Von Grindavik in die Fuggerstadt

Grindavík ist eine Stadt in West-Island mit ca. 2.500 Einwohnern. In Island geht das nach Aussage von Alfreð Finnbogason schon als Großstadt durch. In der Woche vor dem Spiel gegen Borussia Mönchengladbach, in dem Alfreð immer noch auf Grund einer Wadenverletzung fehlte, unterhielt er sich mit mir über seine Heimat und einige der Dinge, die er in seiner langen Profikarriere gelernt hat. Einem, dem in Königsbrunn mit seinen 30.000 Einwohnern schon die Decke auf den Kopf fiel, begreiflich zu machen, wie es ist aus Island zu kommen und dort zu leben, ist dabei als Aufgabe an sich nicht zu unterschätzen. Wenn man allerdings wie ich, vieles in seinem Leben an der Qualität seiner zwischenmenschlichen Beziehung fest macht, dann ist Island sicher eine Reise wert, wenn alle Menschen dort so freundlich und offen sind wie Alfreð selbst.

Zusammen durch Island

Wenn wir in Island einen Tag zusammen verbringen würden, dann ginge es vom Flughafen zur Blue Lagoon. “Das sind ja nur 10 Minuten vom Flughafen. Von dort würden wir weiter fahren zur Hallgrímskirkja mitten in Reykjavik. Da hat man einen tollen Blick. Das ist auch ein Klassiker. Und von da aus dann auf die Hauptstraße in Island und erst einmal kurz zum Hafen. Wenn man dann noch Zeit hat, dann ginge es zum Geysir, wo das Wasser in einer Fontäne aus dem Boden aufsteigt. Das kann man an einem Tag schaffen und es wäre ein guter Tag.”

Mit dem Fahrrad ein zu umfangreiches Programm für Alfred und mich, wenn wir gemeinsam durch Island touren. Auch beim Wetter ist nicht zu viel Zuversicht angesagt. Aber Spaß hätten wir gemeinsam einigen. (Foto via Imago)

Alfreðs Familie besitzt ein Unternehmen, das im Fischfang und der Fischverarbeitung tätig ist. “Die meisten Menschen wohnen an der Küste. Die Fischindustrie ist wohl immer noch die Hauptindustrie in Island.” erläutert Alfreð in unserem Gespräch. Fisch isst er selbst immer noch am Liebsten. Wenn er die Wahl hat, dann vor allem isländischen Hummer. “Da muss man Glück haben, das man mal einen bekommt. Die Lieferkette von Fisch nach Süddeutschland ist eher länger. Guter Fisch ist teurer und schwerer zu bekommen”. So wie ich als Kind durch den Hühnerstahl meiner Urgroßeltern gestapft bin, ist Alfreð mit Fisch aufgewachsen.

Bolzplatz Held

Essen würden wir gemeinsam sicher hervorragend. “Im Urlaub esse ich fast täglich Fisch, weil er sehr sehr gut und frisch ist. So bin ich auch aufgewachsen.” Und übernachten würden in Grindavik” scherzt Alfreð selbst während des Interviews “um am nächsten Tag noch mehr Zeit zu haben.” Neben dem Salzfischmuseum könnten wir dann vielleicht auch bei Alfreðs Home Turf vorbei schauen. “Da müssten wir zu der Schule, auf die ich im Alter zwischen 11 und 16 Jahren gegangen bin. Ein Hartplatz. Kleine Tore. Dort habe ich die meiste Zeit verbracht. Und immer wenn ich zu Hause Langeweile hatte, bin ich 5 Minuten dort hin gegangen und habe dort alleine oder mit Freunden gespielt. Gute Zeiten! So einen Platz muss man haben, um die Basis zu lernen und zu spielen”.

Kulturell ist Island sowohl geprägt von europäischen als auch amerikanischen Einflüssen. Björk macht für Alfreð eher Musik für ältere Menschen. Das Wikinger Klischee ist daneben wahrscheinlich genau so ausgelutscht, wie jeder Verweis, den man als Deutscher aufs Oktoberfest im Ausland erleiden muss. Alfreð ist bekennender Oasis Fan. Seine Jugend verbrachte er weniger in der Natur als auf dem Bolzplatz. Fünf gegen fünf. Immer wieder und aus Spaß an der Sache. Die Natur hat er erst später zu schätzen gelernt, seit er Urlaub in Island macht. “Was ich am besten finde, sind die warmen Quellen. Dorthin muss man teilweise eine Stunde wandern. Aber dort bin ich gerne und es ist sehr entspannt.” Björk und das Wetter vermisst er immer noch nicht. Seine Träume sind andere: “Es ist immer noch meine große Hoffnung, dass Oasis wieder zusammen kommt und ein Konzert spielt, bei dem ich dabei sein kann.”

