What the Gregerl?!

Dieser Text erschien zuerst in der Kolumne „Einwurf aus der Rosenau Gazette“ bei presse-augsburg.de. Zudem möchte ich gerne auf unsere laufende T-Shirt Aktion #Neigschaut hinweisen und für eure Teilnahme werben!

2:0 gegen Union Berlin zu Hause. Was wie ein hehrer Wunsch vor dem Wochenende klang, wurde am Samstag Wahrheit. Dem FC Augsburg gelang durch den souveränen und verdienten Heimsieg gegen ein in dieser Saison erneut beeindruckendes Berliner Team der erhoffte Befreiungsschlag. Und während Dietmar Hamann André Hahn zum Spieler des Spieltags ernannte, stach aus meiner Sicht ein anderer Spieler noch mehr hervor: Michael „Gregerl“ Gregoritsch. Zeit für einen kurzen Blick darauf, wie es hierzu kommen konnte.

Explosion und Niedergang

Es ist schon paradox. Michael Gregoritsch wirkte für eine Saison lang wie der beste Offensivspieler in der Augsburger Mannschaft. Direkt nach seiner Ankunft im Sommer 2017 sah es so aus, als ob er eines der fehlenden Puzzleteile im Augsburger Spiel wäre. 13 Tore im ersten Jahr waren eine Hausnummer. Aber nach diesem ersten Honeymoon-Jahr ging es bergab, wenn auch zuerst schleichend. Neben den Leistungen litten später auch die Einsatzminuten und Gregerl zog es vor, dem Augsburger Chaos im Winter 2019/20 zu entfliehen und sich in Schalke ins dortige Chaos zu stürzen. Im Sommer 2020 kehrte er nach Augsburg zurück. Mit mäßigem Erfolg. Und auch in dieser Saison hielt sich die Euphorie lange in Grenzen. Und die Hoffnung auf Besserung hatte ich schon fast aufgegeben.

Zwar durfte Gregerl vor der Winterpause Einsatzzeiten sammeln und gerade mit dem späten Ausgleich gegen die Hertha seine Vollstreckerqualitäten unter Beweis stellen. Die Einsätze kamen allerdings zu einer Zeit, als Markus Weinzierl in der Sturmspitze keine Alternativen mehr hatte. Allesamt vielen die weiteren Kandidaten für einen Einsatz in der Mitte aus. Und selbst zu diesem Zeitpunkt musste sich Gregerl auch noch hinten anstellen und durfte z.B. gegen Fürth erst von der Bank ran. Mir persönlich kam es zudem so vor, als ob – nach der Verpflichtung von Andi Zeqiri im Sommer und Ricarcdo Pepi im Winter – und der Genesung von Niederlechner und Finnbogason seine Einsatzchancen im Winter auf dem Tiefpunkt angelangt wären. Selten habe ich eine Situation fälscher eingeschätzt.

Das „Comeback“

Umso größer war die Überraschung, als zum Auftakt der Rückrunde gegen Hoffenheim der Name Gregoritsch in der Startaufstellung auftauchte. Und dort in den folgenden Partien nun immer wieder zu finden war. 60, 68, 74 und nun gegen Union Berlin die kompletten 90 Minuten durfte Gregerl jeweils ran. Die 90 Minuten gegen Union waren seine ersten 90 Minuten seit dem vierten Spieltag der Vorsaison. Und Gregerl zahlte immer zurück. Durch ihn wurde es nicht nur gefährlich, er besitzt im Moment die in Augsburg heißeste Währung nach defensiver Stabilität: eine ordentliche Chancenverwertung. Auf kaum etwas ist ein Team wie der FCA mehr angewiesen, dem es in dieser Saison äußerst schwer fällt, eigene Chancen zu erspielen. 5 Tore in den letzten 9 Partien, teilweise nur mit Kurzeinsätzen, sind in diesem Zusammenhang nicht nur überragend sondern unverzichtbar.

Gregerl liefert ab und macht sich unverzichtbar. (Photo by Alexandra Beier/Getty Images)

Für Markus Weinzierl sind sie allerdings wohl nur die Spitze des Eisbergs. Das Spiel seiner Offensivkräfte ist sehr von deren Verhalten gegen den Ball geprägt. Hier fällt Gregerl in keinster Weise ab gegenüber Kollegen wie Niederlechner und Co. wenn im aggressiven Pressing die gegnerischen Abwehrspieler und Torhüter aus dem Konzept gebracht werden. Das erste Tor gegen Union wurde auf diese Weise erzwungen. Dazu kommt Gregerls Rolle im Spiel mit dem Ball. Hier ist er ein einflussreicher Faktor auf mindestens zwei Arten. Einerseits hat er die ehemalige Rolle Caiubys in Weinzierls System eingenommen. Bei langen Bällen leitet er diese per Kopf weiter. 6 Kopfballduelle gewann er gegen Union. Kein Spieler gewann bei den Augsburgern nur annähernd so viele. Wenn der Ball am Boden gespielt wird, kommt seine spielerische Klasse zum Tragen. 43 Ballkontakte bei zwei Torschussvorlagen waren es am Samstag. Kein Offensivspieler des FCA hatte hier mehr vorzuweisen. Nicht nur kann der FCA im Moment auf Gregoritschs Tore nicht verzichten, auch aus dem Offensivspiel des FCA ist er kaum mehr wegzudenken.

Harte Arbeit zahlt sich aus

Andere Beobachter des FCA sind über die jetzige Entwicklung wenig verwundert. Sie hätten sie vielleicht nur schon früher vermutet (und haben nicht wie ich jetzt im Winter die Hoffnung aufgegeben). Gregoritsch konnte im Sommer mit der Nationalmannschaft Selbstvertrauen tanken und mit seinem Siegtreffer gegen Nordmazedonien ein weiteres persönliches Highlight seiner Vita hinzufügen. Er sah selbst keinen Grund sich lange darauf auszuruhen. Beim FCA stieg er im Sommer früher wieder ins Training ein, als er hätte müssen. Wechselgerüchten erteilte er eine Absage, in dem er klar machte, dass er seine Chance in Augsburg suchen wolle.

Und nicht nur in der zurückliegenden Hinrunde sondern grundsätzlich seit seiner Rückkehr nach Augsburg gab es keinerlei nach außen getragene Unruhe mehr zu verzeichnen. Markus Weinzierl machte erst vor kurzem klar, dass er Gregerl klar kommuniziert hatte, welche Anforderungen seinerseits zu erfüllen sind und das Gregerl hart gearbeitet hat, um diese nun erfüllen zu können. Gregerl und der FCA ernten nun die Früchte dieser Arbeit.

Und jetzt?

Wichtig ist nun auch, dass seit Samstag seine Leistungen auch endlich deutlichst mit dem sportlichen Erfolg der Mannschaft verknüpft sind. Dies hilft auch Trainer Markus Weinzierl, der selbst vertraglich nur bis zum Sommer gebunden ist und spätestens nach dem Spiel gegen Leverkusen wieder ordentlich in der Kritik stand. Es zeigt, dass er es immer noch versteht, Spieler wie Gregoritsch in die Erfolgsspur zurückzuholen und darauf basierend ein funktionierendes Team auf den Platz zu schicken.

Gregerl kann noch lange in Augsburg herausragen. (Photo by Adam Pretty/Getty Images)

Und so ist Gregoritschs Zukunft in Augsburg auch etwas mit der von Weinzierl verknüpft. Noch bis 2023 läuft sein Vertrag und im Sommer kann der FCA letztmalig eine Ablöse kassieren. Meine Hoffnung wäre, dass sowohl die Mannschaft im allgemeinen und Gregoritsch im speziellen in den nächsten Wochen die gute Leistung gegen Union Berlin bestätigen. Weinzierl genau wie Gregoritsch verlängert. Und im Falle von Gregoritsch in Augsburg erkannt wird, was man an diesem Menschen hat. Die Leidenschaft und Emotionalität, die Gregoritsch mitbringt, sollten wir ihm nicht vorwerfen sondern als positives Merkmal anerkennen. Es ist ihm eben nicht scheißegal. War es ihm wohl noch nie.

