„Herrlicher“ Fußball beim FCA?

Ja, ich weiß. Wortspiele mit Heiko Herrlichs Nachnamen gibt es schon zur Genüge. Trotzdem kommt heute noch ein weiteres dazu. Denn ich will hiermit einmal den Versuch starten, mir die Spielidee des Trainers ein bisschen genauer anzusehen. Und dabei auch fragen, ob sich inzwischen so etwas wie ein von Herrlich geprägter Spielstil beim FCA abgezeichnet hat. Eben ein „herrlicher Fußball“. Da ist die Überschrift doch durchaus gerechtfertigt, oder?

Spurensuche

Wenn man sich jetzt – wie ich – auf die Suche nach einer „Idee“ begibt, die der Trainer mit der Mannschaft verfolgt. Tja, wo fängt man da an und wo wird man fündig? Ich denke, da gibt es ganz grundsätzlich zwei Fundgruben, in die man sich begeben kann.

Zum einen kann man sich ansehen, was Herrlich darüber gesagt hat, was und wie er spielen lassen will. In seinen Aussagen, die die Medien in Interviews und Pressekonferenzen eingefangen haben, lassen sich sicherlich Spuren von seiner Ideenwelt finden.

Zum anderen müssen wir natürlich auch darauf schauen, was wir auf dem Platz gesehen haben: Wie sieht unser Kader aus? Mit welcher Formation sind wir aufgelaufen? Welche Spielsysteme hat Herrlich spielen lassen? Welche Mittel und Wege haben wir gegen den jeweiligen Gegner gefunden – oder auch nicht?

Schmidts Vermächtnis

Bevor ich zu unserem aktuellen Trainer komme, will ich ein Stück weit zurückgehen und bei seinem Vorgänger Martin Schmidt ansetzen. Charakteristisch für unsere damalige Spielweise unter Schmidt war sicherlich die relative hohe Verteidigung. Das heißt: Wir haben versucht, dem Gegner weit in seiner eigenen Hälfte den Ball abzunehmen und nach gelungener Balleroberung aufs Tor zuzugehen.

Leider hat das nicht allzu oft geklappt. Im Gegenteil: gerade gegen stärkere Gegner nicht, wie z. B. zu Hause gegen den BVB beim 3:5 in der letzten Saison. Da ist diese hohe Verteidigung in ein permanentes Attackieren und Anrennen“ umgekippt, sodass der FCA letztlich „kopflos ins Verderben gerannt ist“. Das schrieb der Kicker damals. Und zwar deshalb, weil wir es eben meistens nicht geschafft haben, den Gegner vom Ball zu trennen. Der konnte dann einfach hinter unsere hochstehenden Verteidiger passen und antrittsschnelle Stürmer wie Haaland oder Sancho auf (leider erfolgreiche) Torejagd gegen uns schicken.

Diese Spielweise, die man im Training auch als Angriffspressing bezeichnet, hat nicht nur für dauerhohe Torgefahr durch den Gegner gesorgt. Weil die Laufwege in unsere eigene Spielhälfte durch das hohe Verteidigen sehr lang waren, ist uns regelmäßig in der letzten halben Stunde auch die Puste ausgegangen. Der Kicker errechnete: Nach der besagten Partie gegen Dortmund hatten wir „schon 18 Punkte nach Führung verspielt, die meisten der Liga“. Zudem hatten wir zu diesem Zeitpunkt schon „17 Gegentore ab der 61. Minute“ bekommen, „der zweitschlechteste Wert hinter Mainz (18)“.

Schmidts Antwort darauf war: „eine Balance“ finden, an der gearbeitet werden müsse. Obwohl er grundsätzlich weiterhin an seinem „Ansatz aus Pressing und Umschaltspiel gegen Teams auf Augenhöhe“ festhielt. Die Chance, an einer neuen Balance zu arbeiten, hat er nicht mehr bekommen. Bekanntlich musste Schmidt keine zwei Monate nach dem BVB-Spiel gehen.