Die Grundlagen gelernt auf dem Bolzplatz seiner Schule. Die Muskeln entspannt in einer heißen Quelle. (Foto: Christian Kolbert via Imago)

Aus Rückschlägen gelernt

Aus Island wegzugehen war dabei nicht immer leicht. Erste Erfahrungen hat Alfreð in diesem Zusammenhang gemacht, als er noch während der Schulzeit für sieben Monate zu einer Gastfamilie nach Sardinien zog. “Die Sprache nicht zu können, ist anstrengend. Immer im Kopf übersetzen zu müssen. Es dauert immer eine gewisse Zeit bis man die Sprache lernt. Wenn ich isländisch spreche mit meiner Familie und meinen Freunden, dann muss ich gar nicht nachdenken. Wenn man eine fremde Sprache spricht, dann muss man immer nachdenken. Es kostet viel Energie. Und die ersten paar Monate in einem neuen Land, spürt man die Müdigkeit, weil man immer nachdenken muss. Das ist der größte Teil.” Daneben kennt man sich in Island, wie in einem kleinen Dorf, und es ist sehr sicher. Die Polizei trägt keine Pistolen. In Italien gab es in der Klasse genau einen Schüler mit dem er sich auf englisch verständigen konnte. “Ich konnte auch viel besser englisch als der italienische Englischlehrer. Das war ganz witzig.” Daneben war Sardinien eine wunderschöne Insel mit den schönsten Stränden in Europa. Alfreð hat dann eben viel Zeit investiert, um selbst italienisch zu lernen und den Anschluss zu finden. Sonst hätte ihn am Wochenende vielleicht niemand mit zum Strand genommen.

Auch der Durchbruch im Profifußball war kein einfacher. Auf seiner ersten Profistation in Lokeren war der Beginn famos, bevor es dann schnell schwierig wurde. “Ich dachte, dass ich sehr gut vorbereitet wäre. Aber es gibt wenig, was dich darauf vorbereitet, in einem anderen Land alleine zu sein ohne Freunde und Familie, wenn es fußballerisch nicht läuft. Ich war jung und ehrgeizig und wusste nicht, was richtig und falsch ist. Ich hätte mir mehr Unterstützung gewünscht, aber das war sehr lehrreich. Das war meine schwierigste Zeit als Profi. Ich kam und in den ersten 4-5 Spielen ging es richtig gut und zwei Monate später war ich nicht mehr im Kader. Es ging sehr schnell in beide Richtungen. Wenn es läuft muss man bodenständig bleiben und ruhig, weil es kann zum Beispiel mit Verletzungen und neuen Trainern so schnell in eine andere Richtung gehen.” Eine der wichtigsten persönlichen Lernerfahrungen von Alfreð, war es in den vielen Jahren mit Rückschlägen umzugehen zu lernen. In Schweden und auch in den Niederlanden konnte er dann wieder mit seiner Treffsicherheit glänzen.

Glück muss man sich erarbeiten

Nach mittlerweile über 10 Jahren, die er außerhalb von Island Fußball spielt, ist Alfreð die Rolle von Glück bewusst. Es wird ihm im Fußball zu schnell geurteilt, ob jemand gute oder schlechte Arbeit leistet. “Menschen gehen unterschiedlich damit um, wenn es nicht läuft. Ausschlagend ist doch, wie du mit diesen schlechten Phasen umgehst. Wie du da weiter arbeitest. Im Fußball wird oft auf das Ergebnis geschaut und es wird vergessen, was dahinter steckt. Wenn du erfolgreich bist, dann ist es egal wie. Wer Erfolg hat, hat Recht. Und das ist für mich nicht immer richtig. Es gibt für mich schon eine richtige Art die Dinge zu machen. Professionell und mit Respekt”. Derweil gilt aber auch: kein Erfolg ohne harte Arbeit. “Klar, wenn es läuft, dann läuft es. Aber ich glaube nicht zu viel an Glück. Glück muss man sich auch erarbeiten. Aber Kleinigkeiten entscheiden oft, ob man nach einem Spiel der Held oder der Depp ist. Nur mit der Hoffnung auf Glück wird man nicht erfolgreich.” Das er an sich arbeitet und immer lernen will, erkennt man auch daran, dass er ein abgeschlossenes Sportmanagement Studium hat. Und wir das Interview in fließendem Deutsch führen können.