Und wenn sie nicht gestorben sind…

In Augsburg brauchen wir Spieler, die nicht schon an den Ruhestand oder direkt den nächsten Wechsel denken, sondern bereit sind sich langfristig in den Dienst der Mannschaft zu stellen. Michael Gregoritsch hat für mich das Zeug dazu, in diesem Team über die nächsten Jahre ein Führungsspieler zu sein, der diese Truppe zusammenhält. Er ist im besten Alter dafür. André Hahn hat am Samstag Alfred Finnbogason als Top Scorer des FCA in der Bundesliga abgelöst. Gregerl hat hier das Potential beide in den kommenden Jahren zu überholen. Es könnte insgesamt eine der wundersamsten und schönsten Karrierewendungen werden, an die ich mich erinnern kann. Und sie würde so wundervoll nach Augsburg passen. Aber egal, was nach dem Spiel gegen Union Berlin auch noch passieren wird: über das Leistungsvermögen des Michael Gregoritsch sollte sich keiner mehr wundern.

Neigschaut

Kick-Off. Mir kommt es so vor, als ob die Rückrunde nun nach der Länderspielpause erst so richtig los geht. Ein Punkt gegen Frankfurt, ansonsten aber erneut ein deprimierender Start. Das kann nur zu zwei Dingen führen: Depression oder die verbissene Hoffnung auf Besserung. Bei mir ist es eindeutig letzteres. Betonen mag ich den verbissenen Aspekt. Es ist Zeit Fußballdeutschland erneut zu zeigen, was in uns steckt. Die restliche Liga damit zu ärgern, dass wir immer noch da sind und vielleicht erneut ein „größerer“ Club in die zweite Liga muss.

In letzter Zeit gehen mir die Reaktionen auf den FCA, die wir immer wieder und wieder erleben seit wir in der Bundesliga sind, gehörig auf den Keks. Da wurde etwas über den Investoreneinfluss fabuliert als wir Ricardo Pepi verpflichtet haben (als ob sich dort nachweisbar etwas geändert hätte in den letzten Jahren). Da wird uns immer noch abgesprochen, dass wir in dieser Liga eine Berechtigung haben. Meine Güte, beschäftigt euch doch bitte mit den wirklichen Problemfällen. Ihr habt doch noch nicht mal dem Leipziger Konstrukt Einhalt gebieten können.

Aber mit Rationalität ist man an dieser Stelle noch nie weit gekommen. Wir sind immer gut damit gefahren, dass wir den Augsburger Weg gegangen sind. Zusammengehalten haben. Bescheidene Ansprüche hatten (zumindest in den meisten Fällen). Und wussten, dass ohne Einsatz und harte Arbeit gar nichts, aber auch wirklich gar nichts, geht. Und dann konnten wir es uns auch erlauben, anderen wenig Beachtung zu schenken und über uns selbst zu lachen. Leichtigkeit, wenn es allzu schwer ist. #keineSau war der Höhepunkt. #Neigschaut ist jetzt. Mit der Zustimmung von Gregerl selbst werden wir sein Lachen auf T-Shirts packen. Werden unsere Courage schnappen und der Liga erneut ins Gesicht grinsen. Zusammen alles geben, und erneut hoffen, das es reicht. Der Erlös der ganzen Aktion geht an Gregerls Spendenverein TOR.CHANCE. Weil Augsburg zusammen hält. Mal wieder. Ich garantiere persönlich dafür, dass bei uns kein Cent dieser Aktion hängen bleibt.

Die T-Shirts sind wie immer Bio und Fair. Und Jede(r), die über den Shop in den nächsten zwei Wochen vorbestellt, ist sicher dabei. Die Vorbestellfrist geht bis zum 17.02.2022. Danach braucht es Glück und etwas Hoffnung auf ein Restexemplar. Bitte beachtet ausdrücklich, dass es nach der Vorbestellung ca. 3 Wochen dauert, bis die Shirts bei euch sind. Wir geben uns in jedem Falle Mühe alles schnellstmöglich umzusetzen.

Wer möchte denn nicht direkt dem Rest der Liga ins Gesicht grinsen und sagen: Neigschaut.

Über den Fußball hinaus

Die Meinung der Fans geht dann doch ab und zu unter, wenn es um gesellschaftlich wichtige Themen außerhalb des Platzes geht. Deshalb haben wir uns entschlossen mit FanQ zu kooperieren, um auch den Fans des FC Augsburg die Möglichkeit zu geben, ihre Meinung bzgl. wichtiger gesellschaftlicher Themen einzubringen. Heute geht es dabei um Nachhaltigkeit. Vielleicht wollt ihr euch hierzu den folgenden Text von FanQ durchlesen und an der eingebetteten Umfrage teilnehmen. Es würde uns freuen, wenn die Meinung vieler Fans des FC Augsburg in die Umfrage einfließen würde!

Eines der größten Themen unserer Zeit ist Nachhaltigkeit und, damit verbunden, nachhaltiges Verhalten innerhalb unserer Gesellschaft. Diese Gewissheit ist mittlerweile in fast allen Bereichen des Lebens angekommen und betrifft natürlich auch den Sport und seine Akteure. Auch im Fußball ist es gewünscht und erwartet, dass sich Vereine und Verbände nachhaltig verhalten, sei es ökologisch oder bei sozialen Themen wie Diversität und Inklusion. Das gilt natürlich auf allen Ebenen, für den Bundesliga-Verein sowie für den Kreisliga-Trupp des Nachbardorfes. Es gibt eine Verantwortung, im Business-Sprech auch gerne CSR (Corporate Social Responsibility) genannt.

FanQ will in Zusammenarbeit mit Sports for Future und dem SID herausfinden, welche Erwartungen Fans an die verschiedenen Akteure im Sport haben, welche Verantwortungen erfüllt werden und welche erfüllt werden sollten. Wie zufrieden seid ihr mit dem bisherigen Engagement und welche Verbesserungen würdet ihr euch wünschen? Hierüber könnt ihr jetzt auch bei uns direkt abstimmen:

Im Anschluss an die groß angelegte Umfrage werden die Ergebnisse wissenschaftlich ausgewertet und über zahlreiche Medien gestreut werden, aber auch direkt Entscheidungsträgern in Politik und Sport vorgelegt. Gemeinsam soll ein so aussagekräftiges Bild entstehen, dass die Stimme der Fans bei dem wichtigen Thema Nachhaltigkeit von den richtigen Menschen gehört und ernstgenommen wird.

Keine Ausreden mehr

1:5 aus Sicht des FC Augsburg hieß es nach der Partie in Leverkusen am Samstagnachmittag. Auch in der Hinrunde gab es schon eine deutliche Abreibung und der geneigte Fan fragte sich am Samstag vielleicht, ob es sich bei der Partie um ein Déjà-vu handelte. Zu frappierend waren die Parallelen im Spielverlauf. Zu ähnlich sind weiterhin die Probleme der Mannschaft. Immer noch fehlt es an der nötigen defensiven Stabilität, immer noch bricht die Mannschaft in der Endphase einer Partie komplett auseinander. Derweil wir mittlerweile eine halbe Saison weiter sind und keiner mehr Ausreden vorzubringen braucht.

Der Trainer

Markus Weinzierl hat in Augsburg die sportliche Verantwortung für das Auftreten der Mannschaft auf dem Platz. Jedes Ergebnis ist auch ein Spiegel seiner Arbeit. Am Samstag entschied er sich mit 4er Kette in die Partie zu gehen, stellte nach dem zweiten Gegentor allerdings schnell auf 5er Kette um. Es ist müßig sich zu fragen, ob die 4er Kette grundsätzlich eine beschissene Idee war, oder ob die Mannschaft schlicht nicht in der Lage war Weinzierls Vorgaben umzusetzen. Beides fällt direkt auf den Trainer und sein Team zurück. Die Mannschaft kann anscheinend ganz grundsätzlich manche Probleme auf dem Platz nicht lösen.

Zeit den Finger nicht mehr nur auf andere zu richten. Markus Weinzierl ist in der Pflicht die sportliche Wende beim FC Augsburg einzuleiten. (Photo by Sebastian Widmann/Getty Images)

Dazu geht ihr dann auch der notwendige Zugriff aufs Spiel ab. Man würde die Jungs ja gerne bissig in den Zweikämpfen sehen. Im ersten Schritt müssten sie dann erstmal Zweikämpfe führen. Sportlich sind einige der letzten Partien dann doch ein Offenbarungseid. Gegen Leverkusen defensiv. Zum Hinrundenende gegen Fürth offensiv. Es passt grundsätzlich nicht viel und es stellt sich die Frage, wie lange man den Thesen der sportlichen Entwicklung glauben schenken mag. Augsburger Tugenden my ass.

