Endspurten oder Absaufen?

Dieser Text erschien zuerst in der Kolumne „Einwurf aus der Rosenau Gazette“ bei presse-augsburg.de.

25 Spiele und damit rund 3/4 der Saison sind gespielt. Der FCA steht auf Platz 14 der Tabelle und der Abstand zum Relegationsplatz beträgt noch 5 Punkte. Während ein Club wie der Effzeh Köln unter Markus Gisdol ein Formhoch erwischt, mittlerweile 5 Punkte Vorsprung vor dem FCA und noch ein Spiel offen hat, ist unsere Lieblingsbeschäftigung das Verlieren geworden. Man könnte sagen, in der Rückrunde haben wir alle Arten des Verlierens durch.

Das Positive

Nach dem Licht am Ende des Tunnels muss man mittlerweile mit Nachdruck suchen. Die gute Phase zum Ende der Hinrunde verhallt so langsam komplett. Gerade mal gegen Werder Bremen – mittlerweile wahrscheinlich das schwächste Team der Liga – konnten wir durch eine bessere zweite Halbzeit gewinnen. Gegen Freiburg hat es mit Glück zu Hause für einen Punkt gereicht, weil Freiburg vor dem Tor schlicht zu harmlos war. Dazu können wir uns Niederlagen schön reden. Gegen die Bayern – die laut Thomas Müllers Aussage nach dem Spiel ausgelaugt und müde waren – sah die Partie defensiv zumeist stabil aus. Dazu konnten wir nach vorne Nadelstiche setzen. Auch gegen Gladbach sah es schon nicht mehr ganz so gruselig aus, wie noch zuvor oder in der Hinrunde. Ach, und Andreas Luthe hatte auch keinen Aussetzer im Tor gegen die Bayern. Das Ergebnis der letzten 3 Partien waren dennoch 0 Punkte. Da bleibt jetzt in dieser Situation nur das kurzfristige Hoffen auf den Trainereffekt und dann auf die positiven Anpassungen unter Heiko Herrlich.

Die Sorgen

Dafür bleiben einige der Kritikpunkte offen, die ich schon vor der Saison adressiert hatte. Führungsspieler sind zwar erkennbar. Daniel Baier hat immer noch eine wichtige Funktion für die Mannschaft, genau wie Jeffrey Gouweleeuw, Rani Khedira, Philipp Max und Florian Niederlechner. Die Mannschaft hat eine offensichtliche Gruppe an Führungsspielern, aber auch das führt nicht dazu, dass konstant Leistung abgeliefert wird. Mit 52 Gegentoren tummeln wir uns zurecht schon wieder Richtung Tabellenkeller und können mit den schlechtesten Teams der Liga mithalten. Ja, die defensive Stabilität geht uns zumeist ab. Dazu scheinen die spielerischen Möglichkeiten dieses Teams limitiert. Wo man am Anfang der Saison noch gedacht hat, dass das Team sich einfach einspielen muss, ist mittlerweile ersichtlich, dass der Plan nicht beinhaltet, den Ball zu halten. Das tuen wir dann auch sehr wenig.

Die Aussichten

Wolfsburg ist ein solides Bundesligateam – im Gegensatz zu uns – mit ungefähr 10 Punkten und 20 Gegentoren weniger auf dem Konto. Im Heimspiel gegen die Wölfe und auswärts eine Woche später auf Schalke geht es schon um viel. Wenn wir gegen diese beiden Mittelklasseteams nicht punkten, könnten wir noch weiter nach unten abrutschen. Und in der Länderspielpause dann doch mit dem Rücken zur Wand stehen. Das verschafft zwar dem neuen Trainer Zeit, aber auch nicht viel. Und der Druck, ein Erfolgserlebnis zu liefern, wird immens steigen.

Ohne die entsprechenden Ergebnisse sind die Aussichten mau. Aufstehen und weitermachen ist angesagt. Nützt ja nichts. (Photo by Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images)

Auch wenn wir jetzt vorher in einem der Spiele punkten sollten, so können wir uns darauf leider nicht ausruhen. Am Ende wird es auf den Endspurt ankommen. Gegen Paderborn, Hertha und Mainz geht es nicht um einen Schönheitspreis. Wir konnten die Top Teams nicht ärgern. In letzter Zeit konnten wir niemanden ärgern. Gegen die direkte Konkurrenz müssen wir gewinnen. Egal wie.