Bescheiden bleiben und hart arbeiten. Dann kommt das Abschlussglück zurück. Alfred hat gelernt, mit schwierigen Situationen umzugehen. (Foto via Imago)

Seit mittlerweile über 5 Jahren ist Alfreð nun in Augsburg und hat ein Faible für unsere grünen Trikots. “Ich habe mich immer gut in grün gefühlt” gibt der Profi eine gewisse emotionale Verbundenheit zu. Das Grün unserer aktuellen Auswärtstrikots entspricht genau dem Grünton im Wappen von Breiðablik Kópavogur, der ersten fußballerischen Station Alfreðs im Erwachsenenbereich. Die weiteren Vereinsfarben von Breiðablik Kópavogur sind übrigens – welch Zufall – rot und weiß. Die beiden Bedeutungen des Spitznamens Blikar, den die Mannschaft von Breiðablik Kópavogur laut Wikipedia trägt, waren Alfreð dagegen nicht bekannt. Die eine ist “die Glorreichen”, die andere “die Enten”. Wer darin im Moment nicht die Mannschaft des FC Augsburg wiedererkennt, dem ist auch nicht mehr zu helfen.

Vorbild und Führungsspieler

Am Ende des Gesprächs habe ich nicht nur Island besser kennen gelernt. Ich glaube auch, einen soliden Eindruck von Alfreð Finnbogason selbst erhascht zu haben. Als Rekordtorschütze unseres verehrten Clubs in der Bundesliga (35 Tore bis dato) strahlt er ein natürliches Selbstbewusstsein in seine Fähigkeiten aus. Er weiß, wie er mit schweren Phasen umzugehen hat und dass er sich über harte Arbeit das Glück zurückerobern kann. Und bleibt dabei immer bescheiden.

Ihr erahnt es vielleicht: Alfred Finnbogason ist ein Typ, den ich auch persönlich gerne mag. Er ist halt einfach ein dufter Kerl. (Foto via Imago)

Die Zeit für das Interview ist verflogen. So viele Fragen verbleiben auf meinem Zettel. Was hat es mit dem isländischen “ð” auf sich? Über seine Zeit in Schweden, wo auch ich ein Jahr verbrachte, konnten wir gar nicht sprechen. Gibt es Ähnlichkeiten in der Kultur, die es ihm dort leichter gemacht haben, durchzustarten? Wo sollte man in San Sebastian essen gehen? In welchem Umfeld fühlt er sich grundsätzlich am wohlsten und was wird er irgendwann aus Augsburg mitnehmen? Aber wer wird von Abschied sprechen wollen. Ein Mensch wie Alfreð Finnbogason ist eine Bereicherung für jedes Team. Wenn wir von Gerüstspielern sprechen, dann ist er jemand, bei dem sich junge Profis viel abschauen können. Hoffentlich noch lange. Ich werde in Zukunft noch genauer hinschauen, gerade wenn wir wieder mal in grün antreten.

Jan Morávek über seine Heimat

Es ist der Montag vor dem Spiel gegen RB Leipzig. Ich bin in Augsburg, weil mein Bruder tags zuvor seinen 30. Geburtstag gefeiert hatte und hoffe auf einen Interviewtermin mit Jan Morávek. Ob das Interview zustande kommt, hängt vom Trainingsplan ab. Montags ist eigentlich trainingsfrei, doch Dirk Schuster hat ein Einsehen mit mir und beordert seine Spieler auf den Platz. Das nächste Spiel steht schon am Freitag an. Keine Zeit für einen freien Tag. Welch ein Glück. Nachmittags betrete ich die Geschäftsstelle im Stadion und warte geduldig im Pressekonferenzraum, bis Jan für mich Zeit hat. Wir begrüßen uns per Handschlag und ich gratuliere kurz zu seinem Einsatz gegen Bayer 04 Leverkusen. Heute soll es aber nicht um die Geschehnisse auf dem Platz gehen. Jan wirkt ruhig, gut gelaunt und hat sich bereit erklärt mit mir über seine Heimat zu sprechen.