Was Herrlich über seine Idee gesagt hat

Als Herrlich im März 2020 beim FCA übernahm, sei er von Stefan Reuter erst einmal mit desolaten Spieldaten konfrontiert worden: mit der schlechtesten Quote der Liga bei Ballbesitz, (angekommenen) Pässen und gewonnenen Zweikämpfen und dazu dem zweitletzten bzw. drittletzten Rang bei zugelassenen bzw. erspielten Torchancen.

Die Torchancen, zu viele gegnerische und zu wenige eigene, erklärte der neue Trainer dann auch gleich zur Chefsache: „Egal, wo ich war, wir haben uns immer sehr viele Torchancen herausgespielt. Das sind Elemente, die ich hier reinbringen möchte“, wird Herrlich von der AZ zu seinem Amtsantritt beim FCA zitiert. Um dem Problem Ballbesitz beizukommen, wurde offenbar auch schon früh als Ziel ausgegeben: in ungefährlichen Zonen des Spielfelds längere Ballbesitzphasen schaffen.

Heiko Herrlich in Aktion(Photo by Alexander Hassenstein/Getty Images)

Mehr eigene Torchancen und mehr eigener Ballbesitz waren also schon früh zwei Elemente von Herrlichs Idee für den Augsburger Fußball. Für André Niebler, Co-Trainer mit B-Lizenz für verschiedene Jugendmannschaften des FCA zwischen 2011 und 2017 und Autor einer erst kürzlich veröffentlichten, ziemlich interessanten Analyse zum Umschaltverhalten des FCA, spiegeln sich die Pläne von Heiko Herrlich für diese Saison aber vor allem in einem Zitat wieder:

Ich habe die Überzeugung, dass man sich in allen vier Spielphasen, gegen den Ball, mit dem Ball und in den Umschaltphasen, verbessern muss. Nur auf Standards oder auf Umschaltphasen zu hoffen, macht es auf Dauer schwer.

Heiko Herrlich über seine Spielidee

Demnach sind es für Heiko Herrlich alle vier Phasen im Spiel, auf die fortan der Fokus gelegt werden soll. Also nicht nur wie bisher die Ballbesitzphase des Gegners und die daran anschließenden Umschaltmomente nach Balleroberung. Sondern jetzt eben auch die eigenen Ballbesitz- und Umschaltphasen. Im Gegensatz zu Schmidts Fußball halte ich das für eine ganz neue Facette unter Herrlich.

Was wir auf dem Platz davon gesehen haben

Trotzdem liegt die große Stärke des FCA nach wie vor im Umschaltspiel bei gegnerischem Ballbesitz. Zu diesem Ergebnis kommt auch die neuerliche DFB-Analyse. Sie nimmt dazu jeweils zwei Szenen aus dem Spiel gegen die Hertha und Schalke mit aufschlussreichen Bildfolgen genauer unter die Lupe. (Ich fasse die Szenen nur kurz zusammen. Schaut sie euch für Genaueres gerne selbst an.)

Einmal, wie die Spieler das Umschalten vorbereiten: durch wenig Raum zwischen den Ketten und druckvolles Anlaufen des gegnerischen Spielers, der zu einem Rück- oder Querpass gezwungen wird. Und einmal, wie sie nach erfolgreicher Balleroberung umschalten: durch variables Spiel nach vorne (je nachdem, wo der Ball erobert wurde, durch die Mitte oder über außen) und schnelles Aufrücken.

In der Analyse heißt es außerdem, der FCA agiere in der Ballbesitzphase des Gegners inzwischen „in einem klassischen 4-4-2-Mittelfeldpressing“, verteidigt also nicht mehr ganz so hoch. Ein Nebeneffekt dieses verschobenen Mittelfeldpressings ist sicherlich, dass die Puste hintenraus wieder öfter gereicht hat. Nicht umsonst waren wir in der Schlussphase bisher überraschend stark und hatten, wie der FCA selbst schreibt, Bis(s) zum Schluss. Die acht eigenen Treffer in der Schlussviertelstunde nach dem 13. Spieltag sprechen laut der DFB-Analyse auch für „eine mental und athletisch topfitte Mannschaft“.

