Zur Berichterstattung rund ums Derby

Journalismus ist ein Handwerk. Journalismus ist keine Kunst. Laut dem deutschen Journalistenkolleg ist eine typische Rolle eines Journalisten jene des (neutralen) Vermittlers. Hierbei wird davon ausgegangen, dass die Berichterstattung objektiv sowie neutral erfolgt und der Journalist keine bestimmte politische Meinung vertritt und Informationen nicht selektiert. Das Ziel des Journalisten sollte es sein, komplizierte Inhalte möglichst einfach zu erklären und auch möglichst realitätsgetreu zu berichten. Der Leser muss sich eine eigene Meinung bilden können. Neutraler Journalismus steht im Gegensatz zum Meinungsjournalismus. Dieser Blog ist offensichtlich kein klassisches neutral-journalistisches Produkt. Ich habe eine Meinung, selektiere Informationen, aber ich habe dies auch nie abgestritten.

Etwas anders sieht es in diesem Zusammenhang mit der Augsburger Allgemeinen aus. Diese erhebt den Anspruch ein neutral-journalistisches Produkt zu sein. Nun sind Begriffe wie „neutral“ und „Selektion von Informationen“ nicht eindeutig abgrenzbar. Welcher Blickwinkel ist neutral und welche Information wesentlich? Im Folgenden will ich am Beispiel der Berichterstattung rund um das Fußballspiel zwischen der zweiten Mannschaft des FC Augsburg und dem TSV 1860 München an ein paar Details betrachten, wo Probleme in der Praxis liegen können und warum eine gewisse Aufmerksamkeit als Leser nicht schaden kann. Die Wahrheit liegt dabei wohl im Auge des Betrachters. Dieser Beitrag erscheint bewusst einige Zeit nach dem Spiel, um allen Beteiligten sachliche Gedankenanstöße zu geben und die Emotionen zu begrenzen. Mir war persönlich das Thema zu wichtig, um es nicht zu betrachten. Ein gewisser Abstand schadet aber auch nicht.

Zu den Geschehnissen: Am Sonntag den 15.10.2017 spielte die zweite Mannschaft des FC Augsburg gegen den TSV 1860 München in der wwk Arena in Augsburg. Der FCA II gewann 3:2 und ärgerte damit den großen Favoriten der Regionalliga Bayern ein bisschen. Im Vorfeld der Partie war die Stimmung zwischen den Fans beider Lager angespannt. Die 60er Fans hatten sich als Sammelort den Augsburger Königsplatz auserwählt. Die Augsburger besetzten den Platz selbst und die Polizei musste die Fanlager trennen. Am Abend nach dem Spiel kam es zu kleineren Ausschreitungen in der Augsburger Innenstadt. Die Augsburger Allgemeine berichtete umfangreich vom Spektakel u.a. mit diesem Artikel. Die Berichterstattung zum Spiel löste allerdings eine Gegendarstellung durch die Rot-Grün-Weiße Hilfe aus, die Fans hilft, die im Zusammenhang mit FCA-Spielen Probleme mit der Justiz bekommen haben. Robert Götz, Mitarbeiter in der Sportredaktion der Augsburger Allgemeinen, hat daraufhin eine persönliche Stellungnahme bei Facebook veröffentlicht und seine Arbeit verteidigt. Nachdem sich der Nebel etwas gelichtet hat, will ich einen Blick auf die größten Streitpunkte werfen. Vorweg darf ich anmerken, dass ich nicht vor Ort war und die Punkte nur aus zweiter Hand beurteile. Vielleicht gelingt gerade dadurch ein neutraler Blick auf die Geschehnisse.

Auf dem Königsplatz

Im Artikel vom Abend des 15.10.2017 wird die Situation auf dem Königsplatz weit im Vorfeld des Spiels wie folgt geschildert:

Das Großaufgebot der Polizei hatte dann auch einiges zu tun, um die Fan-Lager auseinanderzuhalten. Die rund 350 Löwen-Ultras, die mit dem Zug angereist waren, wurden am Hauptbahnhof festgehalten. Allerdings gelang es immer wieder kleinen vereinzelten Gruppen aus beiden Lagern, in einem Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei sich doch zu Schlägereien zu treffen. Insgesamt kam es vor dem Spiel zu 17 Festnahmen.

