deshalb sehen wir Vargas gegen Mainz in der Startelf.

Darüber hinaus könnte auch Michael Gregoritsch eine Pause bekommen. Fredrik Jensen drängt in die Startelf. Marco Richter scheint indes im Kader zu fehlen. Der 22-Jährige spielte am Freitag überraschend für die U23. Das defensive Mittelfeld muss sich derweil steigern, um die Startelfansprüche weiter rechtfertigen zu können. Mit Tobias Strobl steht auch hier ein mit den Hufen scharrendender Ersatzmann bereit.

Ein Fragezeichen steht derweil noch hinter dem Einsatz von Florian Niederlechner. Wie Herrlich auf der Pressekonferenz vor dem Spiel erklärte, habe der Stürmer “Probleme im Bauchbereich” und sei deshalb vorsorglich zum Arzt geschickt worden. Falls Niederlechner ausfällt, stünde Fredrik Jensen bereit. Auch Alfred Finnbogason sei nach seiner Oberschenkelverletzung wieder eine Option für den Kader

Gikiewicz – Framberger, Gouweleeuw, Uduokhai, Iago – Gruezo, Khedira – Caligiuri, Gregoritsch, Vargas – Jensen

Startelf-Comeback? Nach seiner Vorlage in Leverkusen drängt sich Ruben Vargas auf (Foto via Imago).

Tipps

Andy: 4:2 – nach unglücklichem, frühen 0:2-Rückstand zeigt der FCA seine spielerische Klasse und gewinnt verdient. Das Ergebnis ist am Ende für die Mainzer noch schmeichelhaft.

Irina: 3:1 – der FCA zeigt bei einem Gegner auf Augenhöhe, was er drauf hat und gewinnt souverän.

Andi: 2:1 – der FCA tut sich als Favorit lange schwer und Mainz ist der erwartet unangenehme Gegner. Caligiuri schießt den FCA zum Sieg und entwickelt sich immer mehr zum Spieler im Kader, auf den man am wenigsten verzichten möchte.

Von Mainz lernen, heißt sich etablieren lernen

Auf diesem Weg einen herzlichen Glückwunsch auch von unserer Seite zum 10. Geburtstag der Legio Augusta. Erst die Ereignisse beim Auswärtsspiel in Mainz vor 10 Jahren in der zweiten Liga führten schließlich zur Gründung. Damals fanden die Spiele in Mainz noch am Bruchweg statt und ich habe selten so ein geselliges Beisammensein rund um ein Stadion erlebt. Diese Atmosphäre ist leider mit dem Stadionneubau auf der grünen Wiese verloren gegangen und ich fahre nicht mehr ganz so gerne nach Mainz. Insgesamt hat der FSV Mainz 05 einen eindrucksvollen Weg hinter sich und zählt mittlerweile zu den etablierten Erstligisten. Der FC Augsburg ist auch dabei diesen Sprung zu schaffen. Ich habe in der Vergangenheit immer mal wieder nach Mainz geschielt, um zu verstehen, wie diese Weiterentwicklung vorangetrieben wurde. Nun ist es in Mainz nicht mehr ganz so ruhig, wie noch vor ein paar Jahren. Vor unserem Auswärtsspiel habe ich die Gelegenheit genutzt, mit Mara Pfeiffer eine ausgewiesene Expertin im Hinblick auf den FSV Mainz 05 zu befragen. Mara hat eine Kolumne bei der Allgemeinen Zeitung und beschäftigt sich auch sonst viel mit ihrem Verein. Ich hoffe, ihr Hang zur Fußballromantik wirkt ansteckend auf euch. 

Rosenau Gazette (RG): Mainz war von der Entwicklung als Verein immer ein Vorbild für mich als Augsburger. Ihr habt es mit bescheidenen Mitteln und auf sehr sympathische Art und Weise geschafft, euch langfristig in der Bundesliga zu etablieren. Dabei war es bis zuletzt immer sehr ruhig in eurem Umfeld. Dies hat sich im letzten Jahr geändert. Was war passiert?

Mara Pfeiffer (MP): Flapsig könnte man sagen: eine Normalisierung der Verhältnisse. Um genauer zu erklären, was passiert ist, muss man relativ weit ausholen. Für meine Begriffe gab es im Verein den ersten Bruch, als Thomas Tuchel nach der Saison 2013/14 seinen Vertrag vorzeitig beendet hat. Mein Gefühl war damals, Christian Heidel hat daran geglaubt, mit Tuchel als Mainz 05 in der folgenden Saison in der Europa League noch einen nächsten Schritt machen zu können. Plötzlich war Tuchel weg, mit seinem Nachfolger Kasper Hjulmand lief es nicht wie erhofft und ich denke, in dieser Zeit reifte bei Heidel der Entschluss, auch noch mal etwas Anderes zu machen. Das hat er ja dann mit seinem Weggang zu Schalke 2016 auch umgesetzt.

