Können wir was oder haben wir nur Glück?

Dieser Text erschien zuerst in der Kolumne „Einwurf aus der Rosenau Gazette“ bei presse-augsburg.de.

Der Saisonstart des FC Augsburg lässt die Hoffnungen wachsen. Was ist drin in dieser Saison, in der wir bisher in die zweite Pokalrunde eingezogen sind als auch in drei Bundesligaspielen sieben Punkte sammeln konnten? Wenn man dazu nun noch in die Waagschale wirft, dass wir sowohl gegen Dortmund als auch Wolfsburg zu null gespielt haben. Dass wir bisher in der Bundesliga nur ein einziges Tor kassiert haben. Und auf Platz 2 der Tabelle stehen. Wer beginnt da nicht zumindest etwas zu träumen von den ungeahnten Möglichkeiten? Von Europa und der Meisterschaft?

Derweil ist bisher nur eines klar: die 7 Punkte kann uns niemand mehr nehmen. Wie wir zu den sieben Punkten gekommen sind, ist dann schon einen detaillierten Blick wert. War es am Ende vielleicht nur Glück oder kann dieses Team wirklich was? Das Pokalspiel gegen MTV Eintracht Celle lassen wir dabei einfach mal außen vor. Zu viele Ligen liegen zwischen uns und Celle, um dieser Partie viel Aussagekraft zuzugestehen.

Alles unter Kontrolle oder einfach nur Glück gehabt? Bei Iago sieht das doch sehr kontrolliert aus. (Photo by RONNY HARTMANN/AFP via Getty Images)

Ein einfaches statistisches Mittel um Glück von Können zu unterscheiden ist der sogenannte “Expected Goal” Wert. Jeder Aktion Richtung Tor des Gegners wird ein nummerischer Wert zwischen 0 und 1 zugewiesen. In Summe ergibt sich je Spiel ein Wert der erwarteten Tore je Team. In den Partien bisher ergaben sich folgende Werte basierend auf der Understat-Ermittlung.

  • 1,42 Expected Goals des FCA im Gegensatz zu den 1,05 Expected Goals der Unioner
  • 1,45 Expected Goals des FCA im Gegensatz zu den 1,53 Expected Goals des BVB
  • 1,81 Expected Goals des FCA im Gegensatz zu den 1,32 Expected Goals des VfL Wolfsburg

Was kann man nun daraus ablesen? Das 3:1 gegen Union war verdient, auch wenn vielleicht ein Törchen zu deutlich. Die Abschlussstärke unseres FCA hat es herausgerissen. Gegen den BVB erkennt man, dass der BVB gerade in der Anfangsphase auch gute Chancen hatte, um in Führung zu gehen. Das Spiel hätte auch gut anders laufen können. Da war dann beim Spielverlauf auch etwas Glück dabei. Derweil das Unentschieden gegen die Wolfsburger zwar gerecht aber auch etwas unglücklich war. Der FCA hatte in Person von Florian Niederlechner und Michael Gregoritsch Top-Chancen um das Spiel für sich zu entscheiden. Glück und Pech haben sich so schon nach 3 Spieltagen wieder ausgeglichen.

Wie gut die Leistungen des FCA in den ersten 3 Spielen der neuen Bundesligasaison gerade offensiv schon waren lässt sich auch an den obigen Werten erkennen. Nach Re-Start der letzten Bundesligasaison konnte der FCA 1,4 Expected Goals in neun Spielen genau zweimal knacken (gg. Köln und Schalke). Jetzt war es in drei Spielen schon drei Mal der Fall. Es ist zu erkennen, wie zielgerichtet, das Spiel nach vorne momentan funktioniert und wie viel Gefahr die Mannschaft erzeugt. Gerade im Vergleich zur letzten Saison.

Gerade defensiv war nicht alles sattelfest und der FCA hat auch mal etwas Glück gehabt. (Photo by CHRISTOF STACHE/AFP via Getty Images)

Schlicht bei den Gegentoren hatten wir bisher Glück und die Serie der Spiele ohne Gegentor wird so nicht viel länger anhalten. In der Schlussphase der letzten Saison konnten wir die Gegner in durchschnittlich einer von drei Partien bei unter einem Expected Goal halten. An der Stelle will ich allerdings nun auch mal die Klasse der Gegner mit ins Spiel bringen. Dortmund als auch Wolfsburg komplett aus dem Spiel zu nehmen, wird für uns schlicht nie möglich sein. Die Werte sind bezogen auf die Gegner dann doch sehr gut.

Insgesamt damit für mich sowohl offensiv als auch defensiv eine deutliche Steigerung. Die brauchen wir allerdings auch, um gegen den nächsten Gegner zu bestehen. Gegen Leipzig konnten wir am letzten Spieltag der letzten Saison 0,16 Expected Goals für uns verbuchen. Leipzig hatte deutlich mehr Chancen und die Statistiker notierten 1,89 Expected Goals für Leipzig. Das Ergebnis von 1:2 war da schon etwas schmeichelhaft. Die Statistik wird mir am Ende aber egal sein. Wenn das Team die Leistungssteigerung auch gegen Leipzig auf den Rasen bringen kann, dann ist doch vielleicht was drin. Expected Goals hin oder her: Träumen wir nicht alle ein bisschen von der Tabellenführung?