Später beschreibt Robert Götz die Stimmung bei Facebook als ruhig und angespannt. Dies geht aus meiner Sicht aus seiner sehr kurzen Darstellung der Szenerie auf dem Königsplatz im Artikel nicht hervor. Ich als Leser, der nicht vor Ort war, lese dies anders und kann erste Proteste aus der Fanszene nachvollziehen. Ich kann verstehen, dass man in diesem Zusammenhang nicht auf jedes Einzelereignis eingehen kann. Allerdings verdeutlicht die geleistete erste Hilfe der Fans sehr gut, dass die Lage nicht immer angespannt war und es sehr wohl friedliche Momente gab. Kann man diese Ereignisse beschreiben, so dass sich jeder wiederfindet? Ich zweifle. Ist hier eine „neutrale“ Darstellung gelungen? Ich bin mir dennoch nicht sicher.

Vor dem Stadion

Die Augsburger Fans marschierten später zum Stadion. Auf dem Weg kurz vor dem Stadion wurde der Fanzug an einer Engstelle durch Beamte des USK angehalten, um einen Zusammenstoß mit 60er Fans zu verhindern.
Nach den persönlichen Eindrücken von Robert Götz setzte ein Polizist Pfefferspray ein, als einige Fans versuchten über einen Zaun zu klettern. Kurze Zeit später wurde die Blockade des Fanzugs aufgehoben. Die Szene findet sich im Abendartikel überhaupt nicht wieder. Die Fans hatten sich grundsätzlich nicht auffällig verhalten und es ist weiterhin unklar, warum sie über den Zaun klettern wollten (Flucht vor der Enge? Versuchter Angriff auf gegnerische Fans?). Für Robert Götz war dies „ein harter Einsatz der Polizei, aber in diesem Moment, um eben die Fantrennung aufrecht zu erhalten, nachvollziehbar. Darum fand er auch keinen Eingang in die Berichterstattung, weil er für mich nach den Vorfällen am Abend nicht mehr das Gewicht hatte.“ Ein kurzer Blick zurück. Robert Götz hat hier nun Informationen selektiert. Er hat nicht nur Informationen zusammengefasst sondern bewusst Informationen weggelassen, weil diese für ihn nicht mehr wesentlich waren.

Die Polizei hat gegen eine grundsätzlich friedliche Menschenmenge Pfefferspray eingesetzt. Ich bin kein Jurist, musste aber nicht lange googeln, um festzustellen, dass der Einsatz von Pfefferspray in vielen Prozessen von deutschen Gerichten als rechtswidrig angesehen wurde. Dabei ist der Einsatz meist unverhältnismäßig, da Unbeteiligte getroffen werden und die ärztliche Versorgung nicht sichergestellt ist. Gerade erst vor kurzem hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in einem 10 Jahre zurückliegenden Fall Fans Schadensersatz zuerkannt. Nachdem die Polizei selbst mit Erfolgsmeldungen im Artikel mehrfach zu Wort gekommen ist, wäre es aus Gründen der Neutralität der Darstellung und für ein differenziertes Bild aus meiner Sicht notwendig gewesen, hier diese Schattierung mitzugeben, indem man den Vorfall erwähnt. Ja, es ist auch durch den Einsatz der Polizei an diesem Tage meist friedlich geblieben. Waren die Mittel der Polizei dabei immer gerechtfertigt und angemessen? Ich glaube nicht. Durch den unstreitigen Einsatz von Pfefferspray vor dem Stadion, könnte man sogar zu dem Schluss kommen, dass das Verhalten mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht immer rechtskonform war. Ermittlungen würden wegen fehlender Kennzeichnungspflicht aber wohl ins Leere laufen.