Andreas Riedl (AR): Du kommst aus Prag, korrekt?

Jan Morávek (JM): Stimmt.

AR: Wie nennt sich der Stadtteil aus dem Du kommst? Ist das Prag IV? Was ist das für ein Stadtteil?

JM: Stimmt. Das ist nicht direkt im Zentrum oder bei der Altstadt. Der Stadtteil liegt etwas außerhalb, aber mit der U-Bahn ist man in 10 Minuten auf dem Veticlav Platz. Und wenn man aus Prag rauskommen will, geht das von hier aus auch schnell. Es ist einfach schön da zu wohnen.

AR: Was wohnen dort für Menschen?

JM: Prag VII ist dafür bekannt, dass dort ärmere Menschen wohnen. In Prag IV wohnen ganz normale Prager.

AR: Kneipen, Restaurants, Geschäfte?

JM: Es gibt schon Möglichkeiten gut zu essen, aber wenn man wirklich besonders gut essen will, dann muss man ins Zentrum fahren. Im Viertel gibt es Möglichkeiten zu studieren, es gibt Schulen, ein Gymnasium. Im Prinzip  ist alles da, was man im Alltag benötigt.

AR: Du hast ja in deiner Jugendzeit auch komplett bei Bohemians Prag gespielt. Ist das da in dem Viertel?

JM: Mein Verein liegt in Prag X, aber Prag X liegt direkt neben Prag IV. Es war für mich natürlich praktisch, dass ich mit der Straßenbahn in 15 Minuten im Stadion war. Da habe ich auch das Gymnasium besucht, direkt gegenüber vom Stadion. Ich war vormittags im Gymnasium und nachmittags hatte ich einen individuellen Lernplan. Nachmittags hätte ich eigentlich auch in der Schule sein sollen, aber ich habe nachmittags immer trainiert. Ich bin also einfach nur über die Straße gegangen. Wenn am Vormittag Training war, war ich 2 Stunden bis 10 Uhr in der Schule und um 10 Uhr war ich auf dem Platz. Bei Training am Nachmittag war es umgekehrt. In nicht mal 5 Minuten war ich vom Klassenzimmer aus in der Kabine.

AR: Du hast ja dann auch im Ďolíček Stadion gespielt. Würdest Du dieses Stadion als dein Heimatstadion bezeichnen?

JM: Auf jeden Fall. Bohemians spielt immer noch seine Heimspiele im Ďolíček Stadion. Trotzdem gibt es immer wieder Diskussionen, wem das Stadion gehört. Es geht viel um Geld. Fast jedes Jahr gibt es Theater, ob Bohemians dort spielen darf oder ob sie woanders spielen müssen. Aber diese Saison spielen sie im Ďolíček Stadion. Es ist mein Heimatstadion, auch wenn ich dort nicht so viele Spiele gemacht habe. Vielleicht 30 Spiele, weil ich nur 3 Jahre für die Herrenmannschaft gespielt habe, aber in meiner Jugendzeit war es ein Traum da zu spielen. Mit 6 Jahren habe ich bei Bohemians angefangen, mit 17 habe ich mein erstes Spiel für die Herrenmannschaft gemacht, da bedeutet dieses Stadion viel für mich.

AR: Mit welchem Stadion in Deutschland würdest Du es am ehesten vergleichen?

JM: Poah…

AR: Ich habe Fotos gesehen und es ist schwierig.

JM: Es ist richtig schwierig. Da passen ja nur ca. 7000 Menschen rein, oder so.

AR: Es haben ja früher viel mehr reingepasst. So knappe 20.000. Es sieht ein bisschen wie in Fürth aus, bevor dort die Tribünen aufgestellt wurden, finde ich.

JM: Kann sein, ja ja…

AR: Gut, die weiß-grünen Trikots…

JM: …die passen auch, richtig.

AR: Die Abweichung kommt dann beim Känguru. Was hat es damit auf sich?

JM: Es ist das Symbol des Vereins. Bohemians war in der Vergangenheit, ich weiß nicht genau wann, in Australien. 1905 wurde der Club gegründet und bald danach sind sie zu einem Turnier nach Australien geflogen und dort haben Sie das Känguru von einer australischen Mannschaft geschenkt bekommen (1927, Anm. d. Red.). Seit dieser Zeit ist das Känguru das Wappentier des Vereins.

