Nicht besser?

Dieser Text erschien zuerst in der Kolumne „Einwurf aus der Rosenau Gazette“ bei presse-augsburg.de.

Angsthasenfußball mag mancher beim FCA gerade erkennen. Eine taktische Ausrichtung, die den Event-dürstigen Zuschauern auf den Sofas in der Region Bayrisch-Schwaben so gar nicht gefällt. Wir müssten doch etwas mutiger agieren. Derweil der Auftritt gegen den BVB ja nicht hoffnungslos war. Und auch gegen Wolfsburg gute Kombinationen sich eingeschlichen haben. Gegen Dortmund ging die Mannschaft von Heiko Herrlich durch ein Tor von André Hahn sogar in Führung. Der Ausgleich nach Standard, der Führungstreffer durch Eigentor. Ja, Dortmund als auch Wolfsburg haben verdient gewonnen, aber der FCA hat es den beiden Branchenriesen doch manchmal schwer gemacht. Es waren keine dieser Tage, die einen als Fan komplett desillusioniert zurücklassen.

Die negativen Stimmen im Umfeld des FCA mehren sich derweil obgleich der etwas schleppenden sportlichen Entwicklung. Schon früher haben wir einen Blick darauf geworfen, wie Heiko Herrlich Fußball spielen will und ob aus meiner Sicht am Trainer gezweifelt werden sollte. In der Zwischenzeit habe ich nun eine These im Internet vernommen, der ich gerne auf den Grund gehen möchte. Diese lautet: “Herrlich macht die Spieler nicht besser”. Die Sorge dabei gilt dann wohl den akuten sportlichen Ergebnissen als auch den zukünftigen Transfererlösen. Der FCA ist darauf angewiesen Spieler auch wieder zu einem höheren Preis zu verkaufen, um die weitere sportliche Entwicklung zu finanzieren. Wenn dem so wäre, dass unter Heiko Herrlich Spieler sich nicht fortentwickeln würden, dann hätten wir somit ein echtes Problem.

Heiko Herrlich hat auch Entwicklungen angestoßen, die ein Lächeln erlauben (Foto: Alex Gottschalk/POOL via Imago)

Kurz habe ich mir überlegt, diese Behauptung zu ignorieren und nur in meinem Kopf laut “Bullshit” zu rufen. Nachfolgend möchte ich die These an Hand einiger Beispiele trotzdem widerlegen. Ich glaube, dass dies wichtig ist, um Heiko Herrlichs Arbeit momentan richtig beurteilen zu können. Und bevor wir auf die Spieler eingehen, die meiner Ansicht nach unter Heiko Herrlich einen deutlichen Sprung gemacht haben, räumen wir vielleicht die Gegenbeispiele aus dem Weg. Daniel Caligiuri und Rafal Gikiewicz kamen schon mit einer enormen Qualität. Offensichtlich besser sind sie nicht geworden. Auch Florian Niederlechner und Alfred Finnbogason haben genau wie Michael Gregoritsch nicht offensichtlich noch an Qualität zugelegt. Bei Gregerl wäre eine Rückkehr zu alter Stärke wünschenswert gewesen. Bei den anderen genannten Spielern ist zumindest aus Sicht der Transfererlöse keine große Steigerung mehr zu erwarten gewesen. Und ja auch ein Rani Khedira oder Jeffrey Gouweleeuw haben eher abgebaut als zugelegt. Es kann aber halt auch nicht bei allen immer nach oben gehen.

Aber schauen wir doch mal auf die Gewinner im Team des FCA, die unter Heiko Herrlich so richtig aufblühen. An erster Stelle steht hier für mich Felix Uduokhai. Uduokhai kam in der gesamten abgelaufenen Saison auf knapp 2000 Einsatzminuten. So viele hat der diesmal schon nach 2/3 der Saison gesammelt. Uduokhai ist der Durchbruch gelungen. Er ist nicht nur mittlerweile absoluter Bundesliga-Stammspieler sondern Leistungsträger. Nicht umsonst durfte er die Augsburger Elf in Jeffs Abwesenheit als Kapitän aufs Feld führen. Und wurde für die Nationalmannschaft nominiert. Es will mir ja wohl hoffentlich keiner Erzählen, dass Heiko Herrlich hieran keinen Anteil hatte.