Sportlich muss man sagen wurde das gut aufgefangen, unter anderem dank Heidel selbst, der seinen Nachfolger Rouven Schröder noch nach Mainz geholt und eingearbeitet hat. Im Verein lagen aber, wie sich dann zeigte, einige Dinge schief, und die kamen nach und nach ans Licht. Dazu gehörte unter anderem, dass der ehrenamtliche Präsident Harald Strutz ein monatliches Salär erhielt, das mit dem Begriff Ehrenamt gar nicht harmonierte. Vereinfacht kann man sagen, Heidel hatte das Glück, zu dem Zeitpunkt schon weg zu sein – und der Zorn entlud sich ausschließlich über Strutz. Der hat zudem aus meiner Sicht den Fehler gemacht, nicht in die Offensive zu gehen und alles sofort aufzuklären. Ich glaube bis heute, dann wäre er nach wie vor Präsident, denn die Fans hätten ihm und dem alten Vorstand, die den Verein ja mit zu dem gemacht haben, was er ist, viel verziehen, wenn Fehler eingestanden worden wären. Man kann aber niemandem verzeihen, der seine Schuld nicht wirklich einsehen mag.

Apropos: Auch Heidel kann man definitiv einen Vorwurf machen. Er hatte das Versprechen gegeben, Mainz nicht zu verlassen, bevor nicht alles für die Zeit nach ihm geregelt sei. Aber er muss natürlich gewusst haben, was im Argen lag, und dass diese Dinge dem Verein nach seinem eigenen Wechsel um die Ohren fliegen würden.

Um mal zum Ende zu kommen, der Verein hat sich im Jahr nach Heidel noch mit Strutz eine neue Struktur verpasst. Es gibt nun einen Aufsichtsrat und einen hauptamtlichen Vorstand, der Blick geht endlich wieder in die Zukunft – wenn auch mit einem Umweg. Denn zwischen dem erst im Juni gewählten, ehrenamtlichen Vereinsvorsitzenden Johannes Kaluza und dem restlichen Verein, mittlerweile auch den Fans, knirscht es gewaltig. Momentan läuft alles auf eine Neuwahl Anfang 2018 raus. Es ist also noch nicht alles im Lot, aber hoffentlich auf dem Weg dorthin. Die aktuelle Saison wird definitiv auch abseits des Platzes noch mal spannend.

RG: Du hast selbst in einer Deiner Kolumnen gefragt: „Wie sehr müssen eigentlich wir Fans uns an die Nase fassen dafür, nicht genauer hingeschaut, nicht mehr Fragen gestellt zu haben?“ Wie notwendig ist es aus Deiner Sicht, dass sich Fans aktiv im Verein einbringen, auch in Zeiten in denen es gut läuft?

MP: Man hört immer öfter, dass nur verklärte Fußballromantiker noch den Standpunkt vertreten, Fans seien wichtig für den Verein. Dann bin ich bekennende Fußballromantikerin. Ich glaube, dass es elementar wichtig ist, als Fan aktiv im Verein mitzuwirken. Natürlich hat das Grenzen, und ich möchte keine sportlichen oder wirtschaftlichen Entscheidungen treffen. Aber als Fan sollte man denen, die wirken, schon auf die Finger schauen und die Mitgliederversammlung nicht nur nutzen, um einmal im Jahr den VIP-Bereich von innen zu sehen. Und wenn es um die Struktur des Vereins geht, um sein Selbstbild, um soziales Engagement, sollten Fans sich aus meiner Sicht ohnehin ganz aktiv einbringen.

RG: Wie wichtig siehst Du Transparenz von Seiten eines Fußballvereins, um Mitglieder an Prozessen zu beteiligen?

MP: Man macht sich etwas vor, wenn man glaubt, es würde funktionieren, alles immer komplett offenzulegen. Aber ich darf als Fan schon erwarten, dass mir Dinge erklärt werden. Auch das Stichwort Compliance finde ich in dem Zusammenhang wichtig, aktuell wird dazu bei Mainz 05 ein Leitfaden entwickelt. Es kann beispielsweise nicht sein, dass plötzlich niemand mehr weiß, wie viele VIP-Tickets eigentlich für umme im Umlauf sind. Die Zeiten, in denen man in einem Verein gewisse Entscheidungen aus der Lamäng trifft, sind vorbei. Es muss Regeln für Entscheidungsprozesse geben. Bei einer Strukturveränderung wie der, die Mainz 05 gerade hinter sich gebracht hat, passieren natürlich auch Dinge, die sich schnell als schwierig oder fehlerhaft herausstellen können. In Mainz wird der ehrenamtliche Vereinsvorsitz von vielen Seiten als nicht mehr zeitgemäß erachtet, eine Kritik, die ich so nicht teile. Wieso nicht den Präsidenten als Ehrenamt belassen, ohne ihn aber gleichzeitig zum Vorstandsvorsitzenden zu machen, weil sich mit dem Begriff einfach andere – falsche – Erwartungen verbinden? Fehler sind in einem solchen Prozess wohl unvermeidbar, entscheidend ist der Umgang damit. In Mainz wäre im Sommer eine intransparente Veränderung im Verein nach der aufgeheizten Vorsaison das Aus für die emotionale Bindung vieler Fans gewesen. Der Verein hat gut daran getan, die Mitglieder intensiv einzubeziehen, auch wenn dieses Procedere mancherorts als altmodisch belächelt wurde. Aber noch sind wir hier ein Verein, zum Glück! Und da haben die Mitglieder eben Rechte (und Pflichten). Die sollten jetzt auch nicht beschnitten werden, nur weil eine Einzelperson sich mit einer selbstgewählten Aufgabe verhoben hat.