Über fairen Umgang miteinander

Insgesamt glaube ich, dass es Details in der Berichterstattung gibt, bei denen ich die Kritik der Rot-Grün-Weißen Hilfe an der Augsburger Allgemeine nachvollziehen kann. Ich halte die Aufgabe allerdings auch nicht für einfach. Wenige Stunden nach dem Spiel objektiv die relevanten Informationen zu berichten und diese neutral darzustellen ist ein schwieriger Job. Zeichenbegrenzungen und Redaktionsschluss inklusive. Dabei urteilt die Rot-Grün-Weiße Hilfe gerne selbst pauschal und differenziert wenig, wenn der Vorwurf kommt, dass Informationen „mal eben weggelassen werden“. Dies würde ich Robert Götz nicht vorwerfen. Dessen Reaktion könnte professioneller nicht sein. Er stellt sich auf moderne Art und Weise der Kritik, bedankt sich für Stellungnahmen bei Facebook und setzt sich damit sicherlich auch in der Sache auseinander. Das ist zumindest mein Eindruck an dieser Stelle. Der Versuch der Rot-Grün-Weiße Hilfe „objektiv an Sachen ranzugehen“ ist dabei vorerst gescheitert. Die eigene subjektive Art, die Arbeit der Presse zu verunglimpfen stellt selbst kein gutes Beispiel dar, Kritik zu formulieren. Ich würde an dieser Stelle auch bestreiten, dass Informationen bewusst weggelassen oder ein Sachverhalt bewusst falsch dargestellt wurde. Eine etwas unaufgeregtere und fairere Herangehensweise an die Dinge und eine direkte Kommunikation (hat von der Rot-Grün-Weiße Hilfe jemand versucht im konkreten Fall mit der Augsburger Allgemeine Kontakt aufzunehmen?), hätte wohl  nicht geschadet. Im Kern sollte allerdings unangemessenes Verhalten auch der Polizei Eingang in die Berichterstattung finden, wenn es denn schon stattfindet.

Mir war es ehrlich gesagt insgesamt zu viel Trubel um ein Spiel der Regionalliga Bayern. Zeit, sich wieder auf die Bundesliga zu konzentrieren. Die Darstellung, dass auch bei diesem Derby viele Tausende zusammen Spaß an Fußball hatten, kam mir allerdings insgesamt zu kurz. Das Fehler auf allen Seiten immer passieren, wenn Menschen beteiligt sind, ist ganz normal. Ich würde mich freuen, wenn wir uns alle zusammen mehr auf das verbindende Element des Fußballsports konzentrieren würden. Dazu gehört eine entsprechende Kommunikation von allen Seiten.

AZ und Polizei im Abseits

In der letzten Woche hat die Augsburger Allgemeine beim FCA erneut den Fokus auf Geschehnisse abseits des Platzes gelenkt. Überschrift des Artikels ist: Polizisten in Augsburg spüren beim Fußball immer mehr Hass. Immer mehr Hass? Noch mehr Hass als letztes Jahr, als die Polizei vor Konflikten in der Fan Szene gewarnt hat? Schon damals hat sich mit Jörg Heinzle der gleiche Journalist der Augsburger Allgemeine mit Bernd Waitzmann, dem stellvertretenden Chef der Polizeiinspektion Süd, zusammengesetzt um über die Sorgen der Polizei zu sprechen. Schon vor einem Jahr machte Bernd Waitzmann keinen Hehl daraus, dass es in der Fanszene des FC Augsburg eine Entwicklung gibt, die ihm Sorgen bereitet. Nach dem neuerlichen Artikel stellt sich zu allererst die Frage, ob es ihm wohl am meisten Sorgen bereitet, dass er nicht noch öfter im Lichte der Öffentlichkeit glänzen darf.

Der Journalismus der Augsburger Allgemeinen ist dabei vollkommen boulevardesk, denn eine Auseinandersetzung mit harten Fakten findet nicht statt. Wie viele wirklich besorgniserregende Vorfälle gab es denn in diesem Jahr? Wie viele gab es in den Jahren davor? Dabei hat die Zeitung wohl selbstständig erkannt, dass es sich um Behauptungen handelt, die schwer mit handfesten Argumenten belegbar sind. So hatte Bernd Waitzmann im letzten Jahr den FC Augsburg selbst noch in die Verantwortung genommen und sich gewünscht, dass der Verein „auch Verantwortung übernimmt und den Fans klare Grenzen vorgibt.“ Dieses Jahr wurde der Verein mit den Behauptungen wohl gar nicht belästigt bzw. wollte sich dazu evtl. nicht äußern. Verständlicherweise. Denn es war in der Vergangenheit nicht so, dass der FC Augsburg seinen Anhängern alles durchgehen ließ. Der FC Augsburg hatte sich deutlich gegen Spruchbänder ausgesprochen und Konsequenzen gezogen. Untätigkeit in dieser Sache kann man dem Verein nicht vorwerfen.