Der Manager

Stefan Reuter hat sein Schicksal mit der Rückholaktion von Markus Weinzierl auch mit dem Trainer verknüpft. Ein erneuter Misserfolg in dieser Hinsicht wäre für ihn nach einer Kette unglücklicher Trainerentscheidungen kaum mehr zu rechtfertigen. Dazu kommt ein weiteres Argument: er hatte anscheinend auch die wirtschaftlichen Mittel, um kräftig in die Mannschaft zu investieren. Der Pepi Transfer ist der eindrückliche Beweis. Nun hat man sich im Winter bisher entschieden im Sturm und z.B. nicht auf den Außenverteidigerpositionen nachzulegen. Wer Robert Gumny rechts in der ein oder anderen Situation wieder irrlichtern sah, der mag hinterfragen, ob der Kader auf jeder Position bundesligatauglich ist.

Alle Reklamationen nützen nichts. Wohl alle sportlichen Entscheidungen in Augsburg sind auf ihn zurückzuführen. (Photo by Matthias Hangst/Getty Images)

Mit der langfristigen Formierung dieses Kaders ist gerade auch der Manager verantwortlich für die Situation in der wir uns gerade befinden. Es sei darauf hingewiesen, dass es im Kader des FCA momentan kaum verletzte Spieler gibt. Mit Iago ist gegen Leverkusen gerade mal ein Startplatzkandidat ausgefallen. Die Liste derer, die keine Berücksichtigung im Kader fanden ist mittlerweile recht lang. Hat sich der Manager an vielen Ecken geirrt oder wo klemmt das Puzzle? Es liegt an ihm Lösungen zu finden.

Die Spieler

Und am Ende sind wir alle darauf angewiesen, dass es die Spieler auf dem Platz richten. Diese punkten weiterhin durch die Bank mit Unkonzentriertheiten und kapitalen Fehlern. Selbst Giki spielte in einer Szene gegen Leverkusen dem Gegner den Ball direkt in den Fuß. Vom Rest der Abwehr möchte ich gar nichts erst anfangen. Die Leverkusener durften dazu mit Tempo auf die Augsburger Abwehr anlaufen, hatten dann viel Platz und Freiräume und es war doch sehr leicht, die Augsburger Abwehrbemühungen auszuhebeln. In mancher Situation kann man sich sicher sein, dass das Verhalten der Spieler nicht die Vorgabe des Trainers war. Warum bekommen sie ihre Leistungen nicht auf dem Rasen abgerufen? Wo hakt es? Es liegt an jedem einzelnen Spieler für sich selbst nach Lösungen zu suchen und sich zu bessern. Und einen positiven Einfluss auf die Mannschaft im Gesamten auszuüben.

Alles in allem keine schöne Situation gerade. Der letzte Sieg des FC Augsburg ist nun schon wieder eine Weile her und einige Unentschieden zwischen durch vernebeln vielleicht etwas den Blick. Mit Unentschieden kommt man nicht weit. Der FC Augsburg ist auch darauf angewiesen, dass er bald mal wieder ein paar Spiele gewinnt. Nach den letzten Partien möchte man sich fragen, wie das klappen soll. Defensiv löchrig, offensiv ohne große Ideen oder auch nur erkennbar einstudierte Abläufe (außer bei Standards) tut sich die Mannschaft schwer. Scheiß egal, wer Schuld ist: alle Beteiligten sind in der Verantwortung ihr möglichstes zu tun, um den Bock umzustoßen. Ich träume vom großen Knoten der platzt und wäre sehr froh, wenn das nicht bald ein Albtraum wird. Den Ernst der Lage sollten alle jetzt möglich schnell begreifen.

Lieber Favoritenschreck als Favorit?

Kurz nach Rückrundenauftakt darf ich heute hier den ersten Gastbeitrag des Jahres präsentieren, der von Christian Orth stammt. Seit einem 1:1 gegen Schweinfurt im Jahr 2002 ist Christian Orth FCA-Fan. Im Hauptberuf ist er Journalist beim Bayerischen Rundfunk (Twitter: @Chrismedial).

Weihnachten. Pepi-Hype. Rückrundenauftakt. Da fühlt sich das grauenvolle 0:0 in Fürth zum Abschluss der Hinrunde richtig weit weg an. Aber ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie Niklas Dorsch nach Abpfiff im rot-grünen „Heim“-Trikot völlig entnervt vom Platz der Playmobilwiese stapft. Und das völlig zurecht. Der FCA hatte es beim wohl sicheren Absteiger nicht nur verpasst, einen der einfachsten Dreier der Saison einzufahren. Nein, so uninspiriert wie die Mannschaft spielte, packe ich in der Regel meine Weihnachtsgeschenke ein.  

FCA: Lieber Favoritenschreck als Favoritenrolle?

Ob im „Feuer und Flamme“-Podcast oder unter meinen FCA-Kumpels – nachher waren sich auch schnell alle einig: Enttäuschend, aber keine Überraschung. Die Favoritenrolle liege dem FCA einfach nicht. Gegen die Mannschaften, die ganz unten stehen, spiele der FCA immer schlecht und hole einfach wenig Punkte. Aber wie oft habe dieselbe Mannschaft schon gegen die Top-Teams überrascht? Genau – Top gegen Top, Flop gegen Flop. Dieses Narrativ gibt es schon sehr lange. Und seit Jahren bin ich selbst Überträger dieses Gerüchts. Ich habe die passende Antwort stets parat, wenn ich mal wieder gefragt, wie es denn sein könne, dass mein Herzensclub SCHON WIEDER gegen Dortmund gepunktet und gegen den Tabellenletzten SCHON WIEDER verloren hat?

Irgendwie geisterte mir diese Frage und das dazugehörige Narrativ zwischen den Jahren im Kopf herum. Ist der FCA gegen die Top-Teams wirklich so gut? Und gegen Absteiger und solche, die sich darum bewerben, wirklich so schlecht? Sitzt die halbe Fan-Szene einem Mythos auf? Die Antwort ist: Ja. Das habe ich in einer kleinen Analyse zwischen den Jahren herausgefunden.

10 Jahre Bundesliga in einer Analyse

Ich habe mir die Abschluss-/Kreuztabellen der 10 Bundesliga-Saisons auf der Webseite des Kicker angesehen. Dann habe ich händisch folgende Daten gesammelt: die Gesamtpunktzahl, die Platzierung, die Top3-Teams jeder Saison, die letzten 3 Teams, die Ergebnisse in direkten Duellen. Aus den Ergebnissen gegen die Top3 und die Abstiegs-/Relegationsplätze (schon ein Wahnsinn, dass wir in diesen 10 Jahren am Ende nie abgestiegen sind!) habe ich verschiedene Mittelwerte errechnet: einen generellen Punkteschnitt über die 34 Spieltage hinweg und jeweils einen spezifischen Punkteschnitt gegen die Top3, die Last3 und gegen Aufsteiger (dazu später noch mehr).

Nun zu den Ergebnissen. Erstens: Der FCA hat in allen zehn Bundesligajahren gegen die letzten drei Mannschaften (1,82) deutlich mehr Punkte geholt als im Gesamtdurchschnitt (1,15). Der FCA war also gegen Platz 16, 17 und 18 immer deutlich erfolgreicher als im Durchschnitt aller Spiele.

Ergebnis 2: In fast jeder Saison hat der FCA gegen die letzten drei in der Tabelle mehr Punkte geholt als gegen die Top-Teams. Nur in einer Saison war es andersherum – und aus dieser legendären Saison stammt wohl auch der Mythos: 2014/2015. Der FCA schaffte es in die Europa League, weil die Mannschaft am letzten Spieltag auswärts beim Top-Team Gladbach mit 3:1 gewann. 12 Punkte sammelte der FCA in dieser Saison gegen Bayern, Wolfsburg & Gladbach, nur 9 gegen Paderborn, Freiburg & den HSV.