Das Ziel

Aus dieser Saison kann kein größerer Erfolg als der Klassenerhalt mehr entstehen. Ich will das gar nicht unterschätzen. Florian Kohfeldt als äußerst talentierter Trainer säuft gerade mit dem SV Werder Bremen ab. Auch für Martin Schmidt war bei uns jetzt Schluss. Für uns kann es auch nächstes Jahr in der ersten Liga weitergehen. Wir haben immer noch alle Möglichkeiten uns selbst zu retten und unseren Beitrag zur Langeweile der Liga zu leisten.

Mit Andreas Luthe sollte vorerst Ruhe im Tor einkehren. Er kann der Mannschaft in dieser schwierigen Phase Sicherheit geben. (Photo by Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images)

Dabei ausblenden müssen wir für den Rest der Saison trotz Trainerwechsel, dass dieser Kader das Potential für mehr gehabt hätte. Ja, hinten rechts und im Tor haben wir Bedarf für Verbesserung. Ansonsten ist der Kader dicke mit Talent bestückt und wir haben keine Verletzungssorgen. Den Klassenerhalt vorausgesetzt, kann Heiko Herrlich im Sommer ganz in Ruhe schauen, wie er das Potential in der nächsten Saison ausgeschöpft bekommt.

Was ist zu tun?

Sportlich haben wir aus dem Bayern-Spiel erkannt, dass wir defensiv stabil stehen können. Dafür brauchen wir mit Andreas Luthe einen Torhüter, der dem Team Sicherheit gibt. Darauf basierend können wir versuchen Umschaltmomente zu schaffen, um Tore zu schießen. Und eine paar erste, überraschende Herrlich-Ideen (herrliche Ideen) umsetzen. Hübsch wird es nicht, aber das sollte uns nicht kümmern. Im Gegensatz zum Bayern-Spiel müssen wir dann auch mal wieder ein paar der Chancen nutzen und besser abschließen.

Zurück in die Spur müssen wir. Die Spieler haben genügend offensive Qualität, um auch wieder für Furore zu sorgen. (Photo by Sebastian Widmann/Bongarts/Getty Images)

So ein ehemaliger Weltklasse-Knipser hat da vielleicht das richtige Händchen. Da wird dann aber auch nicht immer Manuel Neuer im Tor des Gegners stehen. Mit Kampf und Zusammenhalt, unter Verwendung einfacher sportlicher Abläufe, die wir perfektionieren, können wir die Situation zu einem zufriedenstellenden Ende bringen.

Ich glaube immer noch, dass es werden wird – das mit dem Klassenerhalt. Da mache ich mir weiterhin kaum Sorgen. Ich verstehe aber mittlerweile, warum sich die Mainzer damals so viele Gedanken zur sportlichen Entwicklung unter Martin Schmidt gemacht haben. Wir haben jetzt schon die Reißleine gezogen. Kampf und Zusammenhalt bis zur Sommerpause wird nun umso nötiger werden, damit Heiko Herrlich seine Ideen langfristig umsetzen kann. Die Identität der Mannschaft muss Gier und Siegeswillen ausstrahlen. Wir bleiben der FCA, noch mehr nun mit Heiko Herrlich.

Ankommen im Mittelmaß

In den sieben Jahren, die der FC Augsburg nun schon in der Bundesliga spielen darf, hatte man genau drei Mal vor dem 30. Spieltag nichts mehr mit dem Abstieg zu tun. Das erste Mal in der Saison 2013/14, in der man Achter wurde. Zum zweiten Mal in der Ausnahmesaison 2014/15, die uns allen die bislang wohl schönsten Fußballabende in Rot, Grün und Weiß bescherte, und uns in der nachfolgenden Saison quer durch Europa schickte. Und nun also dieses Jahr zum dritten Mal. Damit nähert man sich den 50% an, dem guten Durchschnitt, dem Mittelmaß. Was andernorts eine negative Konnotation hat, dürfte in Augsburg große Freude auslösen.

Schaut man sich die ersten sieben Jahre der Fussball Bundesliga an, beginnend mit der Saison 1963/64, so dürfte mancher, der noch nicht so viele Lenze hat kommen und gehen sehen, durchaus überrascht sein: Mit Köln, Bremen, 1860 München, Braunschweig, Nürnberg, dem FC Bayern und Borussia Mönchengladbach gab es gleich sieben verschiedene Deutsche Meister. Ein Glücksfall für die noch junge Bundesliga und auch wenn dominante Mannschaften über einige Zeit das bundesdeutsche Fussballgeschehen prägten, so kann man fast von grandioser Abwechslung sprechen wenn man heutige Zeiten dagegen hält. In den vergangenen 20 Jahren gab es lediglich drei Deutsche Meister (Bremen, Stuttgart & Wolfsburg jeweils mit einer Meisterschaft), die nicht aus München oder Dortmund kamen. Als der FC Bayern am vergangenen Wochenende vorzeitig die Meisterschaft beim 1:4-Erfolg in Augsburg feiern durfte, war es sein sechster (in Zahlen: 6) in Folge. Ist man Fussballfan in Deutschland und nicht Anhänger der beiden dominanten Teams – man hat heutzutage nur noch wenige Träume.