AR: Bei Bohemians hast Du dann in der Herrenmannschaft gespielt, hattest dann Probetrainings bei Schalke, bevor dich Schalke verpflichtet hat. Was hast Du Dir damals dann gedacht in der ersten Zeit, nachdem Du aus Deinem Umfeld in Prag weggezogen bist, weg von der Heimat im Alter von 19 Jahren?

JM: Es war schon echt schwer. Wenn du da sitzt, und du hast die Möglichkeit bei so einem Verein einen Vertrag zu unterschreiben, ist das schon geil. Aber du hast gar keine Ahnung, was auf dich zukommt. Ich war 19, es ist so ein riesiger Schritt und dann sind die ersten Wochen echt schwer. Es wartet eine komplett neue Welt mit einem riesigen Verein, der für dich fast alles machen würde. Du bekommst ein Auto, bist erst in einem 5 Sterne Hotel, dann in einer Wohnung, Deutschunterricht, komplett neue Kabine, Felix Magath dazu. Du sprichst nicht gut deutsch, aber auch nicht super englisch. Die einfachen Sachen schaffst du schon alleine, aber du musst dich irgendwie organisieren. Man kann sich in der Kabine nur ein bisschen unterhalten. Es ist schon richtig schwer. Die ersten Tage waren mehr ein Erlebnis. In eine Kabine zu kommen, in der Kuranyi, Neuer, Rakitic, Halil (Altintop, Anm. der Red.) sitzen, das war schon ein geiles Gefühl. Aber nach ein paar Wochen, nach einem anstrengenden Trainingslager, wo du unter Magath einfach komplett platt warst, da kommen natürlich Tage, wo du dich fragst: War das ein guter Schritt, das zu machen? Wäre es nicht besser zu Hause mit der Familie, mit deinem Verein, wo sie dich schätzen. Ich habe dort von null angefangen, komplett ohne Namen. Das war schon richtig schwer. Aber es wäre zu einfach, nach einem halben Jahr aufzugeben und zu sagen: Sorry, war vielleicht der falsche Schritt, ich gehe doch wieder nach Hause. Aber ich glaube, so geht es vielen Ausländern, die in ein anderes Land gehen. Sie haben dieses Gefühl, dass sie alleine  sind. Ich hatte wirklich Glück, dass Tereza (seine heutige Frau, Anm. der Red.) die ganze Zeit bei mir war. Das war echt eine sehr große Unterstützung. Sie hat sich um viele Dinge gekümmert, Möbel ausgesucht, gekocht. Ich kann sagen, dass ich es ohne Tereza nicht geschafft hätte.

AR: Sie ist dann auch mitgekommen damals?

JM: Ja.

AR: Felix Magath hat ja auch die Sprachkurse vorangetrieben, wenn ich das richtig gelesen habe. Er hat auch gefordert, dass neue Spieler deutsch lernen?

JM: Ja, wir haben einfach per SMS die Termine bekommen, wann in der Woche Deutschunterricht ist. Zwischen Trainingseinheiten oder nach dem Training war 2 oder 3 mal pro Woche 1 Stunde Unterricht. Erstmal die fußballerischen Begriffe und dann auch ein bisschen Grammatik dazu. Ich kann nur sagen, dass ich regelmäßig hingegangen bin, aber die Südamerikaner, die hatten nicht so viel Bock.

AR: Würdest Du sagen, dass es im Nachhinein wichtig war, sofort mit der Sprache anzufangen jetzt auch für die Zukunft? Du bist ja mittlerweile seit 7 Jahren in Deutschland…

JM: Ja, auf jeden Fall. Wenn ich sehe wie wichtig das mit der Sprache ist, dann war es für mich schon gut, dass ich im Gymnasium schon ein bisschen deutsch gelernt hatte. Aber jeder Deutsche weiß das schon zu schätzen, wenn man es wenigstens probiert. Wenn du längere Zeit in Deutschland bist und immer englisch sprichst, dann bist du schon ein bisschen faul. Es ist auch eine verpasste Chance. eine neue Sprache zu lernen. Es macht nicht riesig Spaß zu Hause ein Heft zu öffnen und zu lernen, aber danach ist es ein schönes Gefühl, wenn Du im Ausland bist und du kannst dich mit den Menschen ganz normal unterhalten.

AR: Als du nach Schalke gekommen bist, bist du sicher auch noch regelmäßig in die Heimat zurückgereist. Hat das jetzt abgenommen und bist du jetzt weniger in der Heimat als früher?