Die Annahme „Gegen Top-Teams performt der FCA besonders gut, gegen die schlechtesten Teams der Tabelle besonders schlecht“ ist statistisch also ziemlich falsch. Sieht man sich die einzelnen Runden genauer an, wird klar, wie falsch die Annahme ist. Es gibt Saisons, in denen der FCA gegen die Top-Teams regelrecht untergeht: 12/13 (0), 17/18 (1), 19/20 (1). In derselben Saison holte der Club gegen die Last3-Vereine jeweils 11 Punkte.

Besonders gut läuft es gegen die letzten drei der Tabelle, wenn der HSV (3 Mal Last3, 12 Punkte) oder Hannover (2 Mal Last3, 12 Punkte) am Ende unten stehen. In der Saison 13/14 gewann der FCA sogar fast alle Spiele gegen die letzten drei Teams. Das war mit 52 Punkten übrigens die erfolgreichste Saison, ein Jahr später reichten 49 für die Europa League. Zur Vollständigkeit: Lieblingsgegner bei den Top-Teams ist übrigens Dortmund (8 Mal unter den Top3, 10 Punkte).

Sind es die Partien gegen die Aufsteiger?

Ich habe diese Analyse zum Rückrundenstart in einer Kurzfassung zunächst bei Twitter gepostet. Andreas Schmid von der Rosenau-Gazette hatte einen spannenden Erklärungsansatz für den Mythos:

Erster Impuls: stimmt. Zweiter Impuls: ist der FCA gegen Aufsteiger wie Frankfurt, Hertha oder Stuttgart automatisch immer Favorit? Anyways, ich habe auch das noch überprüft. Dazu habe ich einen spezifischen Punkteschnitt gegen Aufsteiger errechnet und wieder mit dem generellen Punkteschnitt verglichen. Ergebnis: Es ist nicht eindeutig, es stimmt ein bisschen. Ganz besonders für die Jahre zwischen 2015 und 2018.

Fazit

All das sagt natürlich nichts über die Qualität des FCA-Spiels aus, sondern nur über die Punkteausbeute. Spielerisch ist der FCA gegen Bayern und Dortmund wirklich oft überraschend gut, gegen Abstiegskandidaten dagegen fast nie. Die Mannschaft hat einfach Probleme, das Spiel selbst zu machen – vor allem gegen Gegner, die es selbst ebenfalls nicht können oder wollen. Nur das sind im Normalfall die Teams, die unten drin sind. An einem Dezembertag vor leeren Rängen gegen Fürth also zum Beispiel. Spaß machen diese Partien weder mir noch Niklas Dorsch, statistisch holt der FCA aber viel mehr Punkte als vermutet.  

Hinten zwickt es immer noch

Weihnachten ist vorbei und im neuen Jahr sind wir auch alle angekommen. Pünktlich am 01.01. bis zum Ende des Monats hat das Transferfenster in Deutschland wieder geöffnet. Wie ist die Lage im Kader? Wie wird der FC Augsburg agieren? Abseits natürlich von Ricardo Pepi, der den FCA in die bundesweite Öffentlichkeit katapultiert hat. Viel wird nun auch davon abhängen, wie viel Zaster nun noch auf dem Festgeldkonto schlummert. Aber träumen wird man wohl trotzdem noch dürfen.

Der Kader

Es lässt sich wohl ausschließen, das im Tor etwas passiert (außer Tomas Koubek erhält ein Monsterangebot, um uns zu verlassen). Giki hat zwar keine Paradehinrunde gespielt, bleibt aber als Nummer 1 unumstritten. Koubek dahinter hat sich zum perfekten Ersatzmann entwickelt. Und hinter den beiden lauert das ein oder andere Talent auf seine Chance. Somit ergibt sich momentan kein Handlungsbedarf.

Anders sieht es dann schon in der Abwehr aus. Einerseits gab es in kaum einem Mannschaftsteil so viele Ausfälle und Verletzungen. Felix Uduokhai stand kaum auf dem Feld. Auch Jeff Gouweleeuw und Reece Oxford mussten immer wieder pausieren. Andererseits traten hier auch die meisten größeren Fehler auf. Gerade Robert Gumny wirkt manchmal fehl am Platze, auch weil er ungewohnte Rollen, entweder in der Innenverteidigung oder in einer 3er Kette, bekleiden musste. Nur links hinten waren Iago und Mads Pedersen stabile Ankerpunkte.

Robert Gumny ist eine Kernpersonalie. Sieht in Weinzierl eher hinten oder rechts? Entsprechend ergibt sich der Bedarf auf dem Transfermarkt. (Photo by Christian Kaspar-Bartke/Getty Images)

Im Mittelfeld wurde nun zum Ende der Hinrunde das große Lob über Niklas Dorsch ausgeschüttet. Dorschi fehlte allerdings auch viel in der Hinrunde, ihn setzte eine Grippe länger außer Gefecht. Auch Arne Meier neben ihm musste des Öfteren passen. Mit Dorsch und Meier auf 6 und 8 scheint der FCA allerdings seine 1A Besetzung gefunden zu haben. Dahinter wird es allerdings dünn. Moravek ist wie immer oft verletzt. Strobl hat sich das Kreuzband gerissen. Und Carlos Gruezo findet seine Rolle und Form nicht.

Mit Blick auf die Offensive sind dem FCA immer wieder Stürmer ausgefallen. Niederlechner, Finnbogason und auch Zequiri kämpften mit der Gesundheit. Der Kader war trotzdem tief genug, um die Ausfälle immer wieder auffangen zu können. Am Ende hat sogar Gregerl wieder getroffen. Insgesamt ist es dem Team allerdings immer wieder schwer gefallen Tore zu erzielen.

Was der FCA tun sollte

Der FCA sollte einen Innenverteidiger verpflichten. Weinzierl scheint die 3er Kette fest im Repertoire behalten zu wollen. Gumny ist für mich rechts besser aufgehoben. Mit Kevin Vogt war man im Sommer schon recht weit. Wenn Weinzierl Gumny eher hinten zentral, z.B. in einer 3er Kette, sieht, dann braucht es eine Verstärkung rechts (z.B. Danny da Costa). Ich würde präferieren, Gumny wieder auf rechts einzusetzen und einen erfahrenen Innenverteidiger dazuzuholen. Wenn es jetzt im Winter mit Vogt klappen sollte, dann würde ich diesen Transfer befürworten.

Die offensive Harmlosigkeit ist das größte Problem des FCA in der Hinrunde gewesen, nachdem man die großen Zusammenbrüche wie u.a. in Mainz abgestellt hatte. Gegen Fürth konnte man zum Abschluss der Hinrunde gegen das schlechteste Team der Liga kein Tor erzielen. Dem FCA fehlt es offensiv an Unterschiedsspielern, die an einem solchen Tag das eine, entscheidende Tor erzielen können. Auch hier hatte man im Sommer grundsätzlich schon den richtigen Riecher. Ritsu Doan jetzt im Winter zu verpflichten, wäre weiterhin eine sehr gute Idee, auch deshalb weil bei Ricardo Pepi Geduld trotz des Hypes eine gute Idee wäre. Pepi muss sich in Deutschland akklimatisieren. Und mit Vorlagen gefüttert werden.

Ritsu Doan könnte offensiv den Unterschied machen. Eindhoven weiß das und hat entsprechende Preisvorstellungen. (Photo by Koji Watanabe/Getty Images)

Dem Club wäre zudem nahezulegen, direkt am Anfang der Transferperiode Gas zu geben. Es geht ja bekanntlich schon am 08. Januar weiter. Sollten Neuzugänge dem Club noch in dieser Saison helfen sollen, dann müssten sie gleich zu Anfang kommen. Auf der Abgangsseite könnte man auf die Idee kommen, den Kader bei Gelegenheit etwas auszudünnen. Hier würde ich zu Vorsicht raten. Omikron könnte Personalprobleme in der Rückrunde deutlich verschärfen und hier wäre vielleicht am falschen Ende gespart.

Umsetzung

In der Realität ist die Lage leider etwas komplexer. Auch andere Vereine werden Corona-bedingt zurückhaltend bei Transferabgängen sein. Dazu kommen die aufgerufen Ablösesummen und Gehaltswünsche. Deshalb wäre es sehr gut nachvollziehbar, wenn der FCA die oben dargestellten Wünsche nicht einfach umsetzen könnte. Der FCA hat für Pepi nun schon einen großen Batzen Kohle investiert. Wirtschaftlich besteht daher wahrscheinlich nicht mehr allzu viel Handlungsspielraum. Dies könnte es notwendig machen, Spieler abzugeben oder mit den Neuzugängen etwas zu warten, bis sich die Preise in notwendige, realisierbare Regionen bewegen.