Felix Uduokhai hat eine eindrucksvolle Entwicklung genommen (Foto via Imago)

Vielleicht bleiben wir dann auch mal kurz bei der Abwehrreihe des FCA. Hier hatte Heiko Herrlich bis zum Wolfsburg-Spiel auf eine 3er Kette umgestellt. Ich mochte diese Systemumstellung prinzipiell. Sie hatte aber auch einen Spieler in die Startelf gespült, den ich dort vor der Saison nicht vermutet hätte. Die Rede ist von Reece Oxford, dessen Zeit in Augsburg mit dem ein oder anderen Lapsus in der Verteidigung startete. Die Unsicherheiten hat Reece wohl mittlerweile abgelegt und sich seinen Platz redlich verdient. Er wirkt wie ein erfahrener Bundesliga-Recke der mit seiner Athletik viele Duelle für sich entscheiden kann. Ich war von diesem Transfer nicht überzeugt, aber Reece zeigt es seinen Zweiflern gerade. Natürlich mit der Hilfe von Heiko Herrlich.

Dazu gibt es zwei Stammspieler in diesem Jahr, die den Sprung mit Bravour gemeistert haben. Nach den Abgängen von Philipp Max und Daniel Baier stellte sich die Frage wer auf der 6er-Position und links hinten in die Bresche springen würde. Sowohl Iago als auch Carlos Gruezo hatten ihre Bundesligatauglichkeit noch nicht dauerhaft unter Beweis gestellt. Hier sind wir nach einer halben Saison deutlich schlauer. Beide machen ihre Sache ordentlich und haben im Vergleich zur letzten Saison einen Sprung gemacht. Beide mag man sich aus der Stammelf momentan nicht wegdenken. Natürlich hat auch hier Heiko Herrlich sein Händchen wieder im Spiel.

TIm Civeja, hier im im Zweikampf mit Jude Bellingham, sorgt momentan für Augsburger Träume hinsichtlich des nächsten Nachwuchs-Juwels (Foto David Inderlied/Kirchner-Media/pool via Imago)

Kommen wir zu einem letzten Spieler, den ich an dieser Stelle herausheben will. FCA-Eigengewächs Tim Civeja wird gerade ja doch ein bisschen gehypt. Nachdem er in der Hinrunde länger verletzt war, feierte er mittlerweile sein Bundesliga-Debüt und durfte nun gegen Dortmund und Wolfsburg auch mal ein paar Minuten länger ran. Civeja steht damit in einer Reihe mit Raphael Framberger, Kevin Danso, Simon Asta und Marco Richter. Es wird sich zeigen, ob er langfristig das Zeug zum Bundesliga-Profi in Augsburg hat. Dass er nun aber überhaupt debütieren durfte und langsam an die Bundesliga herangeführt wird, liegt – mal wieder – an Heiko Herrlich.

Und da mag ich doch abschließend in die Runde fragen: Wer glaubt immer noch, dass Heiko Herrlich keinen Spieler besser gemacht hat? Es scheint im Gegenteil so zu sein, dass Herrlich ein recht gutes Händchen gerade für die jüngeren Spieler hat, was perspektivisch für den FCA wichtig ist. Neben den alten Recken sind es eben dann doch recht viele junge Talente, die beim FCA gerade ran dürfen. Diese Hoffnung auf die Jugend dürfte auch gerne mehr Euphorie auslösen. Dafür wird dem ein oder anderen Jungspund manchmal die Konstanz fehlen und Herrlich hoffentlich geschickt rotieren. Wenn wir allerdings mit diesem Team die Klasse halten und weiter darauf aufbauen können, dann wird mir auf Grund der Entwicklungsperspektiven nicht Bange. Und das sage ich als alter Herrlich-Kritiker. Ich glaube doch, Herrlich und Reuter sind hier gerade an etwas dran. Und übe mich selbst in Geduld. (Und glaubt mir, es fällt auch mir nicht leicht.)

Wer bringt uns in der Rückrunde auf die Gewinnerstraße?

Taktik, Fitness, Einstellung – alles schön und gut. Am Ende stehen 11 Männer auf dem Platz, um ein Fußballspiel zu gewinnen. Und von diesen müssten in der Rückrunde einige deutlich mehr spielentscheidende Momente liefern, damit am Ende mehr Punkte resultieren. An einem kühlen Wintertag fragt man sich da schon, wer von den Spielern sich in der Rückrunde so steigern können soll. Robert Götz von der Augsburger Allgemeinen zog seine eigenen Schlüsse, nachdem er die Mannschaft nach Alicante begleitet hatte.

