Weinzierl und seine Zukunft: ein Gedankenspiel

Als Augsburg Fan ist es im Moment immer wieder das selbe: es reduziert sich sehr viel auf Markus Weinzierl. Sätze nach dem Motto: “Ihr habt ja diesen Super-Trainer: Der muss jetzt mal den nächsten Schritt machen, den könnt ihr nicht mehr lange halten”. In regelmäßigen Abständen tauchen Gerüchte über die beruflichen Möglichkeiten eines Trainers auf, der erst in der letzten Saison seinen Vertrag in Augsburg bis 2019 verlängert hat (über den Sinn und Unsinn von Vertragsverlängerungen muss ich mich wohl mal separat auslassen). Neben Schalke in der Sommerpause, war Gladbach nach dem Abschied von Lucien Favre sehr interessiert und mittlerweile wird RB Leipzig immer wieder genannt. Eine Ausstiegsklausel hat Weinzierl nicht, es wird allerdings spekuliert, dass ihm der Verein Gesprächsbereitschaft bei einem Angebot eines Topvereins zugesagt hat. Soweit die Ausgangslage.

Nachdem der Klassenerhalt alles andere als sicher ist, muss sich der Verein damit auseinandersetzen, was im Falle eines Abstiegs passieren würde. Ein Abstieg würde zumindest bei mir nicht grundsätzlich das Vertrauen in Markus Weinzierl erschüttern. Diese Saison ist bisher vor allem durch die Europa League mit vielen positiven Erinnerungen verbunden. Wenn zudem jemand prophezeit hätte, dass wir mit unseren wirtschaftlichen Möglichkeiten fünf Jahre in Folge in der ersten Bundesliga spielen, dann hätte man diese Person sicher für verrückt erklärt. Die Gefahr im Abstiegsfall ist allerdings nicht der Abstieg selbst sondern, dass das Gesamtkonstrukt auseinander fällt. Wenn Weinzierl auch bei einem Abstieg bleiben würde, wäre die Chance auf den direkten Wiederaufstieg sicher deutlich höher, da er die Mannschaft zusammengestellt hat und sehr gut kennt. Nachdem er an einem Abstieg zudem einen großen Teil der Verantwortung tragen würde, wäre es rein menschlich eine große Geste, wenn er versuchen würde diesen Rückfall in die zweite Liga wieder auszubügeln. Bei einem Rücktritt seinerseits sollte der Verein ihm (ähnlich wie Mainz 05 im Fall Tuchel) die Freigabe für einen neuen Verein verweigern, außer es kommt zu einer adäquaten Transferzahlung.

im Falle des Klassenerhalts, wird die Diskussion noch lauter fortgeführt werden, dass Weinzierl mit Augsburg nicht “mehr” erreichen kann, vor allem nach dieser Europa League Saison. Welch ein Luxus eine solche Diskussion zum jetzigen Zeitpunkt wäre. Allerdings wird sich auch kein Topverein melden. Der FC Bayern hat Carlo Ancelotti verpflichtet und der BVB hat allen Grund mit Thomas Tuchel zufrieden zu sein. Ein Blick auf die Tabelle zeigt, dass es mehr “Topvereine” in Deutschland momentan nicht gibt. Das ein heutiger Zweitligist in diese Kategorie fallen könnte, ist für mich (und viele andere Augsburger) sicherlich nicht darstellbar. Darüberhinaus frage ich mich ernsthaft, warum ein Bundesligatrainer eine sichere Stelle aufgeben sollte und wollte mein Bauchgefühl mit ein paar Zahlen unterfüttern: Die  Amtszeit von Bundesligatrainern betrug im Median zwischen 1998 und 2009 1,2 Jahre. Deutsche Trainer, die bei Amtsantritt jünger als 42 Jahre alt waren und keinen Nationalmannschaftshintergrund hatten, waren durchschnittlich 3,0 Jahre im Amt. Die Untersuchung der European Business School zeigt weiterhin neben diesen Erkenntnissen, dass Bundesligatrainer in der betrachteten Periode durchschnittlich bei 1,6 Vereinen angestellt waren, 15% der Trainer sogar mindestens bei 3 Vereinen.