JM: Nein, vielleicht ein bisschen. Am Anfang war das Gefühl, dass ich meine Heimat vermisse, einfach extrem. Es war schon ein bisschen brutal. Wir sind immer 800km mit dem Auto gefahren. Mit Magath war es nicht möglich zu wissen, wann man die freien Tage bekommt. Flüge wären von Düsseldorf nach Prag zu teuer gewesen. Wir sind immer an einem Tag 800km gefahren. Dann waren wir einen ganzen Tag zu Hause und danach sind wir wieder 800km zurückgefahren. Das haben wir am Anfang immer gemacht, wenn ich 2 Tage am Stück frei hatte, ca. einmal in 6 Wochen. Auch jetzt, wenn wir 2 Tage frei haben, fahren wir nach Prag und bleiben 1,5 Tage dort. Aber von hier sind es nur 3,5 Stunden.

AR: Was machst du in Prag? Du bist bei deiner Familie, du triffst Freunde. Was sind die Dinge, die du abseits von Personen nur in Prag machen kannst, weil sie besonders und speziell sind?

JM: Einfach dieses Gefühl zu Hause zu sein mit den Eltern, der Schwester, dem Schwager. Zusammen in Ruhe Essen zu gehen, der Blick auf die Prager Burg. Wenn Bohemians spielt, gehe ich ins Stadion, wenn es zeitlich passt. Und auf jeden Fall ins Kino. Einfach in Ruhe Filme in der Muttersprache genießen. Hier gehen wir auch ab und zu ins Kino, aber es ist schon etwas anderes. Hier musst du dich zwei Stunden auf die Sprache konzentrieren und übersetzen und wir schauen nur einfachere Filme. Bei den Besuchen ist es aber das wichtigste, die Familien zu sehen.

AR: Ich war noch nie in Prag. Was sollte ich mir anschauen?

JM: Auf jeden Fall die Altstadt. Eine gute Kneipe im Zentrum, in der es gutes Bier gibt. Das ist gar kein Problem. Es gibt einen Turm namens Petřín, von dem man einen schönen Blick auf die ganze Stadt hat. Das lohnt sich. Vielleicht zum Eishockey. Fußball kann ich nicht so empfehlen. Es ist nicht so viel Qualität in der Liga, da ist es vielleicht besser zum Eishockey zu gehen.

AR: Gibt es Dinge, die man in Prag meiden sollte?

JM: (Lange Pause)

AR: Es ist ja schön, dass einem zu seiner Heimatstadt nicht sofort etwas einfällt, das man nicht tun sollte.

JM: Man muss echt auf seine eigenen Sachen aufpassen. Handy, Geldbeutel und bisschen teurere Sachen, weil es ab und zu gefährlich ist.

AR: Ist dir das schon mal selber passiert?

JM: Nein, nein. Aber es steht wirklich überall wo du fährst, in der U-Bahn, Straßenbahn. Überall sind die Schilder, dass man auf seine Habseligkeiten aufpassen soll.

AR: Also wie auf dem Oktoberfest?

JM: Ja, ja, ganz genau.

AR: Wenn ich dann abends in eine Kneipe gehe, was muss ich unbedingt essen? Gibt es ein typisches Gericht, das du mit Prag verbindest?

JM: Das geht auch in die Richtung vom Oktoberfest. Ente, Rotkohl und ein typischer Knödel. Bei uns sehen die Knödel etwas anders aus, aber sie sind auch sehr gut.

AR: Was hast Du nach Augsburg importiert von den Sachen, die du aus Prag gerne magst?

JM: Das ist eine gute Frage. Vielleicht nach diesen paar Jahren, dieses Gefühl, dass ich hier auch ein bisschen zu Hause bin. Dieses Gefühl hatte ich in Gelsenkirchen und Lautern nicht gehabt. Aber nach allem, was ich hier in Augsburg erlebt habe, da muss ich schon sagen, wir fühlen uns ein bisschen wie zu Hause. Es ist nicht dieses Gefühl wie in Prag, aber es geht in diese Richtung.

AR: Hast Du bestimmte Orte in Augsburg, außerhalb vom Stadion, wo du dieses Gefühl am meisten hast? Welche Ecken gefallen Dir am besten?