Allerdings ist es gerade im Winter so, dass der FCA schon den ein oder anderen schlauen Schachzug gemacht hat. In dieser Phase weiß Stefan Reuter meist besonders genau, wie er vorzugehen hat. Ich bin daher zumindest vorsichtig optimistisch, dass der FCA in der Rückrunde nicht nur durch die anhaltende sportliche Entwicklung sondern auch durch den ein anderen Transfer noch stärker aufgestellt sein wird als in der Hinrunde. Nicht nur durch Ricardo Pepi. Wenn das mal nicht Hoffnung macht für 2022.

Höher, schneller, weiter!?


Dieser Text erschien zuerst in der Kolumne „Einwurf aus der Rosenau Gazette“ bei presse-augsburg.de.

Die Corona Pandemie hält das Land weiterhin auf Trab und auch der Fußball ist davon betroffen. Für den Beginn der Rückrunde wurde kurzfristig davon ausgegangen, dass alle Spiele komplett ohne Zuschauer ausgetragen werden. Presse Augsburg berichtete noch am 21.12.2021 unter der Überschrift: „FC Augsburg-Geschäftsführer Michael Ströll: Klub wird vielleicht nicht ohne staatliche Hilfen auskommen“. Man konnte fast glauben, der Verein nage nun am Hungertuch und müsste sich einschränken. Immerhin geht uns allen die Pandemie nach dieser langen Zeit auf die ein oder andere Weise an die Substanz.

Vielleicht rufen wir uns an dieser Stelle kurz ins Gedächtnis, was bisher schon geschah. Wie alle anderen Vereine wurde auch der FC Augsburg im Frühjahr 2020 überraschend von der Corona-Pandemie getroffen. Heiko Herrlich wurde engagiert und war dann erstmal Lockdown-Trainer bevor er zu Zahnpasta- Heiko wurde. Der FCA war schon damals, einer der Clubs, die unter anderem mit dieser Aktion negativ das Bild des Fußballs in der Öffentlichkeit besetzten. In der Zwischenzeit klangen dann auch mal zurückhaltende Töne durch. Michael Ströll sagte in der Augsburger Allgemeinen: „Jeder muss in den vergangenen Monaten festgestellt haben, dass höher, schneller, weiter nicht immer das richtige Mittel und vor allem in Krisenzeiten enorm gefährlich ist.“ Der Club organisierte Impfaktionen und half Bedürftigen.

Schon im letzten Frühjahr waren dennoch viele den Regeln überdrüssig geworden und hielten diese nur noch teilweise ein. Im Speziellen wurde der FC Augsburg wegen eines Jubelfotos von der DFL verwarnt. Und Corona war noch nicht vorbei, da tönte Klaus Hofmann schon: „Wir würden auch ein zweites Corona überstehen“. Die Spieler buchten fleißig ihre Weihnachtsurlaube (vornehmlich nach Dubai, wenn es denn überhaupt weg ging) und kamen nun teilweise mit unschlüssigen Tests oder infiziert zurück. Es darf wohl kritisch gefragt werden, ob diese Reisen in Zeiten der Pandemie und mit der Vorbildrolle, die hochbezahlten Profisportlern automatisch zufällt, unbedingt notwendig waren.

In diesen Zeiten hat sich der FC Augsburg nun entschieden, den 18jährigen Ricardo Pepi für ungefähr 15 Millionen Euro vom FC Dallas zu verpflichten. Die Details der Ablöse bleiben wie immer unter Verschluss, es war allerdings von einer Ratenzahlung zu lesen. Pepi, der ein hochtalentierter Stürmer und Unterschiedsspieler in der Offensive ist, ist vornehmlich eine Wette auf die Zukunft. Er muss sich nun im Winter in Deutschland und in der Bundesliga akklimatisieren. Er ist – vorerst – der teuerste Transfer der FCA-Geschichte und lässt den FCA in eine andere Dimension vorstoßen. Immerhin hatte man den VfL Wolfsburg ausgestochen. Auch Bayer 04 Leverkusen und der FC Bayern München sollen neben Clubs aus der Premier League interessiert gewesen sein. Insgesamt ein Kracher, den Hofmann, Reuter und Ströll da schon zu Anfang des Jahres präsentieren.

Mit der Verpflichtung von Ricardo Pepi stößt der FCA in eine andere Größenordnung vor (Photo by Emilee Chinn/Getty Images)

Wie soll man diesen Transfer nun interpretieren? Die Pepi-Verpflichtung ist absolut „höher, schneller, weiter“. Von außen wurde in den letzten Tagen vielfach hinterfragt, wie der FC Augsburg einen solchen Transfer überhaupt stemmen kann. Nach der Ströllschen wirtschaftlichen Tiefstapelei, ist die Verpflichtung in der Außendarstellung kaum zu verargumentieren. Naja, außer David Blitzer hat den Geldkoffer geöffnet. Aber zu welchen Konditionen und unter welchen Bedingungen? Insgesamt, kann man feststellen, dass der FCA in Zeiten der Omikron-Welle kein Zeichen der wirtschaftlichen Zurückhaltung gesetzt hat. Gerade das Gegenteil. Wenn man nun den Transfer als Zeichen des Optimismus auslegen sollte, dass Corona weiterhin keine allzu weitreichenden wirtschaftlichen Folgen für den Club bedeutet, dann ist die Frage legitim, warum Michael Ströll es im Dezember für notwendig hilft, öffentlich wirtschaftlich tiefzustapeln um Druck auf die Politik auszuüben. Die Außenwirkung war damals schon schwierig und wirkt heute vollkommen deplatziert.

Meine Interpretation der Lage ist, dass der FC Augsburg auf Grund des enormen Potentials des Spielers bereit war, seine eigenen wirtschaftlichen Möglichkeiten neu zu definieren. Die Position des Stürmers ist seit Jahren nur sehr schwer zu besetzen und erfordert immer hohen wirtschaftlichen Aufwand. Im Oktober hatte Klaus Hofmann erst dargestellt, wie positiv sich die Eigenkapitallage des Clubs seit 2014 entwickelt hatte. Dies geht zurück auf die extreme Sparsamkeit in der Fuggerstadt, die vor Corona über Jahre immer zu positiven Ergebnissen geführt hatte. Und so war man in der Vergangenheit schon nicht immer darauf angewiesen, jeden Spieler sofort weiterzuverkaufen (man denke an Philipp Max, der länger als vermutet blieb) und musste nicht immer positive Transferbilanzen vorweisen. Nun setzt man mit der Pepi-Verpflichtung das nächste Duftzeichen und die Konkurrenz wundert sich, wie das in Augsburg passieren konnte.

Die Ursache ist derweil recht eindeutig zu identifizieren: In jedem Fall ist der FCA immer noch voll dabei, im kapitalisierten Wettbewerb des Profifußballs. Wo man in der Öffentlichkeit zuletzt auch mal etwas kritische Töne anklingen ließ, verweigert man sich den Mechanismen des Marktes nachweislich nicht. Auch die Außenwirkung in der jetzigen Zeit wird anscheinend in Kauf genommen. Aber das kommt wohl davon, wenn sich der Verein nachhaltig weiter in der ersten Liga stabilisieren will. Und dann sehen wir doch die Entwicklung und auch den Pepi-Transfer als ein positives Zeichen, dass das dann zumindest gelingt.

Hier kommt der Grinch

Weihnachten ist grundsätzlich das Fest der guten Laune. Und mit wie vielen positiven Wünschen wir in das neue Jahr gehen, haben wir euch über die letzten Wochen immer wieder gezeigt. Heute kommt zum Ende der Feiertage die Grinch-Fassung der Weihnachtswünsche. Vornehm könnte man sagen: nicht alles was glänzte, war Gold. Wenn wir den Vorhang einmal zur Seite ziehen, dann wird klar, dass wir dann doch bzgl. einiger Entwicklungen in der Hinrunde einen dicken Hals hatten. Ausrasten wollten. Vor Wut brodelten. Heute kommt es raus. Was haben erlaubt FCA? Seid ihr alle Flasche leer?