/An dieser Stelle eine klare Empfehlung Roberts Beiträge auf der Seite der AZ zu lesen. Er hat viele relevante Gespräche u.a. mit Manuel Baum, André Hahn und Stefan Reuter geführt, die interessante Einblicke bieten./

Aber zurück zum Thema. Nachdem ich auch gerne etwas spekuliere, hier meine Tipps je Positionsgruppe, wer sich beim FCA in der Rückrunde hervortun wird:

Tor

Gregor Kobel wurde nicht zum Spaß von der TSG Hoffenheim bis zum Saisonende ausgeliehen. Er durfte im Testspiel gegen Antwerpen 60 Minuten ran und wird meiner Meinung nach als neue Nummer 1 des FC Augsburg in die Rückrunde gehen. Robert Götz glaubt, dass Andreas Luthe wechselt und Fabian Giefer wieder ins Tor rückt. Gegen Fabian Giefer im Tor würde ich wetten. Als bisher einziger Neuzugang wird aus meiner Sicht Gregor Kobel direkt die Chance bekommen, uns einige Punkte festzuhalten. Ich bin hoffnungsfroh und erwarte große Dinge.

Abwehr

Die Abwehr hatte eine feste Stammbesetzung in der Hinrunde – zumindest auf drei von vier Positionen. Philipp Max war links hinten gesetzt, genau wie in der Mitte Jeffrey Gouweleeuw und Martin Hinteregger. Nur rechts gab es immer mal wieder Wechsel, wenn Johnny Schmid und Raphael Framberger sich gegenseitig ablösten. Das könnte mit Beginn der Rückrunde dann auch vorbei sein. Raphael Framberger ist der Rechtsverteidiger, der mit seiner Dynamik einen deutlicheren Einfluss aufs Spiel nehmen kann. Johnny Schmid muss evtl. in der Mitte aushelfen. Frambo erobert sich hoffentlich die Stammposition und feiert endgültig seinen Durchbruch in der ersten Liga. Joker in der Abwehr wird evtl. Kevin Danso. Nachdem Jeffrey Gouweleeuw momentan angeschlagen ist, bekommt Kevin wohl zu Beginn der Rückrunde die Chance von Anfang an. Kann er sich festspielen? Ich sehe dauerhaft Gouweleeuw/Hinteregger vorn, aber wer weiß.

Mittelfeld

Daniel Baier und Rani Khedira sind – wenn fit – genauso gesetzt, wie Michael Gregoritsch in der Abwesenheit von Ja-Cheol Koo, der noch bei den Asienmeisterschaften weilt. Nur auf den Außenbahnen gibt es quasi keine festen Größen mehr. Caiuby hat das gesamte Trainingslager durch Aufenthalt in Brasilien verpasst, während André Hahn nach seiner Rückkehr im Sommer noch nicht richtig in Tritt kam. Auch Fredrik Jensen ist verletzungsbedingt noch nicht wirklich in Augsburg angekommen. An dieser Stelle werde ich meine Prognose wiederholen, dich ich schon vor der Saison äußerte. Marco Richter wird eine außerordentliche Rolle spielen und alle Möglichkeiten haben, so richtig durchzustarten. Ich gebe zu, ich bin ein Fanboy, und erwarte Torgefahr, Vorlagen und Tore. Wenn ein Trikot diese Saison, dann ein Richter-Trikot. LIT IT UP, Marco.

Sturm

Eigentlich brauchen wir nur einen Stürmer, der fit ist und Tore schießt. Alfred Finnbogason sieht momentan so fit aus wie lange nicht. Allerdings fällt er häufig verletzt aus. Julian Schieber ist mal wieder verletzt und die Hoffnung auf Dong-Won Ji auch nach seiner Rückkehr von den Asienmeisterschaften beschränkt. Da bleibt am Ende nur noch ein Spieler übrig, in den ich mine Sturmhoffnung packe: Sergio Córdova. Er schien am Ende der Hinrunde so richtig in Schwung zu kommen. Ich hätte ihn da schon gerne länger gesehen. Die Rückrunde ist prädestiniert für ihn, um so richtig durchzustarten, auch wenn er schon wieder angeschlagen ist. Ansonsten könnte es beim nächsten Finnbogason Ausfall schon wieder problematisch werden.

Insgesamt haben wir in unserem Kader einen ganzen Haufen Spieler, die ihre volles Potential noch lange nicht ausgeschöpft haben. Wenn nur 1-2 der oben genannten in der Rückrunde richtig zulegen, dann ist schon viel gewonnen. Ich freue mich langsam aber sicher darauf, dass es wieder losgeht, um mit unseren Jungs mitzufiebern. Mit wem fiebert ihr ganz besonders in der Rückrunde?