JM: Siebentischwald, Kuhsee. Eher so die Natur. Das Zentrum mag ich aber auch gerne. Wir haben aber auch eine gute bekannte Familie, wo die Frau Tschechin ist und der Mann Deutscher. Er hat Eltern hier, die uns oft einladen und wo wir uns immer nett unterhalten.

AR: Danke für deine Zeit und das Interview.

Heimat: Augsburger Spieler sprechen über ihre Wurzeln

Ich komme aus Augsburg. Ich bin dort geboren und in Königsbrunn aufgewachsen. Vor einigen Jahren bin ich nach Frankfurt gezogen und habe hier eine neue Heimat gefunden. Ich bin hier ein “Zuozogener”. In dem Stadtviertel, in dem wir wohnen, sind wir die Fremden. Es gibt gewachsene gesellschaftliche Strukturen, ein Vereins- und Gemeindeleben. Mir ging es ähnlich wie vielen Fußballspielern, die zu einem neuen Club kommen, wie all den Flüchtlingen, die ihr Land verlassen mussten, um eine sichere Unterkunft zu erreichen. Ich war fremd, als ich angekommen bin, musste mich orientieren und war darauf angewiesen, von anderen aufgenommen und integriert zu werden. Dabei waren die Hürden nicht annähernd so groß wie bei den vielen Flüchtlingen, die in unser Land kommen. Wie viele auf dem Weg sterben, wird schon gar nicht mehr registriert. Es ist beschämend und traurig.

In diesen Tagen liest man viele Meinungen. Personen mit fremden Wurzeln sind in der eigenen Nachbarschaft nicht gern gesehen oder ein gewisses Unwohlsein auf Grund der Fremdartigkeit von Verhaltensweisen schleicht sich ein. Angetrieben von rechten Hetzern, die aus ihren Löchern gekrochen sind, um auf den Zäunen ihre rassistischen Parolen verbreiten, werden Ängste geschürt. Es brennen Flüchtlingsunterkünfte. Viele der Menschen, die sich gerade verängstigen lassen, sitzen am Wochenende im Stadion, um Spielern aus vielen Ländern dieser Welt zuzujubeln. Diese Spieler waren zu Beginn genau so fremd in ihren Vereinen, wie ich es in Frankfurt war oder es all diese hilfsbedürftigen Flüchtlinge in unserem Land meist immer noch sind.

Mir ist es als Blogger in diesem Zusammenhang wichtig, Position zu beziehen. Ich hatte daher die Idee, mich mit Spielern des FC Augsburg zu unterhalten, um mich über diese Fremdartigkeit auszutauschen. Wo kommen unsere Spieler her? Wie empfinden die Spieler, wenn sie nach Augsburg kommen? Es ging dabei nur am Rande um Fußball, um das was auf dem Platz passiert. Es geht um die Menschen. Fremdartigkeit sollte nicht angsteinflößend sondern faszinierend und bereichernd sein. Wir sollten unsere Sinne schärfen und von fremden Ideen und Einflüssen lernen. Ich habe mir zumindest Mühe gegeben. Das wir dabei selbst manchmal befremdlich wirken können, sollte uns bewusst sein. Uns Augsburgern mit unserem Gegrantel noch am ehesten.

Bald auf rosenau-gazette.de: Mein Interview mit Jan Moravek. #FCAugsburg #FCA #keineSau

Ein von Andreas Riedl (@andyriedl) gepostetes Foto am

In einem ersten Interview habe ich mich mit Jan Moravek zusammengesetzt. Unser Gespräch könnt ihr bald hier nachlesen. Ein weiteres Gespräch ist zumindest schon angedacht. Man kann sich mit Fußballern auch gut über Geschehnisse abseits des Platzes unterhalten. Manchmal muss man nur fragen.

Wer sich nun denkt: Was soll das? Warum geht es nicht um Fußball? Ich würde euch bitten, offen an die Sache heranzugehen. Jegliche Hetze oder rechte Propaganda dürft ihre euch jedoch schenken. Es wird keiner dieser Kommentare veröffentlicht werden. Wer etwas in diese Richtung kommuniziert braucht meine Texte nicht zu lesen und auf meinen Blog nicht zurückzukommen. Ich bin auf eure Klicks nicht angewiesen. “Kein Fußball den Faschisten” sollte nicht eine politische Äußerung sondern gesellschaftlicher Konsens sein. Auf diesem Blog wird dies immer einer der Grundsätze sein.