Torschützen

Am letzten Spieltag der Hinrunde konnten einem als FCA-Fan schon mal kurz die Bröckchen hochkommen. Nicht nur schaffte es der FCA selbst nicht gegen das grottigste Team der Hinrunde keinen einzigen Treffer zu erzielen. Nein, auf einem anderen Platz schoss gerade Marco Richter das unterdurchschnittliche Team der Hertha zum Sieg gegen den BVB. Richter hat somit nach der Hinrunde mit 5 Treffern genau so viele Tore erzielt, wie die zwei besten FCA Angreifer zusammen. Und der FCA scheinbar einen seiner besseren Offensivspieler abgegeben und keinen adäquaten Ersatz gefunden.

Marco Richter, wie er scort und lacht. Der FCA hat derweil die Lücke nicht adäquat schließen können. (Photo by Boris Streubel/Getty Images)

Offensiv lässt diese Mannschaft bisher viele Träume unerfüllt. Das man weiterhin auf die formschwachen und verletzungsanfälligen Kräfte der Vorjahre baut und keine geeignete Verstärkung dazu holte, ist hoffentlich nur den wirtschaftlichen Möglichkeiten und nicht der sportlichen Analysefähigkeit geschuldet. Wir gehen davon aus, dass der Spielverlauf der Hertha auch unserem sonst ach so ruhigen und zurückhaltenden Präsidenten ein leises „Verdammich“ entlockt hat und ich sehe Marco in Berlin leise in sich hineinschmunzeln (Du weißt, wir gönnen es Dir von Herzen).

Die Innenverteidigung

Zum Ende der Hinrunde ist es in der Innenverteidigung ganz eng geworden. So eng, dass mit Robert Gumny ein gelernter Rechtsverteidiger aushelfen musste, nachdem die Aushilfe aus dem defensiven Mittelfeld mit Tobias Strobl auch verletzt ausgefallen war. Gegen Bochum konnten weder Gouweleeuw, Oxford, Uduokhai oder Strobl auflaufen. Die Probleme hatten sich angekündigt. Jeffrey Gouweleeuw war schon in der Vorbereitung verletzt und es wurde spekuliert, wie lange er ausfallen würde. Uduokhai nahm im Sommer an den olympischen Spielen teil, die doch arg belastend waren. Mit Kevin Vogt hatte man sich intensiv beschäftigt und sich im Sommer trotz des Abgangs von Marek Suchy entschieden, nicht noch einen weiteren Innenverteidiger in die Hose zu holen.

Vogt kam im Sommer nicht und auch kein anderer Innenverteidiger. Das Risiko wurde anscheinend unterschätzt. (Photo by Matthias Hangst/Getty Images)

Im Nachhinein darf man sich nun einmal die Frage stellen: Warum zum Henker? Da hat man ganz schön mit dem Feuer gespielt und sich nun am Ende doch verbrannt. Man möchte rufen: War das wirklich nötig? Und was lernt ihr daraus? Immerhin ist das Wintertransferfenster offen und man kann nochmal nachlegen oder einfach auf mehr Glück hoffen. Als ob wir unser Glück nicht in den letzten Jahren etwas zu sehr strapaziert hätten.

Der eigene Nachwuchs

Derweil scheint der eigene Nachwuchs wie schon früher unter Weinzierl sportlich wieder keine Rolle zu spielen. Und man mag sich schon fragen, ob die Jungs aus der eigenen Jugend gerade offensiv nicht mal für eine Überraschung gut wären. Cordova, Bazée und Co. haben ihre Chancen des Öfteren erhalten, konnten aber nicht dauerhaft von sich überzeugen. Nun steht auch im Raum, dass uns Top-Talent Dzenan Pejcinovic zum AC Mailand verlassen könnte.

Dzenan Pejcinovic hier im Einsatz für die deutsche U17. Ob wir ihn jemals in der ersten Mannschaft zu sehen bekommen? (Photo by Vasile Mihai-Antonio/Getty Images)

Da reicht es dann auch nicht Salifou immer wieder auf die Bank zu setzen. Mensch Markus, schmeiß den Jungen doch mal für 15 Minuten gegen Fürth rein. Was soll der denn kaputt machen, so harmlos wie die Fürther waren? Die Talente im Nachwuchsleistungszentrum sind besser denn je und wir sind wieder in den Zeiten angekommen, wo es für die Jugendspieler trotz großer Verletzungsprobleme an manchen Stellen schlicht unmöglich ist auf den Platz zu kommen. Auch weil der Kader insgesamt nicht genügend ausgedünnt wurde und zu viele nicht bundesligareife und verletzungsanfällige Kräfte die Plätze blockieren. Zefix nochmal. Ob wir das jemals lernen, Jugendspieler nach oben zu ziehen, wie z.B. die Freiburger?

Weiterhin gilt: Who the Fuck is Blitzer?

Derweil seit letztem Jahr ja bekanntlich die meisten Anteile am FCA (durchgerechnet über die Beteiligungsgesellschaft) dem amerikanischen Investor gehören. Der Vorgang wurde im Hintergrund abgewickelt und Blitzer verbleibt im Hintergrund, obwohl in Augsburg weiterhin ein großes Interesse daran besteht, den Kerl kennenzulernen, dem Klaus Hofmann und die anderen Investoren den größten Teil der Anteile an der Beteiligungsgesellschaft verkauft haben (natürlich immer noch ohne die Mitglieder darüber proaktiv zu informieren).

David Blitzer hat schlicht mehr mit seinen anderen Investments zu tun, hier bei den Philadelphia 76ers (Photo by Tim Nwachukwu/Getty Images)

Das einzige Medium, das bisher ein Interview ergattern konnte ist: das Manager Magazin. Wie passend, oder? Noch nicht einmal für eines der berühmten Augsburger Allgemeine Interviews hat es gereicht, dass dann hinter der Paywall verschwindet. Der Blitzer macht ja anscheinend überhaupt keinen Scheiß mit. Das kann ja noch lustig werden.

Ausblick

Dafür wurde wie immer zum Jahresende ein auf Hochglanz poliertes Weihnachtsvideo produziert, in dem die FCA Familie in den Mittelpunkt rückte. Die Bundesliga geht im Januar vor leeren Kulissen weiter, damit ein Zeitplan eingehalten wird, ohne die Sklaventreiber-WM in Katar in Frage stellen zu müssen. Und der FCA deutet nun doch an, vielleicht auf Staatshilfen zurückgreifen zu müssen, obwohl man dies bisher immer vermieden hatte und im Notfall doch der US-Investor bereit stehen sollte. Ich kann persönlich nachvollziehen, dass sich immer mehr vom professionellen Fußball abwenden und diesen nicht mehr so intensiv verfolgen. Die magischen Momente im Stadion, in denen man sich in den Armen lag, obwohl das Gegenüber schon eine deutliche Fahne hatte und einem zuvor durch andauerndes Gemotze auch nicht positiv aufgefallen war, sind schlicht kaum vorhanden gewesen. Und so verschwindet zwar nach Weihnachten der Grinch, mit ihm aber nicht alle Probleme.

Advent, Advent: das vierte Türchen

Die Zeit rast und das ist ja an sich ein gutes Zeichen. Wenn man gegen die Bayern gewinnt und die Kolleg*innen damit unter der Woche ärgern kann, dann vergeht die Zeit viel schneller als nach Niederlagen. Und so verhält es mit dem Leben an sich ja auch. Wie ich hier nun sitze und das Jahr 2021 kurz vor dem Ende steht, verspüre ich vor allem Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, dass es mir auch am Ende dieses Jahres gut geht und ich diese Zeilen recht unbeschwert schreiben kann. Und mir etwas rund um den FCA wünschen soll. Mein Beitrag steht dabei in einer Reihe mit denen von Birgit, Franzi und Andi. Irina schließt nächste Woche die Reihe ab. Aber hier kommen nun erstmal meine Wünsche:

Konstanz

Letztens hatten wir auf Arbeit diskutiert, ob Konstanz oder Veränderung der Wunsch für 2022 ist. Wenn ich das auf den FCA beziehe, dann will ich Veränderung und zwar hin zu mehr Konstanz. Die einzige Konstante in der Hinrunde waren die schwankenden fußballerischen Leistungen. In der Rückrunde und in 2022 möchte ich konstant die Leistungen sehen, die gegen Stuttgart, Köln oder die Bayern abgerufen wurden. Kein Mainz. Keine erste Hälfte gegen Bochum (weder Liga noch Pokal). Die Mannschaft kann es. Kann sie es auch konstant? Ich wünsche es mir. Unnötig zu erwähnen, dass wir auch dann nicht alle Spiele gewinnen werden. Mit dem Abstieg würden wir jedoch nichts zu tun haben.