Topfit zum Siegtreffer. Gegen Bielefeld hat es schon geklappt. (Photo by Thomas F. Starke/Getty Images)

Doch die DFB-Analyse versteift sich aus meiner Sicht zu sehr auf die Stärken des FCA. Die Schwächen deutet sie nur an. Da heißt es: Neben dem (neuen) Mittelfeldpressing komme auch das (alte) Angriffspressing hin und wieder zum Einsatz, z. B. bei Rückstand, wenig verbleibender Spielzeit oder gleichwertigen Gegnern. Bielefeld zum Beispiel. Das sei aber bisher nicht ganz so vielversprechend gewesen. Angesichts unseres schwachen Auftritts in Bielefeld, bei dem Herrlich personalbedingt mit Dreierkette und Caligiuri auf der linken (!) Außenbahn hat spielen lassen, kann man das so unterschreiben.

Auch das Ziel, mehr eigenen Ballbesitz (und daraus eigens initiierte Tore) zu generieren, ist in der Praxis noch nicht ganz aufgegangen. Zwar seien genau dafür „neue Veteranen“ wie Caligiuri und Strobl geholt worden, die zusammen mit den „Altgedienten“ wie Gouweleeuw oder Khedira Erfahrung und Übersicht mitbringen sollten. (Warum dazu nicht auch unser „alter Veteran“ Dani Baier getaugt hätte, ist eine andere Frage…) Und auch der miserable Wert von einst hat sich verbessert. Doch gerade in eigenem Ballbesitz fehlen noch Kreativität und Ideen, wie man dem Gegner in der Vertikalen ein Schnippchen schlagen kann. Die neue, offensivere Richtung in Bewegung und Denke ist noch nicht ganz bei der Mannschaft angekommen.   

Was wir für die weiteren Spiele erwarten (dürfen)

Wenn ich die zusammengetragenen „Hinweise“ auf Heiko Herrlichs Spielidee jetzt Revue passieren lasse, kann ich vielleicht Folgendes festhalten. In den kommenden Spielen wird es (ihm) darum gehen:

  1. Die (alte) Stärke des FCA, das Umschalten und die Balleroberung, weiter ausbauen.
  2. Die (neue) Stärke des FCA, die mentale und athletische Fitness auch in der Schlussphase, aufrechterhalten.
  3. Den angestoßenen Prozess, das Spiel mit dem Ball, weiter vorantreiben. Um auch tiefer stehende Gegner zu überwinden, sich auch abseits von Umschaltphasen Chancen zu erarbeiten und so schließlich öfter zum Torerfolg zu kommen.

Vielleicht hat Heiko Herrlich auf der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen den VfB Stuttgart am Sonntag gerade diesen dritten, noch ausbaufähigen Punkt gemeint, als er von seiner Mannschaft – in ungewohnt direkter Manier – forderte, sie müsse jetzt ihre Leistung steigern und „den nächsten Schritt gehen“.

Ob uns das gelingt, wird aus meiner Sicht auch davon abhängen, ob sich die Mannschaft mittelfristig überhaupt damit identifizieren kann, öfter in Ballbesitz zu sein und daraus eigene Aktionen zu kreieren. Ob sie sich in dieser neuen Rolle wohlfühlt, einmal nicht der Außenseiter in Dauer-Lauerstellung zu sein, sondern selbst den Takt vorzugeben. Und ob bei dieser Mission auch alle mitziehen. (So wie umgekehrt für erfolgreiches Umschalten auch bei allen der Wille vorhanden sein muss, das eigene Tor zu verteidigen.)