Gewinner und Verlierer der Vorbereitung

Des einen Freud ist des anderen Leid. Gerade in der Sommerpause und während der Vorbereitung auf die neue Saison. In der Sommerpause werden die Weichen gestellt. Spieler können sich in den Vordergrund spielen, oder können zurückfallen. Gerade in dieser Vorbereitung, während der Cheftrainer Heiko Herrlich zum ersten Mal unter normalisierten Bedingungen (das Kleingruppentraining während der Corona-Pause damit ausgenommen) in Ruhe mit dem Kader an seinen Vorstellungen von Fußball arbeiten konnte. Doof, wenn man gerade dann verletzt ist. Gut, wenn man auf Grund der Verletzung eines Konkurrenten vermehrte Einsatzchancen bekommt und diese zu nutzen weiß. Kurz vor dem Start in die Bundesligasaison ist deshalb ein guter Moment auf die Gewinner und Verlierer der Vorbereitung zu blicken. Und ein paar Überraschungskandidaten zu präsentieren. Los geht’s!

Die Gewinner

Philipp Max wechselte zu PSV Eindhoven. Damit wurde der Stammplatz hinten links von einem Tag auf den anderen an Iago überreicht. Iagos erste Saison war durchwachsen. Er fehlte auf Grund von Länderspielreisen (Olympiaqualifikation mit Brasilien – es erscheint wie vor einer Ewigkeit) und Verletzungen. Wenn er fit war, versuchte zumindest Martin Schmidt phasenweise Max und Iago gemeinsam auf den Rasen zu bekommen. Im Endspurt der Hinrunde mit sehr guten Erfolgen. Jetzt bekommt Iago die Chance vollends in Augsburg durchzustarten. Es gibt wohl kaum einen Spieler dessen Aussichten sich so sehr verbessert haben wie Iagos.

Iago konnte die komplette Vorbereitung mitmachen und ist bereit durchzustarten (Foto: xemx via Imago)

Außer man heißt Michael Gregoritsch. Vom Chaosclub auf Schalke, wo seine Leihe zu Ende ging, kehrt er zur Idylle des FC Augsburg zurück. Seine Ausfälligkeiten sind quasi vergessen und unter Trainer Heiko Herrlich kann er neu durchstarten. Gregerl hat sich demütig wieder eingereiht in Augsburg. Die ernüchternde Erfahrung auf Schalke war vielleicht ein kleiner Schubs in die richtige Richtung. Dazu konnte sich keiner seiner Konkurrenten auf der Position hinter den Spitzen in der Vorbereitung hervorheben. So ist es sehr wahrscheinlich, dass er auf dieser Position nun erst mal ordentlich Spielzeit bekommt und sich beweisen darf. Wie torgefährlich er sein kann, wissen wir in Augsburg noch sehr gut. Ein zweites Hurra von Gregerl wäre nach der Vorgeschichte eine Überraschung, die aber zumindest ich sehr gerne sehen würde.

Um diese Kategorie abzurunden, möchte ich zwei Spieler nennen, deren Rolle in der kommenden Saison noch wachsen sollte. Sowohl Ruben Vargas als auch Felix Uduokhai haben letzte Saison schon einige Einsätze bekommen, aber auch immer mal wieder Pausen. Bei Uduokhai fällt Tin Jedvaj als Konkurrent weg. Vargas hat mittlerweile eine Stärke und Souveränität erreicht, mit der er aus der ersten Elf des FCA schlicht nicht wegzudenken ist. Beide werden – sollten sie keine groben Böcke schießen oder sich verletzen – absolute Stammspieler beim FCA sein. Damit machen sie Hoffnung. Denn beide haben ihr Potential noch nicht vollständig ausgeschöpft und können noch mehr. Sie werden es in dieser Saison zeigen.

Die Verlierer

Um Eduard Löwen hatte sich der FCA intensiv bemüht. Erst letzten Sommer, als er dann doch zur Hertha nach Berlin gewechselt ist. Dann nochmal im Winter, als man ihn in Berlin schon wieder aussortiert hatte. Momentan ist er noch für die kommende Saison zum FCA ausgeliehen. Danach haben wir Augsburger eine Kaufoption. Derweil scheint ihn allerdings in Augsburg das gleiche Schicksal ereilt zu haben wie in Berlin. Nach dem Trainerwechsel in Augsburg scheint es ein bisschen so, als wüsste Heiko Herrlich nicht so recht wohin mit ihm. Auf den defensiven Mittelfeldpositionen scheinen die Spezialisten Khedira, Gruezo und Strobl die Nase vorn zu haben. Hinter den Spitzen muss er sich hinter Marco Richter und Gregerl einreihen. In der Vorbereitung wurde er so auch hinten rechts eingesetzt, bevor man dort einen weiteren Spezialisten mit Robert Gumny verpflichtete. Hochtalentiert und nicht gebraucht. Es bleibt abzuwarten, welche Rolle Eduard Löwen in der kommenden Saison einnehmen wird.