Konstanz hängt dabei auch an der Gesundheit. Der FCA wurde nun gerade in den letzten Wochen nicht von Verletzungen und Erkrankungen verschont. Lasst uns alle wünschen, dass wir von weiteren Verletzungs- und Erkrankungswellen verschont bleiben, so dass wir mit einer eingespielten Mannschaft zur sportlichen Konstanz kommen.

Gar nicht so einfach, ein Foto von Felix Uduokhai im Trikot dieser Saison zu finden. Udo steht symbolisch für die personellen Ausfälle dieses Jahres. Lasst uns hoffen, dass 2022 besser wird. (Photo by Christian Kaspar-Bartke/Getty Images)

An dieser Stelle muss ich ergänzen, dass ich mir auch an einer anderen Stelle Konstanz wünsche. Liebe Mitstreiter*innen dieses Blogs, die ihr aus 2021 das beste ROGAZ-Jahr der Geschichte gemacht habt: Können wir das bitte einfach so fortführen? Ich weiß euer Engagement und eure Arbeit sehr zu schätzen und wünsche mir, wir machen so gemeinschaftlich, respektvoll und mit tollen Ideen in 2022 weiter. Deal?

Interessen der Stadion-Fans in den Mittelpunkt

Fußball ist vollends zum TV-Konsument*innen-Sport verkommen. Während in Augsburg gegen Bochum vor leeren Rängen gespielt werden musste, durften Köln eine Woche später immer noch Fans ins Stadion, allerdings auch nur sehr begrenzt. Scheiß pandemische Lage. Der Liga ist es 1,5 Jahre nach Start der Pandemie scheißegal, ob alle Spiele vor Zuschauern ausgetragen werden. Der Fan im Stadion ist „nice to have“. Während beim Eishockey Heimrechte getauscht oder in anderen Ligen Spiele verschoben werden, wird in der ersten Bundesliga mittlerweile der Spielplan vollkommen irrsinnig durchgezogen. Komme, was wolle. Der Fan im Stadion bleibt auf der Strecke. Ich wünsche mir für 2022, dass sich das ändert und dass die Liga zusammen mit den Vereinen hierfür Lösungen findet.

Dieser Punkt beinhaltet zusätzlich (und das ist ein unerfüllter Wunsch, den ich wie ein kleines Kind jedes Jahr wieder auf den Zettel schreibe), dass beim FCA selbst die Mitglieder, die Ihnen zustehenden Mitspracherechte (z.B. Plätze im Aufsichtsrat der KGaA) erhalten. Bei diesem Wunsch komme ich mir vor, wie der kleine Junge, der sich einen Traktor wünscht. Es wird ja doch nicht passieren. Vielleicht fangen wir dann mal damit an, dass nicht wieder hinter dem Rücken der Mitglieder Anteile an ausländische Investoren verkauft werden. Wertschätzung zeigt sich eben auch durch Transparenz und Offenheit. Davon wünsche ich mir mehr bei uns.

Identifikationsfiguren

Die erste Generation der Augsburger Identifikationsfiguren seit dem Aufstieg in die erste Liga ist mittlerweile komplett im Ruhestand angekommen. Daniel Baier war aus dieser Riege der letzte Recke, der die Fahne hoch hielt. Von diesen Identifikationsfiguren ist auch keiner mehr bei der U23 präsent.

Stellt euch vor ihr könntet diesen Kerl erneut in rot-grün-weiß jubeln sehen. Ich würde es feiern! (Photo by Sebastian Widmann/Getty Images)

Nachdem es für mich als Fan des FC Augsburg schon immer schwierig anzusehen war, wie Sascha Mölders in babyblau aufläuft, wünsche ich mir an dieser Stelle eine Rückholaktion. Mölders soll vor allem der U23 in der Regionalliga Bayern in den nächsten Jahren mit seiner Erfahrung weiterhelfen. In der allergrößten Not könnte er seinen Allerwertesten vielleicht auch in der Bundesliga erneut anschießen lassen. Mit Mölders bei der U23 würde mit Sicherheit auch der ein oder andere mehr sich die Zeit nehmen, den Jungs in der Rosenau den Rücken zu stärken. Mölders selbst könnte dann nach seiner aktiven Zeit direkt als Trainer im Jugendbereich beim FCA weiterarbeiten.

Der FCA hat in den vergangenen Jahren nicht immer eine gute Figur abgegeben, wenn es darum ging, gestandene Spieler im richtigen Rahmen zu verabschieden. Eine Rückholaktion wäre an dieser Stelle ein starkes Zeichen, dass die gestandenen Profis beim FCA eine Heimat haben, wenn Sie etwas beitragen können.

Soziales Engagement

Der FCA hat beim sozialen Engagement weitere Schritte nach vorne gemacht. Vor einigen Wochen wurde zum ersten Mal ein Bericht zu den entsprechenden Aktivitäten aufgelegt, zuletzt die geänderte Strategie vorgestellt. An dieser Stelle rufe ich laut: weiter so!

Der FCA wird auch in diesem Bereich kreative Lösungen finden müssen, um aus jedem Cent das meiste herauszuholen. Darin ist der Club ja prinzipiell ganz gut. Ich wünsche mir weitere kreative Aktionen, wie damals als man die Einnahmen aus dem Flock von Tobi Werner nach seinem Abschied spendete. Gregerls Flock-Einnahmen könnten an seine Stiftung gehen. Die Spieler könnten auf ihrer Spieltagskleidung ein Fleckchen Platz bekommen – um analog zur NFL-Aktion „My Cause My Cleats“ – auf eine Aktion ihrer Wahl hinzuweisen.

Ich glaube, der FCA ist hier grundsätzlich schon auf einem guten Weg. Ich wünsche mir, dass man hier trotzdem ordentlich weiter Gas gibt und nicht nachlässt.

Ungenanntes

Und damit kommen wir dann auch schon zum Ende meiner Wunschliste. Wie ich hier nun sitze und hadere, erwähne ich an dieser Stelle, dass mir auch ein anderer Wunsch immer wieder durch den Kopf geschwirrt ist. Schon des Öfteren habe ich hervorgehoben, dass ich naiv und blauäugig bin, wenn es um die sportlichen Möglichkeiten dieses Teams geht. Die Leistungen gegen Bayern, Stuttgart und Köln fördern nun auch einen weiteren Traum. Einen, der unter Markus Weinzierl schon mal erfüllt wurde. Die Abstände im Mittelfeld der Tabelle sind so gering wie selten nicht. Ich will es nicht benennen, aber ihr wisst, um was es geht. Und wenn nicht zu dieser Jahreszeit, das Träumen erlaubt ist, dann weiß ich auch nicht mehr. Vielleicht ist es auch einfach ein Jahr zu früh, um diesen Traum konkret zu benennen. Was ich mich zu sagen traue: es wäre doch toll, wenn nach 11 Jahren in der Bundesliga vielleicht bald nicht mehr der Klassenerhalt das oberste Ziel mehr wäre. Oh, wie schön wäre es. Vielleicht habe ich auch einfach den Kugeln zu lange beim Glitzern zugeschaut. Ist es nicht schön, wie uns der Fußball weiterhin aus der Realität entführen kann?

Einer für alle, alle für Einen

Dieser Text erschien zuerst in der Kolumne „Einwurf aus der Rosenau Gazette“ bei presse-augsburg.de.

Das Spiel gegen Bochum war nun sportlich nicht besonders ungewöhnlich. Oft sind wir diese Saison schon in Rückstand geraten, oft haben wir uns wieder versucht heran zu kämpfen, oft hat es nicht gereicht. Was derweil erneut irritiert hat, war die Leere im Stadion. Während Rolf Störmann zwar als Stadionsprecher vor Ort tätig war und auch das Ordnungspersonal erneut auf Mülltrommeln betätigte, ist dies nicht der Fußball, den ich liebe. Auf Grund der Coronapandemie und den damit zusammenhängenden politischen Vorgaben hatte das Stadion an diesem Spieltag zumindest in Augsburg leer zu bleiben. Was ein Scheiß!