RG: Im November hatten die Mitglieder des FSV Mainz 05 für die Gründung einer Fanabteilung gestimmt, die sich unter anderem um die Bereiche Auswärts, Soziales Engagement, Infrastruktur, Fan-Service, Öffentlichkeitsarbeit und Identifikation kümmern soll. Warum ist eine institutionelle Verankerung dieser Arbeit in einer Fanabteilung aus Deiner Sicht wichtig?

MP: Die Gründung der neuen Fanabteilung wurde bereits in der Satzungsänderung verankert und inzwischen hat deren Arbeit Fahrt aufgenommen. Es gibt AGs zu verschiedenen Themen und der Verein bekennt sich mit zwei hauptamtlichen Mitarbeitern zur Bedeutung der Abteilung. Das empfinde ich als sehr positiv. Ganz entscheidend finde ich zudem die Möglichkeit, dass hier gemeinsam das Selbstbild des Vereins definiert werden kann, also fernab von Marketing und ähnlichem Getöse, aus der Fanszene heraus. Ich wünsche mir, dass noch viel mehr Fans es als Chance begreifen, ihren Verein aktiv mitzugestalten und sich künftig einbringen. Was die Frage nach der institutionellen Verankerung angeht, so sehe ich darin eine Anerkennung des Vereins für die Arbeit, die da geleistet wird. Man weiß also von Vornherein, der Verein steht hinter der Mitarbeit der Fans, das ist ein wichtiges Zeichen.

RG: Zuletzt gab es nun in Mainz eine Crowdfunding Aktion für ein Fanhaus. Glaubst Du an Crowdfunding im Zusammenhang mit Fußballvereinen, die grundsätzlich ihren eigenen wirtschaftlichen Interessen folgen, um über dieses Instrument die Fans mehr mitzunehmen und zu beteiligen?

MP: Man muss da unterscheiden, denke ich. Als Bundesligist selbst ein Crowdfunding anzuleiern, das wäre eher schwierig. Hier in Mainz lief das ja etwas anders. Das vom Verein unabhängige Fanprojekt arbeitet an einem Fanhaus. Das Gebäude war da, die Mietbedingungen und Teile der Finanzierung geklärt. Allerdings sorgt unter anderem der Denkmalschutz dafür, dass die Kosten doch an der einen oder anderen Stelle erheblich sind. Die Plattform „crowfFANding“ bietet die Möglichkeit, Projekte durchzuführen mit hoher Fanbeteiligung. Das erste war zum Erhalt der Südkurve in Jena, dann bekam das Fanhaus den Zuschlag. Die komplette Aktion ist super durchgezogen worden und die Idee, mit beispielsweise Sitzschalen aus dem Bruchweg oder wiederaufgelegten Traditionstrikots Spendenanreize zu schaffen, hat toll funktioniert. Ich glaube, man kann das Thema Funding nicht überstrapazieren, aber für so eine einmalige Aktion, die eben nicht vom Verein selbst ausgeht, halte ich es für absolut geeignet.

RG: Wie siehst Du nun den weiteren Weg in Mainz? Gibt es eine Rückkehr zur heilen Welt, in der der Karneval wieder im Vordergrund steht?

MP:Ähem. Man spricht in Mainz tatsächlich von der Fastnacht! J Die Tatsache, dass es im Song „Karnevalsverein“ heißt rührt daher, dass er ursprünglich von gegnerischen Fans angestimmt wurde, um die Mainzer zu verhöhnen. Aber mir ist klar, das muss außerhalb von Mainz etwas verwirrend sein… Ich glaube, es ist in den nächsten Monaten wichtig, die vorhandenen Fäden (wieder) zusammenzuführen. Wir sind nun mal der Karnevalsverein, das sollten wir uns auch erhalten. Das darf eine Professionalisierung und einer Erweiterung des Selbstverständnisses aber nicht im Wege stehen. Die Idee, das Thema Identifikation vor allem der Fanabteilung zu übertragen, halte ich für sehr gut und wichtig. Auch sonst müssen Fans aller Couleur wieder an einen Tisch kommen. Kommunikation ist wichtig und so abgedroschen das klingt, Leute in der Verantwortung kommen und gehen, Fans bleiben. Daraus erwächst auch Verantwortung.

RG: Danke Dir Mara für diese wichtigen Worte, denen auch ich als Augsburger nur zustimmen kann. Der erste Schritt in der Kommunikation ist damit schon geschafft. Die nächsten Schritte werden dadurch hoffentlich leichter.