Eine Betrachtung meinerseits der Trainerkarrieren mit den 10 längsten Amtszeiten der Bundesliga kommt zu einem ähnlichen Ergebnis:

Name längste Station Bundesligatrainer danach
Volker Finke 16 Jahre SC Freiburg 3 Spiele Interimstrainer 1. FC Köln
Otto Rehhagel 14 Jahre Werder Bremen 1 Jahr FC Bayern
14 Jahre 1. FC Kaiserslautern
Thomas Schaaf 14 Jahre Werder Bremen 1 Jahr Eintracht Frankfurt
momentan Hannover 96 (4 Monate)
Winfried Schäfer 12 Jahre Karlsruher SC 6 Monate VfB Stuttgart
Hennes Weisweiler 11 Jahre Borussia Mönchengladbach 4 Jahre 1. FC Köln
Eduard Geyer 10 Jahre Energie Cottbus n.v.
Werner Lorant 9 Jahre 1860 München n.v.
Jupp Heynckes 8 Jahre Borussia Mönchengladbach u.a. 4 Jahre FC Bayern München,
1 Jahr Schalke 04, 2 Jahre Bayer 04 Leverkusen und erneut 2 Jahre FC Bayern München
Jürgen Klopp 7 Jahre Mainz 05 7 Jahre Borussia Dortmund
Helmut Johannsen 7 Jahre Eintracht Braunschweig 1 Jahr Hannover 96, 2 Jahre VfL Bochum

Es wird ersichtlich, dass von den 10 Trainern nur 4 in der Bundesliga bei anderen Vereinen langfristig Erfolg hatten, obwohl 8 der Trainer zumindest auch für andere Vereine tätig waren. Wenn wir davon ausgehen, dass Markus Weinzierl noch 20 Berufsjahre vor sich hat, wird er keine Probleme haben, in der Bundesliga eine oder sogar mehrere weitere Chancen und Möglichkeiten zu erhalten. Allerdings sind mehrjährige Amtszeiten in der Bundesliga in der Minderheit und in einem ersten Schritt ist es so wohl interessant, die bestehende Amtszeit zu maximieren. Mit diesem Hintergrund ist es zwar nachvollziehbar, dass ein anderer Verein kurzfristig eine größere sportliche Herausforderung darstellen könnte. Unter Berücksichtigung des historisch belegten Verhaltens der Bundesligavereine macht ein freiwilliger Abschied von einem sicheren Arbeitsplatz wohl aber wenig Sinn, da eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass sich bei einem neuen Verein keine langfristige Zusammenarbeit ergibt.

Mit diesem Gedanken im Hinterkopf glaube ich, dass ein Statement von Weinzierl zum jetzigen Zeitpunkt einen positiven Impuls auslösen könnte. Die Zweifel mancher Spieler an der Zukunft Weinzierls beim FC Augsburg könnten in der Endphase der Saison seinen Rückhalt in der Mannschaft schwächen (sog. Lame Duck Effekt). Ein Ausräumen aller Gerüchte zum jetzigen Zeitpunkt, wie damals im Winter 2012 als sein Abschied herbeigeredet werden sollte, könnte im Gegensatz dazu, zu einem Schub führen und allen deutlich machen, dass wir alle gemeinsam diese schwierige Phase überwinden müssen. Wenn Weinzierl hierzu nicht bereit ist, dann stellt sich spätestens im Sommer die Frage, ob er noch genügend motiviert ist, mit dem FC Augsburg weiter einen etwas langsameren und mühsameren Weg zu gehen. Und ich werde nicht müde zu betonen, dass auch Manchester United zum Zeitpunkt des Amtsantritts von Alex Ferguson kein Topclub in England war. Wen interessiert dann schon Peps Karriereplanung und der FC Bayern. Amtszeiten über 4 Jahre sind sexy und toll. Augen auf, Markus!