Eine These zur Transferpolitik

Vorab: Im Folgenden handelt es sich um eine sehr gewagte These. Und Thesen sind in der Regel dazu da, be- oder widerlegt zu werden. Daher bittet auch der Autor des Textes ausdrücklich um eine angeregte Diskussion auf allen Kanälen.

Die Transferperiode ist nun abgeschlossen und über die zahlreichen Abgänge und die wenigen Zugänge viel gesagt und geschrieben worden. Was jedoch offen bleibt, ist die Frage nach dem Warum. Was ist der Langzeitplan, den Reuter, Hofmann & Co. mit den Transfers und der einhergehenden Ausrichtung des FC Augsburg erreichen wollen, denn komplett nachvollziehbar erscheinen die getätigten Zu- und Abgänge nicht jedem in der Anhängerschaft. Darüber kann als Beobachter und Fan nur spekuliert werden.

Die Theorie des Autors lautet:
Die Verantwortlichen des FC Augsburg haben erkannt, dass die Bundesliga mit Stuttgart und Hannover um zwei Mannschaften bereichert wurde, die finanziell wie strukturell dem FCA überlegen sind, folglich potentiell auch tabellarisch am Ende der Saison vor Augsburg stehen werden. Demnach steht für den FC Augsburg wahrscheinlich die schwerste der bislang sieben Bundesliga-Saisons an und die Chancen abzusteigen sind in diesem Jahr höher als in den vergangenen. Zudem hatte der FC Augsburg in der abgelaufenen Spielzeit fast immer mit den ältesten Kader. Eine Verjüngung ist also auf kurz oder lang nötig um nachhaltig wettbewerbsfähig zu bleiben.

Die Transferpolitik muss folglich danach ausgerichtet sein, im Falle eines Abstiegs immer noch auf einen breiten Kader zurückgreifen zu können der (a) jung, (b) eingespielt und (c) qualitativ so hochwertig ist, dass die Verweildauer in der 2. Bundesliga so gering wie möglich gehalten werden kann und idealerweise der Wiederaufstieg direkt geschafft wird.

Auch wenn die Abgänge von verdienten Spielern wie Verhaegh, Altintop, und Bobadilla sicher nicht geplant gewesen waren, so legte man ihnen bewusst keine Steine in den Weg um jungen Spieler schon in dieser Saison die Chance zu geben, in die Mannschaft zu finden. Mit Framberger, Gregoritsch und Cordova fand man hierfür drei Spieler, die auf Zweitliga-Niveau Spitzenleistungen zu bringen in der Lage wären und auch in der ersten Liga bestehen können. Mit Giefer und Luthe hätte man im Falle des Abstiegs ein Torhüter-Duo, das ebenfalls überdurchschnittliche Leistungen im Unterhaus erreichen kann. Auch bei Khedira und Thommy wäre man hier auf der sicheren Seite. Mit Baier und Heller hätte man zudem noch zwei erfahrene Spieler, die sicherlich auch nicht abgeneigt wären, in der 2. Bundesliga im Dress des FC Augsburg aufzulaufen.

Dass es im Falle eines Abstiegs auch Abgänge geben würde, steht wohl kaum zur Debatte. Namentlich wären das wahrscheinlich die Nationalspieler ambitionsreicher Länder, also Koo, Finnbogason, Hinteregger, Stafylidis eventuell auch Gouweleeuw, für die man jedoch allesamt noch gutes Geld bekommen und somit die Mannschaft punktuell verstärken könnte. Denn auch bei diesen Ausfällen, wäre zweitligatauglicher Ersatz nahezu vollständig vorhanden.

Zudem würde es zu einem Verein wie dem FC Augsburg passen, nicht unvorbereitet und blauäugig in eine Bundesligasaison wie diese zu starten. Man baut auf die (eigene) Jugend, zieht sie schon bei harten Wettkampfbedingungen hoch um dann im Falle eines Abstiegs bereits adhoc gute Ergebnisse erzielen zu können. Der 1. FC Köln musste sein Team beim letzten Abstieg grundsanieren und konnte die Früchte guter Arbeit nach zwei Saisons in der zweiten Liga ernten. Der VfB Stuttgart schaffte den Wiederaufstieg direkt, weil das Team eingespielt war und man die wichtigen Säulen halten konnte. Ebenso Hannover 96. Es kann aber auch anders laufen, wenn man unvorbereitet ist und sich mit seiner Personalpolitik verzettelt, wie prominente Beispiele wie Kaiserslautern, St. Pauli, Nürnberg, Fürth oder Düsseldorf zeigen.