Gegen den VfB Stuttgart gingen nicht alle Pläne auf. (Photo by CHRISTOF STACHE/AFP via Getty Images)

Am Wochenende beim 1:4 gegen den VfB war dieser Wille zum Angriff leider nur streckenweise, nur in Ansätzen zu erkennen. Nach dem Gegentreffer in der 10. Minute und in den Minuten nach dem Seitenwechsel. Nach toller Vorlage von Vargas erzielte Richter dann auch prompt den Anschlusstreffer.

Und auch der Wille zum Verteidigen, unsere alte Dauerstärke, hatte sich stellenweise verflüchtigt. Wir attackierten nicht konsequent genug im Mittelfeld, ließen uns dort (mit zugegebenermaßen teils genialen Pässen wie von Kempf vor dem 0:2) überspielen und schienen uns gerade in „unserer“ Schlussphase fast aufgegeben zu haben. Darauf deutet jedenfalls hin, dass sich beim 1:4 niemand für den späteren Torschützen Didavi verantwortlich fühlte. Zum Beispiel versuchte Udoukhai nicht einmal mehr, den reingehenden Ball durch ein letztes Reinrutschen noch aus dem Tor zu fischen. Und nach dem Treffer ließen auffällig viele FCA-Spieler sprichwörtlich die Köpfe hängen. Immer eine vielsagende Geste, finde ich.

Von herrlichem Fußball – im herkömmlichen Sinne – kann beim FCA also noch keine Rede sein. Zu viele offene Baustellen gibt es. Trotzdem hat sich beim FCA unter Heiko Herrlich meiner Meinung nach inzwischen so etwas wie eine „herrliche“ Spielidee abgezeichnet. Wenn auch nur ganz leicht und vor allem langsam. Dass die Mannschaft sich diesen Stil, mehr eigene Spielkontrolle auszuüben und sich dabei zugleich auf alte Tugenden zu stützen, mit der Zeit aneignen kann, da bin ich optimistisch. Denn ich finde, er steht ihr.

Allerdings wird das nur klappen, wenn sie das auch wirklich will. Damit meine ich auch Herrlich selbst, der genauso wie sein Team in der Pflicht steht, diesen Willen, diesen geforderten Hunger ins Spiel hinein zu vermitteln. Oder was meint ihr?

Heja!

Von (FC)B nach (FC)A


In unserer Serie #ImmernochOriginal1907 berichtet heute Franzi von ihren Erinnerungen an die Anfänge ihres Fußball-Fantums. Allgemeine Infos zur Serie und Aktion gibt es hier. Vorher hatten schon IrinaStefanStephan, Sebastian und Andy berichtet. Ihr habt auch eine Augsburger Fangeschichte zu erzählen? Dann meldet euch gerne bei uns und haltet die Serie am Leben (kontakt@rosenau-gazette.de).

Schon lange habe ich nicht mehr so intensiv über mich, den Fußball und den FC Augsburg nachgedacht. Warum auch? Über selbstverständliche Dinge denkt man in der Regel ja auch nicht nach. Beim Nachdenken bin ich jetzt aber auf eine ganze Reihe toller Erinnerungen gestoßen. Erinnerungen, die in meinem Gedächtnis vergraben waren, jetzt aber wieder total präsent sind. Und mich dazu ganz euphorisch werden lassen: Was habe ich mit und durch den FCA nicht schon alles erlebt! Dafür, dass ich meine Erlebnisse hier aufschreiben und mit euch teilen darf, will ich dem Team der Rosenau Gazette und vor allem Andy vielmals danken. Ein fettes Merci!

Dank Mama zum Fußball

Angefangen hat alles mit der EM 1996 in England. Damals war ich 10, Berti Vogts Bundestrainer und auf dem Platz standen Fußball-Schwergewichte wie Andi Köpke, Matthias Sammer oder Jürgen Klinsmann. Aus meiner heutigen Sicht war es damals vor allem meine Mama, die immer bestens über den Spielplan und den nächsten Gegner Bescheid wusste und in der ganzen Familie Vorfreude auf das nächste Match verbreitete. So fieberten (das Elfmeterschießen im Halbfinale gegen England!) und litten (das immer größer werdende Lazarett!) wir alle bis zum erlösenden Golden Goal vor dem Fernseher mit.