Dabei sollte man eher der Polizei die kritische Frage stellen, warum man diesen Weg an die Öffentlichkeit sucht. Durch öffentlichen Druck sollen die Fangruppierungen wohl zur Kommunikation mit der Polizei gedrängt werden. Wenn es im letzten Jahr nicht funktioniert hat, dann wird es wohl dieses Jahr auch nicht funktionieren. Es ist doch wohl eher zu befürchten, dass diese öffentlichen Anschuldigungen von Fans als weitere Provokation von Seiten der Polizei angesehen werden und die Situation dadurch eher verschlimmert als verbessert wird. In diesem Zusammenhang will ich gerne eine Passage des offenen Briefs von Walter Seinsch aus 2013 zitieren:

„Da ich in den zwölf Jahren meiner Präsidentschaft hin und wieder mit den Fans zu Auswärtsspielen gefahren bin und im eigenen Stadion oft im Fanblock stehe, kann ich aus eigenem Erfahren berichten, dass das Verhalten des USK (Unterstützungskommando der Polizei, Anm. d. Red.) nicht selten extrem aggressiv, provozierend und damit kontraproduktiv ausfällt“, schreibt Seinsch.

Auch die Polizei trägt oftmals ihren Teil zur Eskalation von Situationen bei. Wenn die Augsburger Allgemeine den schwarzen Peter auf diesem Niveau Richtung Kurve schieben will, dann ist das zwar traurig für den Journalismus in der Region, sollte bei den Anhängern aber nicht zu mehr als einem müdem Lächeln führen. Wenn es viele berichtenswerte Vorfälle gegeben hätte, so hätten Jörg Heinzle und die AZ diese sicher stark-boulevardesk ausgeschlachtet und wir wüssten alle davon. Eine Spaltung der Fanszene ist indes auch nicht zu beobachten. Auf Grund der noch laufenden T-Shirt Aktion bin ich doch mit einigen Fans in Kontakt gekommen und es ist sehr bewundernswert, wie sehr man einig hinter wichtigen Inhalten steht. Dabei muss man nicht immer einer Meinung sein.

Mir tuen in diesem Zusammenhang diejenigen leid, die sich mit dem FCA nur ab und an beschäftigen und sich von dieser Berichterstattung verschrecken lassen. Nachdem die Augsburger Allgemeine zuerst einen Bruch zwischen Verein und Anhängern und ein sinkendes Interesse am FCA beschworen hat, kommt nun also die nächste negative Geschichte, die doch sehr konstruiert ist. Mir geht es in diesem Zusammenhang nicht darum, dass man berechtigte Kritik nicht äußern darf. Ich habe mich zuletzt auch sehr deutlich zum Umgang mit Schorsch Teigl geäußert. Der einzigen Tageszeitung im Umkreis sollte man aber zumindest abverlangen, dass das Pendel zwischen positiv und negativ nicht zu deutlich ausschlägt. Die immer wieder andauernde negative Presse ist dabei schädlich für den FCA. Als Verantwortlicher im Verein würde ich über Konsequenzen gegenüber der Augsburger Allgemeinen zumindest nachdenken. Auch die Pressevertreter haben Privilegien und die AZ ist auf Inhalte durch den FCA angewiesen. Vielleicht haben Verantwortliche und Spieler in Zukunft nicht mehr so viel Zeit für Interviews und Stellungnahmen? Bei den Inhalten wäre es nicht schade, wenn die Abonnentenzahlen weiter sinken würden. Denn das Interesse an der AZ geht belegbar schon seit Jahren zurück, obwohl es nur wenige Alternativen gibt. Mit diesen Inhalten sollte einen dies nicht verwundern.