So frustrierend die These im ersten Moment für manchen Fan erscheinen mag, wäre sie jedoch auch eine Hoffnung auf einen nachhaltigen Verbleib in der Bundesliga. Und noch zwei Dinge geben Anlass nicht in Panik zu verfallen: Steigt der FC Augsburg nicht ab, haben die Verantwortlichen auch alles richtig gemacht. Und: Es bleibt eine These, die genauso gut auch falsch sein kann.

Die große Kaderanalyse – Sommer 2017

Transfergerüchte auf allen Seiten. Angebliche Verpflichtungen und Abgänge werden diskutiert. Man könnte in diese Diskussionen einsteigen, derweil schaue ich selbst zu wenig Fußball abseits des FCA. Es interessiert mich einfach nicht (mehr) genug. Spieler anderer Mannschaften zu beurteilen fällt mir daher meist schwer. Taktische Rollen in Ihrer Gesamtheit zu verstehen und vorherzusagen, wie sich ein Spieler sich in unser eigenes System einfügt, ist eine schwierige Sache. Ich könnte im Moment auch gar nicht genau angeben, welches System Manuel Baum präferiert (3er Kette?, 4er Kette?, doch 2 Spitzen?). Wer weiß daher schon genau, welche Anforderungen er an Neuzugänge stellt?

Ich halte einzelne Transfers auch nicht für so wichtig. Insgesamt kommt es darauf an, dass wir in die nächste Saison mit einem starken Kader gehen, der vor allem auch in der Breite ordentlich aufgestellt ist. Es ist auch wichtig, dass Spieler flexibel einsetzbar sind, wie Markus Feulner in der Vergangenheit  gezeigt hat. Verletzungen können dazu führen, dass Planungen sonst ad Absurdum geführt werden. Zusätzlich kommt es im Abstiegskampf nicht nur auf das Talent einzelner Spieler an. Es ist wichtig, dass das Kollektiv funktioniert. Einsatz und Einstellung kommen bei der Beurteilung einzelner Spieler von außen oft zu kurz. Ein durchmischtes Altersgefüge ist wichtig. Wenn wir nun vermehrt auf eigene Jugendspieler bauen, müssen wir evtl. den einen oder anderen gestanden Bundesligaspieler dazu holen.

Dazu hat Manuel Baum wohl in der Schlussphase der Saison den Wert einer Stammelf entdeckt. Eingespielt und mit funktionierenden Automatismen hat ein solches Gefüge große Vorteile. Entsprechend ist es für Neuzugänge schwer, sich direkt einzufügen und ihren Beitrag zu leisten. Sie mit Erwartungen zu überfrachten erleichtert die Sache nicht gerade.

Diese Gedanken vorausgestellt, macht es aus meiner Sicht viel Sinn sich zu überlegen, wie der Kader des FCA in der nächsten Saison aussehen sollte und welche Transfers noch zu erhoffen sind. Folgend die Ist-Situation nach Positionen für die neue Saison (Position, in Klammern die von mir präferierte Anzahl an Spielern, danach die Spieler unter Vertrag mit Vertragsende in Klammern, meine derzeitige Stammelf fett):

Tor (3): Hitz (2018), Luthe (2020), Gelios (2018)

Innenverteidigung (5): Hinteregger (2018), Gouweleeuw (2020), Danso (2021), Janker (2018), Friedrich (2019)

Außenverteidigung (4): Verhaegh (2018), Stafylidis (2019), Max (2020), Framberger (2021), Opare (2018)

Defensives Mittelfeld (5): Baier (2018), Kacar (2018), Leitner (2021), Morávek (2020), Rieder (2021)