Zu meinem Geburtstag bekam ich dann auch ein Buch. England 96. Ich konnte nicht aufhören, es auch noch Wochen nach dem Turnier immer wieder durchzublättern und den Weg der Mannschaft bis zum Finalsieg immer wieder aufs Neue mitzuerleben bzw. durchzumachen. Ab da hatte mich der Fußball gepackt.

Der FC Bayern als Startrampe

Nun war die EM vorbei. Die Lust auf Fußball aber noch lange nicht. Darum machte meine Mama – wie vielleicht viele andere in den 1990er Jahren, als der Fußball plötzlich einen neuen Aufschwung erlebte – den Vorschlag, doch mal ins Stadion zu fahren. Aber nicht in das des FCA, sondern des FCB. Augsburg kannte ich damals hauptsächlich von den Besuchen meiner „Stetten-Oma“ in – ja genau, Haunstetten. Und den FCA von meinem Papa, einem gebürtigen Augsburger, der manchmal im Witz sagte, wir könnten doch auch mal dorthin fahren. Ob er das wirklich als Witz gemeint hatte und nicht doch eher Lust gehabt hätte, den Verein seiner Heimatstadt zu sehen? Ich weiß es nicht.

Was ich aber sicher sagen kann: Anstatt in die Rosenau fuhren wir ins Olympia-Stadion. Dort sahen wir u. a. am 10. Mai 1997 Bayern vs. Freiburg (0:0), ganz familienfreundlich von den Sitzrängen aus. Während die Partie damals völlig unbefriedigend für mich ausgegangen war (die ganze Rückfahrt nach Kaufbeuren saß ich niedergeschlagen auf der Rückbank), wurde sie durch Klinsis „Tonnentritt“ im Nachhinein berühmt. Um mich fürs Stadion vorzubereiten, strickte ich z. B. einen eigenen, ziemlich holprig geratenen FCB-Schal, legte eine Autogrammkarten-Sammlung an und überredete meine Mama zu einem Bravo Sport-Abo.

Meine Mama, ich und meine Schwester (von links) im Münchner Olympia-Stadion Mitte-Ende der 1990er. Entsprechend totschick sind unsere Klamotten. (Foto: privat)

Zur Bravo Sport habe ich noch eine kleine Anekdote: Irgendwann machte ich bei einem Gewinnspiel mit, bei dem man das Tabellentreppchen richtig tippen musste. Das war keine Kunst, denn Platz 1 und 2 konnten sich rein rechnerisch auch nach dem Spieltag nicht verändern. Darum hatten neben mir auch viele andere den richtigen Tipp abgegeben. Doch ich wurde letztendlich als Siegerin ausgelost – und gewann 3.333 DM. Was für ein Haufen Geld für eine 13-Jährige! Doch nicht nur das bekam ich, sondern auch noch Besuch von zwei Bravo Sport-Leuten, eine bebilderte Doppelseite und – nicht zu glauben – Liebesbriefe. Das ist vor allem deshalb so unglaublich, wenn man sich die Fotos von damals anschaut. Doch die erspare ich euch an dieser Stelle lieber *grins*.

Augschburger Mädel

2005 zog es mich aus dem Allgäu zum Studium nach Augsburg. Im darauffolgenden Jahr feierte ich dann endlich mein Debut in der Rosenau – nachdem der FCA den Aufstieg in die 2. Liga schon verfrüht klargemacht hatte. In dem Spiel, zu dem ich mich mit meinem Papa traf (auch für ihn war es das erste Mal in der Rosenau!), ging es also um nichts mehr. Entsprechend grau sind meine Erinnerungen daran.

Was sich dafür umso mehr in mein Gedächtnis einprägte: Wie jemand den Spielstand an der Anzeigetafel per Hand änderte, wie er sich nach getaner Arbeit wieder auf seinen weißen Plastikstuhl setzte. Wie ich später lernte, war das unser „Tafelmann“, der Wagner Josef (Gott hab’ ihn selig). Allein schon wegen ihm musste man den FCA mögen! Und genau das tat ich immer mehr.

Nach einer fünfjährigen „Pause“ zwischen 2001 und 2006, in der mir Musik und Band offenbar wichtiger waren als Fußball (vielleicht auch nur gezwungenermaßen, weil meine Bandkollegen einfach so gar nichts mit Fußball anfangen konnten und mich deswegen auch immer hänselten: „Franzi, du immer mit deinem Fußball!“), war meine frühere Begeisterung für den FCB gänzlich abgeflaut. Allerdings war meine frühere Fußballbegeisterung auch notwendig, damit ich sie überhaupt wiederentdecken konnte – diesmal und seitdem aber nur noch für den FCA.

Ab da ging es mit mir und dem FCA also richtig los. Und meine sechs tollen Jahre, die ich in Augsburg verbrachte, sind aufs Engste mit meinem Verein verbunden. Aber auch mit den Leuten, mit denen ich meine neue, wiederentdeckte Begeisterung teilen konnte. Da war z. B. meine Mitbewohnerin, mit der ich regelmäßig in der Kurve stand, als es auch für Nicht-Dauerkarten-Besitzer*innen immer noch Tickets für den Block gab. Oder die Crew um Korbi, die ich leider erst zum Ende meines Studiums kennenlernte, mit der ich aber umso mehr unvergessliche Momente verbinde. Allein unsere Treffen vor dem Spieltag im Unicum, im 1516 oder in der (ersten) Schwarzen Kiste, bevor es dann mit der 3er ins Stadion ging. Zucker! Oder unser Ausflug nach Kaiserslautern, wo wir am Abend das Nachtleben, am nächsten Tag den Betzenberg unsicher machten.

Im Fanzug nach Bremen (“Abteiiiiiil!”) trafen wir auch den damaligen Augsburger OB und fragten ihn aus einer (Bier-)Laune heraus nach einem Foto. (Foto: privat)

Ein Highlight war für mich auch die Fahrt mit dem Fanzug nach Bremen zum DFB-Pokal-Halbfinale gegen Werder. Für unschlagbare – wie konnte es anders sein – 19,07 Euro. Allein die Fahrt war so ereignisreich, da hätte es eigentlich gar kein Spiel mehr gebraucht. Mit unserem Abteil hatten wir es grandios getroffen. Unseren Schlachtruf („Abteiiiiiiiiil!“) brüllten wir uns auch noch nach der Fahrt zu. Die ganze Hin- und Rückfahrt amüsierten wir uns prächtig. Im Zug gab es sogar einen Partywagen, in den es uns regelmäßig verschlug. Dort sichteten wir auch den damaligen Augsburger OB Kurt Gribl. Ohne das eine oder andere Bierchen wären wir wahrscheinlich gar nicht auf die (Schnaps-)Idee gekommen, mit ihm ein Foto zu machen. Schließlich war auch er nur einer von vielen hundert Fans, die im Zug nach Bremen reisten, um den FCA siegen zu sehen. Ein frommer Wunsch, wir verloren 0:2, aber das war völlig wurscht. Pokal-Halbfinaleeee!

In meine Zeit als Augschburger Mädel (das sang ich manchmal, wenn die „Augschburger Jungs“ erklangen und ich mir dachte: „Hey, ich bin kein Junge.“) fiel auch der Aufstieg in die erste Liga. Auch wenn es von Seiten „älterer“ Fans oft heißt, der Aufstieg in die zweite Liga sei viel bedeutender gewesen, so war er für mich ein weiterer Moment, an den ich mich gar nicht oft genug zurückerinnern kann.