Quo vadis Eduard Löwen? Viel unklarer könnte es nicht sein, wie Heiko Herrlich den hochveranlagten Kicker einsetzen will. (Foto: xemx via Imago)

Ganz so schlimm sieht es bei Marco Richter nicht aus. Der FC aus Köln wollte ihn wohl verpflichten. Der FCA will ihn gerne behalten. Richter war letzte Saison Stammspieler und kam vor allem rechts offensiv zum Einsatz. Die Rolle wandelte sich unter Heiko Herrlich ein bisschen, unter dem er zentraler spielen durfte. Richter fühlt sich zentral wohler, konnte derweil dort seine Effektivität noch nicht unter Beweis stellen. Die Position rechts offensiv ist quasi auch vergeben. Mit Neuzugang und neuem Topverdiener Daniel Caliguiri. Nun verletzte sich Richter in der Vorbereitung und hat zentral mit Gregerl auch hochkarätige Konkurrenz. Anstatt befreit drauf los spielen zu können, muss er sich erneut beweisen. Es wird kein einfacher Saisonstart für ihn.

Marco Richters Situation ist dabei eine, in der sich André Hahn gerne befinden würde. Ein Jahr nach seiner Rückkehr nach Augsburg, ist die Hoffnung zerplatzt, er könnte wieder an die Form von früher anknüpfen. Hahn scheint über die Jahre diese Explosivität verloren gegangen zu sein, die ihn zu einem Nationalspieler gemacht hat. Nach der Verpflichtung von Daniel Caliguiri und den positiven Ansätzen von Noah Sarenren Bazee sieht es ganz nach einer Saison als Ergänzungsspieler aus. Als ob seine Zeiten als Bundesliga-Stammspieler vorbei wären. Es wäre geradezu eine Sensation, wenn er nochmal aufblühen würde. War es damals schon. Nichts ist unmöglich. Aber Hahns Situation nach der Vorbereitung, in der auch er als Rechtsverteidiger getestet (und durch Robert Gumnys Verpflichtung als nicht gut genug befunden wurde) könnte wahrlich besser sein. Auch wenn er im Pokal gegen einen Fünftligisten ein zwischenzeitliches Hurra hingelegt hat.

Das Überraschungspotential

Neben den offensichtlicheren Entwicklungen gibt es auch ein paar Spieler, bei denen man zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht genau weiß, wie man ihre Situation interpretieren soll. Zwischen Top und Flop ist alles möglich. Und damit meine ich nicht Julian Schieber und Felix Götze, für die ich momentan keine sportliche Zukunft beim FCA sehe.

Da wäre zum einen Noah Sarenren Bazee. Nachdem er sich von einer langwidrigen Verletzung erholte hatte, konnte er in der Rückrunde auftrumpfen. Nun ist er gerade angeschlagen und die Plätze auf den Flügeln sind mit Caliguiri und Vargas quasi vergeben. Es könnte eine Saison des Lauerns auf die eigene Chance für Sarenren Bazee werden. Nur wann wird sie kommen?

War die tolle Form zum Ende der letzten Saison ein Strohfeuer oder folgt der endgültige Durchbruch? Noah Sarenren Bazees Rolle birgt Überraschungspotential. (Foto: xemx via Imago)

Da wäre zum zweiten Freddy Jensen. Der finnische Nationalspieler sieht sich einer fast übermächtigen Konkurrenz ausgesetzt. Zentral hat er Richter und Gregerl vor sich. In der Vorbereitung durfte er fast nur links offensiv ran, wo er zumindest an Vargas nicht vorbei kommen wird. Auch hier wartet ein Geduldsspiel auf den Spieler. Wie viel haben die Pokaltore auszusagen?Bekommt er eine Chance und kann er sie nutzen?

Diese Frage stellt sich auch bei Reece Oxford. Der FCA hatte eigentlich den Versuch unternommen ihn zum defensiven Mittelfeldspieler umzuschulen. Auf dieser Position hat er allerdings Gruezo, Khedira und Strobl vor sich. Dafür sieht es in der Innenverteidigung etwas lichter aus. Hier tummeln sich “nur” Gouweleeuw, Uduokhai und Suchy. Wird er seine Rolle noch finden?

Fazit

Es ist gut, dass die Zeit des Kaffeesatzlesens zu Ende geht. Am Ende liegt die Wahrheit mal wieder auf dem Platz. Wir haben uns den Kader in all seinen Facetten angeschaut (Tor, Abwehr und Mittelfeld/Sturm). Eins lässt sich leicht feststellen: Auch wenn es mit Philipp Max einen prominenten Abgang gab, ist dieses Team nicht schlechter geworden. Die offensichtliche Lücke rechts in der Verteidigung wurde angegangen. Mit Strobl und Caliguiri hat man sich vielleicht sogar in der Spitze verbessert. Aber am Ende muss eine Mannschaft auf dem Platz stehen. 11 Jungs, die füreinander einstehen, Fehler des anderen ausmerzen, kämpfen und beißen. Wäre das nicht die größte Überraschung, diese Tugenden mal wieder über eine ganze Saison von einer Augsburger Mannschaft zu sehen?