Offensives Mittelfeld (2): Ja-Cheol Koo (2019), Thommy (2018), Richter (2020)

Offensive Außen (4): Caiuby (2018), Schmid (2020), Usami (2020), Teigl (2020)

Stürmer (3): Alfed Finnbogason (2020), Raúl Bobadilla (2020), Dong-Won Ji (2018), Matavz (2019), Parker (2019)

Wie man sieht, sind manche Positionen eher üppig besetzt, wohingegen ich bei anderen Positionen schon hinterfragen will, ob wir nicht noch die ein oder andere Verstärkung brauchen. Am Rande vielleicht noch folgende Hinweise:

  • Vertragsende haben zum 30.06.2017: Altintop, Callsen-Bracker. Feulner und Schuster. Altintop sollte wohl für ein Jahr zurück kommen.
  • Aus dem Kader würde ich nicht nachweinen und sehe ich als Abgänge realistisch an: Friedrich, Opare, Kacar. Usami, Teigl, Matavz, Parker
  • Vertragsende haben in 2018 und stehen deswegen im Fokus dieses Jahr, weil sie sonst ablösefrei im kommenden Sommer gehen könnten: Hitz, Caiuby, Ji – bei Hinteregger hat wohl der Verein eine Option auf Verlängerung ähnlich wie bei Stafylidis, Koo und Max während der letzten Saison. Bei Hitz merkt man das Brimborium ja schon ordentlich. Wenn einer von den dreien geht, dann erwarte ich positionsgetreuen Ersatz. Bei Verbleib wird hoffentlich der Vertrag langfristig verlängert. Die restlichen Spieler, die in 2018 Vertragsende haben, sind perspektivisch für die Konkurrenz eher uninteressant, da zu alt (Baier, Verhaegh, Kacar) oder zu unerfahren (Gelios, Opare, Thommy).

Im Tor hängt alles davon ab, was in Bezug auf Hitz passiert. Wenn es die Möglichkeit für eine Verlängerung geben sollte, dann würde ich mich freuen, wenn der FCA diese nutzen kann bzw. alles ihm mögliche dafür tut. Hitz ist einer der stärksten Spieler in unserem Kader und sollte am besten langfristig gehalten werden. Luthe konnte in zwei Spielen zeigen, dass er einspringen kann. Konstant diese Leistung abzurufen wird  ein anderes Thema.

In der Innenverteidigung besteht wohl zum jetzigen Zeitpunkt die größte Sicherheit. Hier könnte ein Wechsel auf einem der hinteren Kaderplätze anstehen, wenn Friedrich geht, von dem man in dieser Saison verletzungsbedingt in der Profimannschaft noch gar nichts gesehen hat. Kacar kann hier aber zur Not auch aushelfen. Spannend ist die Frage, ob wir systembedingt nicht mehr Innenverteidiger benötigen.

In der Außenverteidigung wird wohl Verhaegh noch sein letztes Vertragsjahr spielen, bevor sein Weg beim FCA eventuell zu Ende ist. Ich würde mich freuen, wenn Framberger ihm ordentlich einheizen und ihn ablösen könnte. Auf links wird sich herausstellen, ob Max und Stafylidis beide bleiben. Brauchen könnten wir sie auf jeden Fall. Es gibt auch keinen Grund hier einen von beiden günstig abzugeben.

Im defensiven Mittelfeld und in der Innenverteidigung wäre es in der Breite sehr dünn, wenn der FCA im Winter mit Morávek und Janker nicht verlängert hätte. Ergänzungsspieler, die sich ruhig verhalten und nicht murren, wenn sie nicht zum Einsatz kommen. Im defensiven Mittelfeld sieht es hinter Daniel Baier dann auch ganz schön mau aus, vor allem was Körperlichkeit und Aggressivität angeht. Die Lücke von Dominik Kohr ist hier spürbar. Ich frage mich, ob von Moritz Leitner in der neuen Saison mehr kommt, oder ob diese Verpflichtung ein Flop war. In den Zweikämpfen war das teilweise schon sehr enttäuschend. Tim Rieder hat hier eine realistische Chance sich festzuspielen und der Platz neben Baier ist für mich weit offen.

Auf den offensiven Außen gibt es für mich viele Fragezeichen. Erreicht Caiuby erneut die Form der Vorsaison? Kann Schmid ans Saisonende anknüpfen? Nach den beiden setze ich wenig Hoffnungen in Teigl und Usami. Beide haben ihre Chancen bekommen und wenig daraus gemacht. Hier brauchen wir weitere Alternativen.

Im offensiven Mittelfeld und im Sturmzentrum sollte sich in der kommenden Saison die Situation entspannen. Vor allem wenn Altintop doch noch für eine Saison zurückkommt, sind wir hier nach den Verletzungen in der letzten Saison gut aufgestellt, solange nicht wieder eine Verletzungsepedemie ausbricht. Thommy bekommt hoffentlich eine realistische Chance und vielleicht kann Marco Richter erste Minuten sammeln.

Daraus folgend meine Priorität für Neuzugänge, sollte es nicht zu Abgängen von weiteren Spielern kommen: Defensives Mittelfeld, Rechtsaußen, Linksaußen, Innenverteidigung

Mit dieser Prämisse werde ich in den nächsten Wochen in Ruhe beobachten was sich tut und vielleicht zum Familienfest ein Update posten. Ich hoffe allerdings, dass der FCA nicht frühzeitig aktiv wird bzgl. Neuzugängen, da sich in der ersten Phase der Transferperiode die Kader der großen Vereine sortieren, hohe Preise gezahlt werden und sich die Situation erst später etwas beruhigt. Wir müssen 2-3 schlaue Transfers machen, die uns wirklich weiterbringen und nicht die Welt verändern. Alles mit der Ruhe. Die Sommerpause ist noch lang genug. Abwarten und Radler trinken. In den See hüpfen und abkühlen. Sich aufs nächste Jahr in der Bundesliga freuen.

Die unwahrscheinliche Geschichte des Tobi Werner

Dieser Text erschien zuerst in der Kolumne „Einwurf aus der Rosenau Gazette“ bei presse-augsburg.de.

Es muss qualvoll gewesen sein. Am letzten Spieltag der Saison 2007/2008 spielte Carl Zeiss Jena in Augsburg. Jena war zu diesem Zeitpunkt schon abgestiegen, konnte Augsburg aber noch mit in den Abgrund ziehen. In der Woche vor dem Spiel wurde bekannt, das Tobi Werner nach der Saison von Jena nach Augsburg wechseln würde. Er verbrachte das gesamte Spiel auf der Bank. Die Partie endete 1:1 unentschieden und der FCA hielt nur durch das bessere Torverhältnis gegenüber den Kickers aus Offenbach die Klasse. Wenn ich mich an diese Partie im Rosenaustadion erinnere, stellen sich mir immer noch die Nackenhaare auf. Zwei Jahre nach dem Aufstieg in die zweite Liga war der FC Augsburg dem erneuten Abstieg in die Drittklassigkeit nur knapp entkommen. 

Während seiner letzten Saison in Jena war Tobi Werner im Profifußball angekommen und mit 8 Toren und 6 Vorlagen ein Leistungsträger in einer schwachen Jenaer Mannschaft. Nach seinem Wechsel nach Augsburg sollte er in seinem ersten Jahr direkt eine ähnliche Rolle übernehmen. 32 Einsätze, in denen er hauptsächlich unter dem Trainer Holger Fach 6 Tore und 7 Vorlagen beisteuerte, waren ein sehr solider Einstand. Allerdings überzeugte der FCA damals sportlich selten. Viele FCA-Fans verdrängen dieses Jahr deswegen aus ihrem Gedächtnis.

Es kam mit Jos Luhukay ein neuer Trainer, und mit Ibrahima Traore und Axel Bellinghausen im Sommer 2009 starke Konkurrenz für seine linke Seite. 7 Einsätze in der zweiten Liga in 2009/10 (1 Tor/1 Vorlage) und 21 Einsätze in 2010/11 (5 Tore/2 Vorlagen) teilweise auch auf der rechten Seite ließen zumindest auf den Rängen Zweifel aufkommen, ob Tobi Werner jemals mehr als ein durchschnittlicher Zweitligaspieler sein würde. Die Mannschaft schaffte in 2011 den Aufstieg in die erste Liga. Tobi Werner ist einer dieser Aufstiegshelden, war aber damals kein Anker der Mannschaft. Wenn man zu dieser Zeit in Augsburg Umfragen durchgeführt hätte, welcher Spieler den Sprung in die erste Liga nicht schafft und wem man zum Abshied raten würde, dann hätte Tobi Werner wohl einen führenden Platz eingenommen. Er selbst war anderer Meinung und er sollte Recht behalten. 

Vor dem ersten Bundesligajahr des FC Augsburg wurde vielerorts spekuliert, wann der Abstieg unseres Provinzvereins feststehen würde. Unter Jos Luhukay wurde defensiv sehr solider Fußball gespielt und die Klasse letztendlich gehalten. Tobi Werner schoss ein Tor und bereitete ein weiteres vor. Das Bundesligamärchen in Augsburg ging weiter, aber das dauerhafte Zittern war noch nicht überwunden. Jos Luhukay wechselte nach Berlin, Markus Weinzierl kam. Mit ihm zuerst auch die schlechteste Hinrunde des FCA in der Bundesliga, bevor er nach der Winterpause wundersamerweise den Klassenerhalt sicherte. Tobi Werner spielte 30mal, erzielte 5 Tore und bereitete  7 weitere vor. Wie der FC Augsburg selbst war er nun komplett in der Bundesliga angekommen. Das verflixte zweite Jahr war überstanden. Was danach kam, sind bis jetzt die besten Jahre der Vereinshistorie. In 2013/14 wurde der FCA Achter, Tobi Werner spielte 31mal, schoss 9 Tore und bereitete 9 vor. Im Jahr des Europa League Einzugs spielte er erneut 31mal, erzielte 8 Tore und bereitete 5 vor. Er war ein Anker dieser tollen Mannschaften, ein Stützpfeiler, und die Zweifler waren zur Ruhe gebracht.

In der letzten Saison kamen zwar erneut 13 Bundesligaeinsätze hinzu, allerdings wurde Tobi Werner durch ein langwierige Verletzung zurückgeworfen und konnte sich in der zweiten Saisonhälfte nicht mehr gegen die starke Konkurrenz im Kader durchsetzen. Tobi Werner wechselt zur Saison 2016/17 zum VfB Stuttgart in die zweite Bundesliga. Tobi Werner bleibt zum heutigen Tag der Rekordtorschütze des FCA in der ersten Liga. Unvergessen sind seine Turban-Auftritte. Tobi Werner bleibt ein Spieler, der in den Geschichten über diese erfolgreichen Jahre, eine bedeutende Rolle einnehmen wird. 

Bei den Fans wird er dabei immer eine Sonderrolle haben. Eine Sonderrolle, die er durch sein eigenes Verhalten geschaffen hat. So war er es, der Simon, den verunglückten Ultra-Fan, in der Unfallklinik in Murnau besuchte. Und er ist es, der durch seine Leistungen den FCA symbolisierte wie kein anderer. Weniger athletisch als mancher Konkurrent, technisch vielleicht auch nicht ganz so versiert, hatte er immer ein größeres Herz und einen größeren Glauben an sich selbst als alle anderen. Es war nicht möglich, nicht mit ihm zu leiden oder sich nicht mit ihm zu freuen. Und wenn nach seinem Wechsel nach Stuttgart nur eine Eigenschaft von ihm in Augsburg verbleiben soll, so ist es dieser Glaube an sich selbst. Vor einigen Jahren hat keiner an uns geglaubt und die Zeiten der Zweifler werden wieder kommen. Aber so wie Tobi Werner sich von außen nicht hat sagen lassen, wo seine Grenzen liegen, so sollten wir das auch nicht tun. Wir sollten weiter Visionen haben und nach vorne schauen. Unsere besten Jahre liegen noch vor uns. 

Das wir dabei Tobi Werner wiedersehen ist selbstverständlich. Er sieht sich als Teil der Familie und das ist sehr schön. Mit seiner Familie ist er in Augsburg heimisch geworden. Identifikation ist was das Fan-Sein ausmacht und diese Identifikation ist ein starkes Band, das unterschiedlichste Menschen und auch uns mit Tobi Werner verbindet. Bessere Vorbilder für unsere Jugend kann es nicht geben und ich hoffe Tobi Werner gibt seine Überzeugungen an Jugendspieler in Augsburg nach seiner aktiven Karriere weiter. Wer, wenn nicht er, soll unsere eigene Jugend spätestens dann auf Bundesliganiveau heben?

 

Was bleibt vom Theater zwischen Schalke und dem FCA?

Dieser Text erschien zuerst in der Kolumne „Einwurf aus der Rosenau Gazette“ bei presse-augsburg.de. 

Als der Wechsel von Markus Weinzierl nach Schalke konkreter wurde, war ich schnell dabei zu fordern, dass der FC Augsburg Markus Weinzierl nicht unter Wert abgeben sollte und dieser sehr hoch wäre. Einen zweistelligen Millionenbetrag hatte Klaus Hofmann letztes Jahr selbst aufgerufen, bei mir wurde daraus der 10. Mio. EUR Mann. 10 Mio. EUR wurden es am Ende nicht, aber ganz ohne Gegenleistung hat der FC Augsburg seinen Erfolgstrainer und dessen Team nicht gehen lassen. Weinzierls eigener Wechsel war dabei wohl nur die erste von drei Transaktionen und die Zusammenhänge werden wohl erst durch ein bisschen Abstand deutlich. Nachdem beide Vereine über Wechselmodalitäten Stillschweigen vereinbart haben, betreibe ich etwas gehobene Kaffeesatzleserei. Genau das Richtige für die Sommerpause bis zum ersten Stadionbier der neuen Saison.

Am 17. Juni 2016 hat der FC Augsburg die Verpflichtung von Marvin Friedrich bekannt gegeben. Der 20jährige Innenverteidiger wechselt fest von Schalke 04 zum FC Augsburg und unterschrieb einen Vertrag über 3 Jahre mit Verlängerungsoption. Stefan Reuter hat Friedrich im Rahmen der Verpflichtung wie folgt beschrieben: „Marvin Friedrich ist ein großes Nachwuchstalent, das auch schon in der deutschen U19- bzw. U20-Nationalmannschaft am Ball war. Wir sind sicher, dass Marvin sich in unserer Mannschaft in den nächsten Jahren weiterentwickeln wird“. Friedrich kam bei Schalke in der letzten Saison sowohl in der Bundesliga als auch in der Europa League auf erste Einsatzminuten.

Ich rieb mir verwundert die Augen. Marvin Friedrich ist ein Spieler, den Vereine wie Schalke 04 normalerweise ausleihen, um ihm Spielpraxis zu verschaffen. Seine Einsätze für die Jugendnationalmannschaften und auch der Profivertrag bei Schalke 04 sind Indikatoren für sein großes Potential. Früher hätten wir einen Spieler dieses Kalibers ausgeliehen. Wir haben ihn aber fest verpflichtet. Nun ist Marvin Friedrich sicher noch nicht so weit wie Mats Hummels, als ihn Dortmund im Alter von 20 Jahren (erst nach einer Leihe) für 4,2 Millionen EUR fest verpflichtete. Wobei die Ablöse damals schon moderat bemessen war. Allerdings hat auch Neven Subotic in 2008 bei seinem Wechsel von Mainz 05 nach Dortmund im Alter von 19 Jahren schon 4,5 Millionen EUR gekostet. Ablösesummen sind seitdem erheblich gestiegen, was durch den Transfer für Jannik Vestergard für geschätzte 11 Mio. EUR von Bremen nach Mönchengladbach in diesem Sommer eindrucksvoll bestätigt wird. Ich glaube trotzdem nicht, dass der FC Augsburg mehrere Millionen für Marvin Friedrich überweisen muss. Dafür ist das Risiko, dass aus Marvin Friedrich ein Knowledge Musona der Innenverteidigung wird, zu groß und das Geld in Augsburg weiterhin nicht im Überfluss vorhanden. Zudem haben wir den Schalkern ja unseren Erfolgstrainer überlassen.