Und entsprechend soll es heute seit längerem mal wieder nicht ums Sportliche gehen. Fußball ist ein Stadionsport. Er wird von den Akteuren auf dem Rasen für die Fans auf den Rängen gespielt. Die Interaktion zwischen Publikum und Spielgeschehen ist ein essentieller Bestandteil dieses kulturellen Erlebnisses. Auch nach vielen Monaten der Pandemie bleibt dies so. Auch wenn der professionelle Fußball vieles dafür tut, sich seine eigenen Grundlagen zu zerstören. Auch in Augsburg.

Faninteressen öffentlich nicht repräsentiert

Denn wenn in diesen Tagen davon gesprochen wird, dass mal wieder Spiele ohne Zuschauer stattfinden müssen, dann wird vor allem über die wirtschaftlichen Folgen für die Clubs gesprochen. Darüber dass millionenschwere Unternehmen mit ihren hochbezahlten Angestellten eventuell erneut über Gehaltsverzichte sprechen müssen. Den nächsten Transfer im zweistelligen Millionenbereich nicht tätigen können. Die Folgen auf die Strukturen der Fanszenen wird ausgeblendet und taucht selten bis gar nicht auf.

Im Zweifel für den TV Zuschauer. So ist leider mittlerweile das Prozedere. (Photo by Sebastian Widmann/Getty Images)

Fußball ist Heimat. Der gemeinsame Stadionbesuch ein gemeinschaftliches, soziales Erlebnis. Der Fußball schafft Erfahrungen, die den Zusammenhalt von Menschen fördern. In sozialen Strukturen, die gelitten haben in den letzten Monaten. Die aber auch – zumindest in Augsburg und initiiert vom UBT e.V. – vorbildhaft Betroffenen der Pandemie geholfen haben und weiterhin helfen. Fußball ist eben deutlich mehr, als das was auf dem Rasen passiert.

Der Support ist nicht selbstverständlich

Der Support von den Rängen wird dabei oftmals immer noch als selbstverständlich gesehen. Er soll immer, positiv und ohne eigene Ansprüche anzumelden, da sein. Und ansonsten die Klappe halten. Gerade in Augsburg hat so mancher Verantwortlicher vielleicht während des Stuttgart-Spiels eine volle Ulrich Biesinger Tribüne nicht so ganz zu schätzen gewusst. Diverse Spruchbänder wurden gehisst („JHV ist wie JVA… nur mit weniger Freiraum“, „Hofmann & Ströll: Ihr Heuchler!“, „Alles gut hier, keine Probleme? 50+1 gilt, Mitsprache garantiert, die FCA-Familie hält zusammen?“) und nahmen Bezug auf den Ausgang der Jahreshauptversammlung (JHV), bei der die Fanvertreter es nicht geschafft hatten, in den Aufsichtsrat des FC Augsburg e.V. gewählt zu werden.

Im Vergleich zum FC Bayern, und den Protesten über die Sponsoringverträgen mit Katar, ist es beim FC Augsburg immer noch ruhig. Die Ereignisse beim großen Nachbarn sollten allerdings zu denken geben. Der Graben zwischen Fans und ihren Interessen und Vereinen und dem System Profifußball wird immer größer und hatte schon vor der Pandemie dazu geführt, dass die Stadionauslastung insgesamt in der Bundesliga langsam nach unten ging. Die Einbeziehung von ausländischen Investoren hinter dem Rücken der Mitglieder und die Kommunikation in diesem Zusammenhang hat neben anderen Punkten auch in Augsburg einen Anteil daran.

Mitbestimmung hat ihre Berechtigung

Die Mitbestimmung der Fans ist dabei nicht nur ein nettes Gimmick. Sie ist über die Mitgliederbeteiligung und das 50+1 Konzept fest im deutschen Fußball verankert. Wenn man sich die Umsetzung des 50+1 Konzepts beim FCA anschaut, dann ist recht klar, dass wir über eine Feigenblattkonstruktion sprechen. Klaus Hofmann als Präsident und Investorenführer ist der alleinige Umsetzer der Vereinsinteressen. Im Aufsichtsrat der KGaA findet man keinen einzigen Vereinsvertreter.

Insofern ist die Anmahnung der Mitbestimmung von Fanseite legitim. Das man dabei auf Spruchbänder setzt, ist üblich und gehört zur Fankultur mit dazu. Prinzipiell sollte sich jeder freuen, wenn in Stadien Spruchbänder zu sehen sind (so lange sie sich im verfassungsrechtlichen Rahmen bewegen, #FCKNZS). Zu lange war dies schon nicht mehr der Fall. Zu viele wichtige Themen werden gerade von diesen Gruppen immer wieder in den Fokus gerückt (gerade momentan in Bezug auf die WM in Katar).

Diversität als ein Wert

An den Spruchbändern kam nun allerdings im Nachgang zum Spiel gegen Stuttgart auch Kritik auf. Unter dem Mantel, dass diese öffentliche Kritik durch die Fangruppen dem Verein schaden würde. Dies teile ich nicht. Die Pluralität von Meinungen wird dem Verein viel mehr nutzen. Der Club könnte sich proaktiv als eine Organisation positionieren, die eine solche Pluralität schätzt. Dies könnte ein wichtiger Teil unserer Identität sein, wie dies bei Union Berlin oder in St. Pauli der Fall ist. Dazu gehört allerdings auch, dass man ab und zu mal eine unliebsame Meinung aushalten muss und sich von dieser vielleicht auch zum Nachdenken anregen lassen darf.

Der Bundesligaball hat mehr Farben als die Gremienbesetzung beim FC Augsburg (Photo by Sebastian Widmann/Getty Images)

Kritisch sei an dieser Stelle dann auch erneut angemerkt, dass es mit der Diversität beim FC Augsburg dann auch noch nicht weit her ist. Keine der Gruppen hatte es zur Aufsichtsratswahl geschafft eine weibliche Kandidatin zu präsentieren (obwohl es fürwahr genügend sehr geeignete Kandidatinnen gäbe). Auch andere Bevölkerungsgruppen und wesentliche Teile des Fanspektrums des FCA sind in den Gremien bisher unterrepräsentiert. Weiterhin sei vermerkt, dass die Mitbestimmung nicht beim Aufsichtsrat des e.V. enden sollte. Mitgliedervertreter im Aufsichtsrat der KGaA wären aus meiner Sicht schon längst überfällig.

Das gemeinsame Interesse

Bei aller Streiterei über den Weg haben wir aber doch alle ein gemeinsames Interesse: unseren FCA. Und der ist dann auch gemeint, wenn es in der Überschrift heißt „Einer für alle, alle für Einen“. Gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit ist dies vielleicht auch ein Impuls, um Hände auszustrecken und Schritte aufeinanderzuzugehen. In Augsburg wissen die meisten, dass wir ohne Investoren und die rettende Hand gerade von Walther Seinsch nie dort wären, wo wir jetzt sind. Es geht dann grundsätzlich auch meist nicht um eine Generalkritik sondern Verbesserungen in einzelnen Punkten. Der gemeinsame Weg in den letzten 15 Jahren bleibt eindrucksvoll.

Das „Anfield auf dem Lechfeld“ ist allerdings kein Investorenwerk. Aus den größten Nächten unseres FCA werden mir vor allem die Choreografien und Gesänge in teils leeren Stadien z.B. nach Spielende in Liverpool in Erinnerung bleiben. Wer neben den Leistungen durch den FCA selbst, den Einfluss der Arbeit der Fanorganisationen und auch der Ultras klein reden und marginalisieren will, spielt aus meiner Sicht dann auch mit dem Feuer. Nicht so sehr, weil alles abbrennt, sondern, weil der Funke in Zukunft vielleicht nicht mehr überspringen mag. Weil gute Leute aufgeben, sich nicht gesehen fühlen, dem Projekt FCA den Rücken kehren. Die Zündkerze mag ein kleiner Teil des Autos sein. Aber ohne sie, geht es nicht.

Custom App
WhatsApp
WhatsApp
Custom App

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen