Einwurf April 2016: Markus Weinzierl und die Stürmer

Dieser Text erschien zuerst in der Kolumne “Einwurf aus der Rosenau Gazette” bei presse-augsburg.de. 

Markus Weinzierl hat auf der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Bremen einen dieser Sätze gesagt, die mich zum Nachdenken bringen: “Ich bin sehr zufrieden mit Alfred Finnbogason. Ich habe ihn schon viel früher in unserem Kader gewollt.” Alfie hat gegen Bremen wieder ein tolles Spiel gemacht, ein Tor geschossen. Es geht in dieser Kolumne nicht darum, die Leistungen  oder die Qualität von Alfred Finnbogason zu schmälern. Ich hoffe er spielt weiter wie bisher und schießt uns zum Klassenerhalt. Und danach zurück in den Europapokal.

Ich verstehe, dass der FCA Alfred Finnbogason schon früher verpflichten wollte. Er scheint dem Anforderungsprofil zu entsprechen, das Markus Weinzierl bei seinen Stürmern anlegt. Ein Stürmer im System von Markus Weinzierl soll, wenn der Gegner den Ball hat, die Mannschaft im Pressing unterstützen. Wenn die eigene Mannschaft den Ball dann erobert hat, soll er einen möglichen langen Ball sowohl mit dem Kopf als auch dem Fuß annehmen und weiterleiten können. In letzter Instanz soll der Traumstürmer dann direkt umschalten und am rechten Fleck stehen, um das Tor selbst zu machen. Das positionsbezogene Aufgabenprofil ist dabei sowohl taktisch (z.B. wann und wie laufe ich Verteidiger an) als auch technisch (z.B. Kopfballspiel, Ballannahme und –weiterleitung) anspruchsvoll. Es gibt sehr viele Dinge, an die man als Stürmer in diesem System zu denken hat, wobei der Torabschluss nur eine von vielen Aufgaben ist. In der Öffentlichkeit wird man als Stürmer aber vor allem daran gemessen. Dabei kommen in diesem System, die offensiven Außen deutlich besser weg. Sie müssen zwar auch gegen den Ball arbeiten, haben dabei aber in der Außenlinie eine unschätzbare Hilfe. Wenn dann nach vorne gespielt wird, landen viele vertikale Bälle direkt bei Ihnen und führen regelmäßig zu gefährlichen Torchancen. André Hahn hat es so zum Nationalspieler gebracht, Raul Bobadilla hat seine besten Spiele rechts außen gemacht und Tobi Werner ist zur Vereinslegende geworden.

Der letzte Stürmer, der zweistellig für den FC Augsburg getroffen hat? Sascha Mölders 2012/2013 in Markus Weinzierls erstem Jahr. In diesem ersten Jahr hat zudem Dong-Won Ji in der Rückrunde 5 Tore zum Klassenerhalt beigesteuert. In den folgenden zwei Jahren kam in der Bundesliga kein Mittelstürmer mehr auf eine nennenswerte Trefferanzahl, wobei die offensiven Außen weiter glänzen durften und sowohl Andre Hahn als auch Raul Bobadilla zweistellig trafen. Tobi Werner war mehrmals nah dran. In dieser Saison könnte mit Finnbogason erstmals wieder ein Stürmer „ordentlich“ treffen. Und das obwohl er erst zur Winterpause zum FCA kam. Weinzierls Aussage deutet an, dass einer wie Finnbogason bisher gefehlt hat. So einen hatte er bisher einfach nicht. Will Weinzierl damit sagen, dass die Qualität der Stürmer im Kader des FC Augsburg einfach nicht hoch genug war?

Dem steht entgegen, dass viele der Stürmer, die Markus Weinzierl zur Verfügung standen, bei anderen Vereinen ihre Treffsicherheit unter Beweis gestellt haben. Arkadiusz Milik  hat alleine in der laufenden Saison 21 Pflichtspieltreffer und 12 Vorlagen für Ajax Amsterdam auf seinem Scorerkonto verbuchen können. Tim Matavz hat während seiner Zeit in den Niederlanden in 203 Spielen 90 Tore geschossen. Selbst Giovanni Sio hat für Stade Rennes in dieser Saison schon 12 Scorerpunkte (6 Tore, 6 Vorlagen) gesammelt. Nikola Djurdjic hat für Malmö und Fortuna Düsseldorf in dieser Saison bisher 7 Pflichtspieltreffer erzielt. Wenn Sascha Mölders für 1860 trifft (bisher  4 Tore, 2 Vorlagen), dann muss ich kurz schlucken.

Über fehlende Qualität auf dieser Position sollte Markus Weinzierl sich nicht beklagen. Es wundert mich, dass er es überhaupt andeutet. Wenn ich an seiner Stelle wäre, würde ich mich fragen, ob ich alles mir mögliche unternommen habe, damit Stürmer in Augsburg erfolgreich sein können. Kann das positionsspezifische Training verbessert werden, damit die Anforderungen an die Stürmer klarer werden und nicht zu Überforderung führen? Nachdem das Spiel des FC Augsburg nicht primär auf Stürmertore ausgelegt ist, leidet das Selbstvertrauen bei Durststrecken. Wie kann man hier gegenarbeiten? Spieler wie Milik oder Matavz hatten beim FCA kein Selbstvertrauen und wirkten überfordert. Probleme in der Chancenverwertung waren die Folge. Die Leistung der Spieler fällt dabei immer auch auf den Trainer zurück. Markus Weinzierl kann in Augsburg nichts mehr lernen? Wenn ein Stürmer für ihn in der Bundesliga zumindest 15 Tore gemacht hat, gebe ich in diesem Punkt nach. Bis dahin gibt es für Markus Weinzierl auch in Augsburg noch genug zu tun.

WTF…. ein Stürmertor, fast zwei!

Am Samstag bin ich aus Liverpool zurückgekommen. Sehr schöne Tage. Samstagabend übermüdet ins Bett gefallen und die Ergebnisse der Bundesliga  nur am Rande mitbekommen. Darmstadt mit Pech in Bremen, Hannover mit einem Befreiungsschlag. Der Abstiegskampf ist weiter bei mir im Fokus. Sonntag ist grau in grau und so lande ich vor dem Fernseher um Teile des Spiels abgelenkt von meiner Tochter und meinen Gedanken zu sehen.

Die Ausgangslage

Nach dem Europa League Ausscheiden unter der Woche stellte sich die berechtigte Frage, wieviel Kraft bei den Spielern des FC Augsburg noch vorhanden ist. Nach dem Sieg in Hannover am letzten Spieltag waren weitere Punkte für den Klassenerhalt sehr wichtig. Niemand wollte jedoch garantieren, dass die volle Konzentration auf die Bundesliga sofort wieder da ist, nach den eindrucksvollen Erlebnissen in Liverpool.

Das Ergebnis

2:2 und eine gerechte Punkteteilung. Augsburg ist spielerisch überlegen, aber auch Gladbach kommt immer wieder zu Chancen. So geht es hin und her und nach der Gladbacher Führung dreht Augsburg das Spiel bevor Gladbach ausgleichen kann. Beide hätten gewinnen können. Beide können auch mit einem Punkt zufrieden sein.

Worüber diskutieren wir am Dienstag?`

Ist Alfie Finnbogason DER Stürmer für den FC Augsburg? Es wird schon spekuliert, ob er über den Sommer hinaus bleibt, nachdem er sein erstes Tor geschossen äh geköpft hat. Bis jetzt ist er nur ausgeliehen. Wird er weiter treffen? Wer trifft mehr: Er oder Sascha Mölders für die Kätzchen? Wann hat zuletzt ein Augsburger Stürmer zwei Spiele nacheinander getroffen? Und sieht er gut aus? Der Hype um Finnbogason ersetzt den Hype um Anfield nahtlos.

Was war gut?

Die Offensive sah so gut aus, wie zuletzt schon lange nicht mehr. Zwei Tore. Wenn Bobadilla über rechts kommen kann, dann bringt das viel zusätzliche Gefahr und Caiuby sieht links auf dem Flügel auch immer besser aus. Altintop kann alle drei gut in Szene setzen. Haben wir offensiv unseren Rhythmus wiedergefunden? Werden wir weiter treffen?

Was war schlecht?

Schon wieder Verletzungen. Koo wurde erst ein- und später wieder ausgewechselt, nachdem er sich wohl an der Wade verletzt hatte. Bobadilla hat immer noch Probleme mit dem Oberschenkel. Es wird wirklich Zeit, dass sich das Lazarett für eine heiße Endphase in der Bundesliga lichtet.

Was passiert jetzt?

Am Mittwoch geht es direkt weiter in Hoffenheim. Punkte gegen den Abstieg brauchen beide Teams, aber Nagelsmann scheint bisher einen positiven Effekt auf die Mannschaft in Hoffenheim zu haben. Hoffenheim führte gegen Dortmund lange und scheint wieder ein ernstzunehmender Gegner zu sein. Wird Weinzierl wieder rotieren oder hat er langsam eine Stammelf gefunden? Viel wichtiger: Können wir Hoffenheim schlagen? Ich glaube es wird eine enge Kiste.

Und auf den Buinsess Seats?

Die Unkenrufe werden immer lauter: Was kann Weinzierl nach dieser Saison in Augsburg noch erreichen? Ich kann es ehrlich gesagt nicht mehr hören. Was ist aus langfristiger Karriereplanung geworden? Jobsicherheit für Trainer ist nun auch nicht oft zu finden. Wenn jemand Guardiola zitiert bringe ich immer Alex Ferguson an, der aus Manchester United in 27 Jahren einen Topclub machte. Zuvor hatte ManU über Jahre die größte Krise der Vereinsgeschichte mit zwischenzeitlichem Abstieg in die zweite Liga. Warum sollte Weinzierl in Augsburg nicht ähnliches schaffen? Ein stabileres Arbeitsumfeld wird er wohl kaum finden.