An jenem 8. Mai 2011 fanden wir uns früh in der Arena ein. Schon seit Tagen mit der leisen Vorahnung, dass heute Großes passieren könnte. Und das tat es. Unvergessen ist der Moment, als Stephan Hain in der 85. Minute den Ball zum 2:1-Siegtreffer ins Tor einschob. Ich kriege jetzt noch feuchte Augen, wenn ich daran denke. Nicht umsonst wurde Hains Treffer auch zum FCA-Tor des Jahrzehnts gewählt. Was nach Abpfiff passierte – unbeschreiblich. Da war es nur ein klitzekleiner Aspekt, dass sich die Aufstiegsparty dann in die Innenstadt auf den Rathausplatz verlagerte. Und wir nochmal zusammen mit der Mannschaft, die an den Fenstern des Sparkassen-Gebäudes erschien, feiern konnten!

In Berlin konnten wir unsere Aufstiegshelden nochmal so richtig feiern. (Foto: privat)

Das Auswärtsspiel gegen die Hertha in Berlin war dann nur noch die Kür, das Sahnehäubchen – und eine einzige, verlängerte Aufstiegsparty.

Von (FC)B nach (FC)A

Nach der Saison 2010/11 war also nicht nur FCA in der ersten Liga gelandet, sondern auch ich studienbedingt in der oberbayerischen Kleinstadt Eichstätt. Seitdem wurde es immer schwieriger für mich, regelmäßig ins Stadion zu kommen. Die Zugverbindung ist von hier aus – eigentlich egal wohin – ziemlich sscchh- wierig. Dass ich seltener im Stadion bin, heißt aber nicht, dass meine Bindung zu Schwaben, Augsburg oder dem FCA abgerissen ist. Im Gegenteil.

Zwar habe ich nach fast zehn Jahren die manchmal grantigen Eichstätter*innen ziemlich liebgewonnen und inzwischen auch gelernt, den kuriosen Dialektmix zu verstehen, den manche sprechen. Zustande kommt der durch die Grenzlage Eichstätts in (Ober-)Bayern nahe (Mittel-)Franken und Bayerisch-Schwaben. Einen höheren Stellenwert haben hier trotzdem die beiden ersten Regionen: Wenn man in eine größere Stadt will, fährt man nach Ingolstadt, München oder Nürnberg. Fußballerisch ist man entweder 60er, leidet mit dem FCN oder supportet den VfB Eichstätt in der Regionalliga. Augsburg? FCA? Fährt kaum wer hin, findet kaum wer gut.

Aber genau wie Irina schon schrieb: Zwar bin ich geografisch jetzt weiter weg von Augsburg, bin seltener da. In meiner Identifikation habe ich mich ihm aber noch nie so nah gefühlt. Das macht der (Dauer-)Aufenthalt in der „Ferne“, „im Exil“. Hier bin ich „die Schwäbin“, die sich spätestens beim Sprechen (mit ihrem rrrrollenden R) als solche enttarnt. Hier bin ich eine der wenigen, die sich den FCA ausgesucht hat (oder umgekehrt, wie Stefan meint). Aber genau deshalb bin ich nach wie vor stolz darauf (oder vielleicht noch nie so stolz gewesen), zu sagen: „Ja der FCA eben! Was sonst?“  

Wenn ich mir meinen Text jetzt nochmal so ansehe, fällt mir auf, dass er ziemlich viel Persönliches enthält. Aber genau das zeigt mir, dass der FCA seit vielen Jahren ein fester Teil von mir ist. Ob ich will oder nicht. Selbst als ich beim Weggang von Daniel Baier kurz überlegt habe, alles „hinzuschmeißen“. Ging nicht. Und auch meine frühere Bayern-Liebe, die hier ebenfalls einen Platz bekommen hat, kann ich nicht leugnen (obwohl ich das manchmal gern täte). Denn erst sie hat mir meinen Weg zum FCA geebnet.

Die Serie A ist besser als die Serie B, A-Ware ist besser als B-Ware und ein A in der Schule ist besser als ein B. Wer will da bestreiten, dass es nicht auch von (FC)B nach (FC)A steil aufwärts für mich gegangen ist? Nur der FCA.