Rückblick: Am 02. Juni hat der FC Augsburg verkündet, dass Markus Weinzierl den FC Augsburg Richtung Schalke verlassen wird. In der Pressekonferenz in diesem Zusammenhang hat Stefan Reuter deutlich betont, dass die vertragliche Regelung mit Schalke 04 nur Markus Weinzierl selbst, allerdings nicht sein Trainerteam umfasst. Der FCA hat im Gegenzug direkt Dirk Schuster samt Trainerteam von Darmstadt 98 verpflichtet. Schalke 04 hat für Markus Weinzierl eine Ablöse bezahlt, die allerdings wohl nicht den ursprünglichen Forderungen des FC Augsburg entsprach. Es ist wohl auch davon auszugehen, dass die Vereine sich zu diesem Zeitpunkt auch schon über den Wechsel der Assistenztrainer von Markus Weinzierl und den Wechsel von Marvin Friedrich zumindest grundsätzlich einig waren. Am 15. Juni hat der FC Augsburg die Öffentlichkeit darüber informiert, dass die Verträge mit Weinzierls Assistenztrainern Wolfgang Beller und Tobias Zellner aufgelöst wurden. Knapp zwei Wochen nach Weinzierls eigenem Wechsel. Wobei davon auszugehen ist, dass Weinzierl seinen eigenen Wechsel mit dem Wechsel seiner Assistenten verknüpft hat. Trainer arbeiten heutzutage meist in festen Teams und Wechsel in den Teams sind im Erfolgsfall selten.

Warum den Wechsel erst jetzt finalisieren und verkünden? Der FC Augsburg musste sich mit Marvin Friedrich einigen und ihn von einem Wechsel überzeugen. Das kann Zeit in Anspruch genommen haben. Zudem hilft die dazwischenliegende Zeit wohl vor allem Schalke 04, um den Zusammenhang beider Transfers nicht allzu deutlich zu machen. Es scheint, als ob Markus Weinzierl der Wunschkandidat auf Schalke war. Für den FC Augsburg gab es keine Gründe, Weinzierl günstig aus seinem Vertrag zu lassen. Am Ende kann man in Augsburg mit dem Ergebnis wohl leben. Ein Trainer, der evtl. mit der sportlichen Ausrichtung in Augsburg nicht mehr ganz zufrieden war, hat den Verein nach 4 Jahren verlassen. Der Verein hat hierfür wohl eine Rekordablöse kassiert und einen hoch veranlagten Spieler fest verpflichten können. Weinzierls Erfolgsdruck auf Schalke wird nicht zusätzlich durch eine immense Ablösesumme erhöht. So oder so ähnlich, ist das Ganze besser gelaufen, als ich zuerst erwartet hätte. Jetzt muss nur noch aus Dirk Schuster unser neuer Erfolgstrainer werden und Marvin Friedrich spätestens in der übernächsten Saison relevante Spielminuten erhalten. Das Fundament ist durch die Verpflichtung wieder etwas breiter geworden.

#Idontgettired of Alex Esswein

Sommerpause. Die Zeit, in der viele Fans hoffen, dass ihre Mannschaft im nächsten Jahr besser spielt und abschneidet, weil man jetzt ein paar Kracher verpflichtet hat. Ich habe nichts gegen Verstärkungen, so lange wirtschaftlich nachhaltig gehandelt wird, aber mir ist wohl bewusst, dass jedem Zugang auch ein Abgang gegenüberstehen muss. Nach der Europa League Saison sollte es rein rechnerisch diesen Sommer beim FC Augsburg mehr Abgänge als Zugänge geben. Spieler, die in den letzten Jahren unsere Farben vertreten und in unserem Fall im Kollektiv die Erwartungen übererfüllt haben, werden Augsburg verlassen. Sascha Mölders war im Winter so ein trauriger Fall. Auch bei anderen Spielern kehrt bei Abschiedsgedanken bei mir etwas Melancholie ein, weil ich hohe Erwartungen hatte und immer wieder hoffe, dass diese in Augsburg von den Spielern erfüllt werden. Alex Esswein fällt in diese Kategorie.