In Augsburg war der Traum eigentlich stets: Noch ein Jahr länger Bundesliga spielen, bevor es vielleicht dann doch wieder in die zweite Liga geht.
Und um Spannung und Dramatik zu wahren, seiner eigenen Rolle als Verein mit stets dem kleinsten Etat gerecht zu werden, durfte man in den vergangenen sieben Jahren auch nahezu immer bis fast zum Schluss bangen und mitfiebern und hoffen. Auch mit Abschluss der Saison 2017/18 wird man resümieren: Gut gemacht, alle Ziele erreicht. Vielleicht wäre mehr drin gewesen, wie Michael Gregoritsch kürzlich zitiert wurde, vielleicht kann man aber auch froh sein, trotz wichtiger Abgänge, trotz viel Kritik am zunächst aufgeblähten Kader, der dann sträflich harsch ausgedünnt wurde, und trotz Verletzungen wichtiger Säulen der Mannschaft, einfach solide Arbeit gemacht zu haben und mit dem Abstieg eigentlich die gesamte Saison nicht viel zu tun gehabt zu haben. Vielleicht.

Wenn der FC Augsburg nun den Weg von Hertha BSC Berlin oder Mainz 05 gehen würde, ein Weg in das Mittelmaß, man dürfte sehr dankbar darüber sein. Seit Jahren haben sich diese beiden Mannschaften, deren Ausstrahlung nicht arg unähnlich derer des FC Augsburg sind, im Mittelfeld der Bundesliga etabliert. Mal mit Ausreißern nach oben, mal nach unten – aber meist: grundsolide. Wie Augsburg, durfte man auch in Mainz und Berlin internationale Luft schnuppern und feierte dies wie den Gewinn der Meisterschaft. Überhaupt: Ist der Europapokal nicht die eigentliche Meisterschaft? Der Nicht-Abstieg ein Pokalgewinn?

Mit der zunehmenden Professionalisierung und Kommerzialisierung des Fussballs wird die Schere zwischen den ganz Großen und dem Rest immer größer werden. In anderen Ligen, in Spanien, in Italien, in England und (nicht ganz neuerdings) auch in Frankreich ist man das schon gewohnt. In Deutschland, dem Land in dem 50+1 wie ein teures Porzellan aus dem Familienerbe behandelt und aus Rücksicht auf einen ausgeglichenen Wettbewerb und die Tradition nicht angefasst werden darf, glaubte man bis zuletzt an eine ausgewogene erste Liga. Hielt man zwischenzeitlich inne und stellte fest, dass der Tabellenzweiten einen geringeren Punktevorsprung auf den Relegationsplatz als Punkterückstand auf die Bayern hatte, dann könnte man durchaus auch resümieren: Ja, die Bundesliga ist in der Tat noch sehr ausgeglichen.

Diese erste Einschätzung täuscht jedoch, wenn man sich die Tabellenkonstellation nach dem letzten Spieltag der vergangenen sieben Jahre jedoch mal näher ansieht. Ganz oben, wie bereits beschrieben, fast immer die Bayern, dahinter zwar in abwechselnder Reihung die etatstarken Teams, folgend der Rest. Was diese Monotonie der Ergebnisse mit der Fussballbegeisterung in Deutschland nachhaltig machen wird, bleibt abzuwarten – und auch in Augsburg muss man seinen Weg aus den sinkenden Publikumszahlen finden müssen um das Fussballprojekt FCA langfristig in der Bundesliga halten zu können.

Doch wenn der Abstieg irgendwann tatsächlich kein Thema mehr wäre in Augsburg, die Meisterschaft unerreichbar und auch die internationalen Plätze schon fast automatisch durch die natürlichen Anwärter aus Dortmund, Schalke, Leverkusen, Leipzig, Hoffenheim und Gladbach besetzt, was bleibt denn noch übrig an Träumen und Zielen? Wofür quält man sich durch Montagsspiele bei -5°C in Dortmund, durch immer teurer werdende Tickets und TV-Abos, durch eine immer größer werdende Entfremdung zwischen Verein und Anhängerschaft, wie man sie vielerorts derzeit erlebt?

Was ist langfristig noch drin für den FC Augsburg? Auf eure Meinungen sind wir gespannt.