Meine erste Erinnerung an Alex Esswein geht auf ein Bundesligaspiel im August 2011 zurück. Augsburg und Nürnberg spielten im Frankenstadion gegeneinander und Esswein markierte nach tollem Solo das spielentscheidende Tor für Nürnberg. Ich war mit meinem Schwiegervater – einem Club Fan – vor Ort und musste meinen Ärger im Zaun halten. Im März 2013 traf Esswein für den Club erneut gegen uns, bevor er im Januar 2014 von Nürnberg nach Augsburg wechselte. Damals freute ich mich, dass wir diesen talentierten Spieler verpflichten konnten, immer noch jung und mit einem Hang zur Torgefährlichkeit in entscheidenden Situationen. Endlich für und nicht gegen uns. Das Esswein in seiner Zeit in Nürnberg nur 7 Tore erzielte und gerade gegen uns zweimal erfolgreich war, ist mir damals nicht aufgefallen.

Nach nun 2,5 Jahren in Augsburg steht Alex Esswein erneut an einem Scheidepunkt in seiner Karriere. Sein Vertrag in Augsburg läuft noch bis 2017 und so kann der FCA nur noch in diesem Sommer eine Ablöse für ihn erzielen. Die Alternative wäre, dass Esswein seinen Vertrag in Augsburg verlängert. Die ersten Wechselgerüchte sind mittlerweile aufgetaucht. Esswein ist mit seiner Schnelligkeit und Torgefährlichkeit für viele Clubs immer noch interessant. Zudem ist er mit nun 26 Jahren immer noch relativ jung und sollte einige weitere Jahre auf hohem (?) Niveau spielen können.

Esswein hat während seiner Zeit in Augsburg Akzente setzen können. 70 Spiele sind zusammen gekommen. Dabei hat ihm allerdings lange die nötige Effektivität vor dem Tor gefehlt. 5 Tore sind zu wenig auf einer Position, auf der es Andre Hahn in Augsburg zum Nationalspieler gebracht hat. In Augsburg könnte der Trainerwechsel für Alex Esswein allerdings neue Möglichkeiten eröffnen. Dirk Schuster setzt sehr auf Konterangriffe, für die Esswein auf Grund seiner Schnelligkeit prädestiniert scheint. Allerdings erwartet Schuster auch konsequente Defensivarbeit. In diesem Bereich hat sich Esswein zwar schon unter Weinzierl phasenweise verbessert gezeigt, aber die Defensivarbeit ist bei ihm immer noch ein Manko. Essweins Fortschritte wurden dabei auch immer wieder durch Verletzungen behindert. Neben einem Kniescheibenbruch und einem Muskelbündelriss fiel er mehrmals durch muskuläre Probleme aus. In der Hinrunde hatte ich dann gehofft, dass der Knoten geplatzt ist. Er erzielte Tore gegen Hannover, die Bayern und den VfB Stuttgart. In einigen guten Partien war er teilweise der offensiv gefährlichste Spieler. Leider blieb es bei einer Phase.

Ich kann daher nachvollziehen, warum der Trennungsschmerz bei einem Abschied begrenzt wäre. Andererseits ist Esswein für mich ein Typ mit Ecken und Kanten. Kein glatter Musterprofi. Zusätzlich kann er in Spielen die Entscheidung bringen, auch von der Bank. Diese Eigenschaften lassen ihn trotz seiner Verletzungshistorie und unkonstanter Leistungen in den Fokus anderer Vereine rücken. Wenn man betrachtet, welche Entwicklungen Konstantin Rausch oder Sandro Wagner unter Dirk Schuster genommen haben, so würde ich gerne sehen, wie hoch wir die Latte für Alex Esswein beim FC Augsburg noch legen können. Eine Vertragsverlängerung um ein Jahr sollte kein allzu großes Risiko und für Esswein eine entsprechende Probezeit darstellen. Dann können wir seine Instagram Hashtags in der Realität überprüfen. Ansonsten wird er für einen anderen Verein treffen. Hoffentlich nicht wieder gegen uns, aber wir wissen ja alle wie das dann laufen wird.